Anschlag in Glasgow Polizei fahndet mit Großrazzia nach Terroristen

Die Fahndung nach den Bombenlegern von London und den Hintermännern des Anschlags auf den Flughafen von Glasgow läuft auf Hochtouren. Die Polizei startete Razzien in der Nähe der Stadt. Laut einem Zeitungsbericht sind die Airport-Attentäter bereits identifiziert.


Berlin - Die