Brindisi/Rom - Während Italien nach dem Bombenanschlag trauert, verfolgen die Ermittler eine erste Spur: "Wir haben gute Bilder - Bilder die fast mit Sicherheit im Zusammenhang mit dem Attentat stehen", sagte Staatsanwalt Marco Dinapoli am Sonntag der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Möglicherweise handele es sich bei dem Täter um einen psychisch Kranken.
Die Aufnahmen der Überwachungskamera sollen einen Mann zeigen, der einen Sprengsatz vor der Schule deponiert. Zunächst hatten Behörden gesagt, die Bombe, vermutlich drei Gasbehälter, ein Zünder und eine Zeitschaltuhr, sei in einer Mülltonne vor der Schule versteckt gewesen. Jetzt teilt Ansa mit, sie habe auf einer niedrigen Mauer gelegen. "Der Mechanimus ist nicht sehr kompliziert, aber nicht jeder könnte so etwas bauen", sagte Dinapoli. Zwei weitere Personen, die auf den Video-Aufzeichnungen zu sehen waren, seien von den Ermittlern verhört worden.
Die Bombe war am Samstag vor einer Berufsschule im süditalienischen Brindisi explodiert. Sie detonierte, als die Mädchen und Jungen auf dem Weg zum Unterricht waren. Eine 16-jährige Schülerin kam dabei ums Leben. Zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt, wie viele genau ist auch einen Tag nach dem Anschlag noch unklar: Manche Quellen berichten von fünf Verletzten, andere von zehn.
Ermittler setzen auf Phantombild
Mithilfe der Überwachungskamera wurde inzwischen ein Phantombild des Verdächtigen angefertigt, nach dem die Polizei nun fahndet. Es handele sich bei dem Anschlag "möglicherweise um die Tat einer Person, die mit dem Rest der Welt im Krieg steht oder psychologische Probleme hat", sagte Dinapoli. Der Täter habe die Abläufe an der Schule offenbar gekannt und den Zeitpunkt für die Explosion gezielt gewählt. "Er wollte ein Massaker verüben", sagte Dinapoli. "Im Moment verstehen wir noch nicht, was die Motivation für dieses Massaker sein könnte." Die Innenministerin Anna Maria Cancellieri sagte: "Es ist ein abartiger und komplexer Fall, der große Sorge und darüber hinaus großen Schmerz auslöst, da junge Menschen betroffen sind."
Zu der Tat hat sich bislang niemand bekannt, und das Verbrechen trägt keine Handschrift, die eindeutig zuzuordnen wäre. Viele vermuteten zunächst, dass die Mafia hinter dem Anschlag steckt, schließlich ist die Schule nach dem Untersuchungsrichter Giovanni Falcone und dessen Ehefrau Francesca Laura Morvillo benannt. Falcone, ein berühmter Mafia-Jäger, starb vor fast genau 20 Jahren bei einem Anschlag.
Doch die Tat passt nicht zur Mafia: "Es scheint unwahrscheinlich, nicht vollständig auszuschließen, aber sehr unwahrscheinlich, dass sie mit dem Mafia-Netzwerk verbunden ist", sagte Staatsanwalt Dinapoli. Sein Kollege, der Anti-Mafia-Staatsanwalt Cataldo Motta sagte, dass die Mafia bei ihren Bomben eher Dynamit verwendet. Die Bombe vom Samstag bestand aus Benzin. Zudem betonen Ermittler, es sei unwahrscheinlich, dass die in Brindisi aktive Mafia-Organisation Sacra Corona Unita Zivilisten auf ihrem eigenen Territorium angreife.
In Italien nimmt seit Wochen die Angst vor Anschlägen zu - jedoch vor allem gegen die ungeliebten Steuerbehörden und andere Einrichtungen. Denn die Bürger sind wütend wegen des Sparzwangs, den die Regierung von Mario Monti verordnet hat. Auch anarchistische Gruppen hatten mit Attentaten gedroht. Vergangenen Donnerstag hatte Rom Anti-Terror-Maßnahmen beschlossen. Mehr als 14.000 Einrichtungen werden demnach überwacht. Rund 550 Menschen bekommen bewaffneten Begleitschutz. 20.000 Sicherheitskräfte sind dafür im Einsatz. Aber der Bombenanschlag auf die Berufsschule für Mode, Touristik und soziale Berufe kommt völlig überraschend.
An den öffentlichen Gebäuden in Italien wehen die Fahnen seit dem Anschlag auf halbmast, am Samstagabend gingen in Italien spontan viele Menschen auf die Straße, um ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen. In Rom versammelten sich viele vor dem Pantheon. "Wir haben keine Angst", stand auf Transparenten. Auch in Brindisi kamen viele Menschen zusammen. "Brindisi weint mit den Opfern", stand auf ihren Plakaten - auch von Vorwürfen gegen die Mafia war zu lesen.
Zu einer Messe in Mesagne, dem Heimatort des getöteten Mädchens, kamen am Sonntag Familie und Freunde, viele weinten. Auch die Überlebenden kämpfen mit den schrecklichen Eindrücken. "Ich habe dem Tod in die Augen gesehen", sagte die beste Freundin der Verstorbenen der Nachrichtenagentur Ansa.
fln/dpa/Reuters/AFP
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