Anschlag auf BVB Das Kapitalverbrechen

Der 28 Jahre alte Sergej W. soll den Bombenanschlag auf Borussia Dortmund verübt haben - um den Aktienkurs des Klubs zu manipulieren und reich zu werden. Wer ist dieser Mann?

Polizeieinsatz in Rottenburg am Neckar
OSKAR EYB/ EPA/ REX/ Shutterstock

Polizeieinsatz in Rottenburg am Neckar

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Wenn sich bestätigen sollte, wovon Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt derzeit ausgehen, ist der aus Freudenstadt in Baden-Württemberg stammende Elektrotechniker Sergej W. für eines der spektakulärsten und zugleich niederträchtigsten Wirtschaftsverbrechen der deutschen Kriminalgeschichte verantwortlich.

Der 28-Jährige soll am 11. April den Bombenanschlag auf Borussia Dortmund verübt haben, bei der Detonation dreier Sprengsätze neben dem Mannschaftsbus wurden der Spieler Marc Bartra und ein Polizist verletzt. Sergej W. werden versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Laut Ermittlern wollte W. eine Vielzahl von Fußballprofis töten, um einen massiven Kurssturz der BVB-Aktie auszulösen. Er soll sich in das Mannschaftshotel eingemietet und von dort am Tattag Optionsscheine gekauft haben, die ihm im Falle eines drastischen Kursverlustes des Wertpapiers Hunderttausende Euro hätten einbringen können. Darauf deutet die hoteleigene IP-Adresse hin, die bei dem Onlinegeschäft mit der Comdirekt-Bank verwendet wurde.

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Zitate: Reaktionen auf Festnahme nach Anschlag auf den BVB

Am 13. April zeigte die Bank einen Geldwäscheverdacht beim hessischen Landeskriminalamt (LKA) an, die eine Stunde später dem Düsseldorfer LKA übermittelt wurde. So kam die Polizei dem mutmaßlichen Täter auf die Spur. Zudem hatte sich bereits einen Tag nach dem Anschlag ein anonymer Hinweisgeber aus dem Finanzsektor an die nordrhein-westfälische Polizei gewandt. Sergej W. stand seit einer Woche im Visier der Ermittler, er wurde pausenlos überwacht.

Ein junger Mann will mehrere Menschen töten, um mit Aktiengeschäften Geld zu verdienen, falsche Bekennerschreiben sollen den Verdacht auf islamistische Terroristen lenken - der Plot wirkt unfassbar, wie aus einem Hollywood-Thriller. Und doch sind die Ermittler überzeugt, dass ein 28-Jähriger all das ausgetüftelt hat, derzeit gibt es keine Hinweise auf Komplizen. Wer ist dieser Mann und wie ging er vor?

Noch ist nur wenig über Sergej W. bekannt. Bereits im März soll er Zimmer im Hotel L'Arrivée reserviert haben - und zwar sowohl vom 9. bis 13. April als auch vom 16. bis 20. April. Seinerzeit stand noch nicht genau fest, wann der BVB sein Champions-League-Heimspiel gegen den AS Monaco spielen würde. Beim Einchecken legte W. wohl besonderen Wert darauf, ein Zimmer mit Blick auf den Parkplatz zu erhalten. Denn von dort aus - so nehmen die Ermittler der Sonderkommission "Pott" im Bundeskriminalamt an - löste er schließlich per Funk die drei mit Metallteilen versetzten Sprengsätze aus. Nur weil die zweite Bombe zu hoch platziert worden war, ging die Attacke vergleichsweise glimpflich aus.

Videoanalyse von Jörg Diehl: "Ein äußerst perfider Plan"

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Der mutmaßliche Attentäter wurde in Russland geboren und kam Anfang der Nullerjahre als Teenager mit seiner Familie nach Deutschland. Er lebte zuletzt im baden-württembergischen Rottenburg am Neckar und arbeitete als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk. Seine Ausbildung bei einem regionalen Maschinenbauer hatte er mit Bravour bestanden, die neun Monate als Wehrdienstleistender in einem Lazarettregiment verliefen im Jahr 2008 vollkommen unauffällig. Dort wurde er nach SPIEGEL-Informationen in einer Unterstützungseinheit für Sanitäter eingesetzt, die sich um Instandsetzung und Elektrotechnik kümmerte. Besondere Schulungen etwa im Umgang mit Sprengstoffen scheint er nicht erhalten zu haben.

Sein Facebook-Profil gibt Aufschluss darüber, dass W. sich vor Jahren in einer Pfingstgemeinde engagiert haben muss. Fotos aus dem Dezember 2014 zeigen ihn mit anderen jungen Gläubigen beim Weihnachtsbacken. W. wirkt auf den Bildern etwas verloren, mit den Händen in den Hosentaschen sieht er ausdruckslos bei der Arbeit zu. Auf seinem eigenen Profilbild posiert er hingegen mit Sonnenbrille, aufgeknöpftem Hemd und in lässiger Pose vor mediterraner Kulisse.

Sergej W.

Sergej W.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL erzählte ein Bekannter, W. habe sich in der vergangenen Woche krank gemeldet. Diese Woche sei er nun wieder bei der Arbeit erschienen und habe ganz normal gewirkt. W. sei aber grundsätzlich sehr verschlossen gewesen.

Den Ermittlern schien sein Verhalten nach dem Anschlag extrem kaltblütig gewesen zu sein: Im Restaurant des Hotels bestellte er ein Steak, ließ sich im Spa-Bereich massieren und von der Polizei befragen. Selbst nach der wohl robusten Festnahme durch die GSG 9 fiel Sergej W. nicht in sich zusammen. Nach Informationen des SPIEGEL schweigt er beharrlich zu den Vorwürfen. Dennoch erließ der Bundesgerichtshof nun Haftbefehl gegen ihn - es bestehe dringender Tatverdacht, hieß es.

Womöglich aber machte der mutmaßliche Attentäter nicht nur einen verhängnisvollen Fehler, als er aus dem Hotelnetz die belastenden Finanzprodukte kaufte. Vielleicht waren die falschen Bekennerschreiben des "Islamischen Staats" seine größte Fehleinschätzung. In einem Fall, in dem der Generalbundesanwalt ermittelt und der BKA-Chef persönlich im Kanzleramt berichten muss, sind die ansonsten häufig knapp bemessenen Ressourcen der Behörden plötzlich unbeschränkt. So dauerte es nicht lange, bis die Ermittler ihn im Visier hatten.

Mitarbeit: Jan Friedmann, Roman Lehberger, Ayla Mayer, Ansgar Siemens

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insgesamt 137 Beiträge
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ein-berliner 21.04.2017
1. Unendliche Möglichkeiten
Der Kapitalismus ermöglicht, wie man sieht, unendliche Möglichkeiten Geld zu machen.
levy_izhak 21.04.2017
2. Mafia
Das riecht nach russischer Mafia
aurichter 21.04.2017
3. Da meint man,
dass man im Laufe eines Lebens bereits alles Niederträchtige und Kriminelle gesehen hat und dann wird man wieder eines besseren belehrt. Es ist wirklich erstaunlich wieviel Phantasie Menschen mit krimineller Energie entwickeln können, um sich selbst so skrupellos wie in diesem Fall bereichern wollen und ey Ihnen dabei auf Menschenleben nicht ankommt. In diesem Fall auch wieder passend, Gier frisst Hirn. Der Dank gilt den Ermittlern und den aufmerksamen Mitarbeitern aus dem Bankensektor, die somit eine Festnahme ermöglicht haben.
paulpuma 21.04.2017
4.
Die Helden sind bei der Polizei.
Pfaffenwinkel 21.04.2017
5. Eine sehr gute Ermittlungsarbeit
Die schnelle Aaufklärung dieses unglaublichen Falles verdient Respekt.
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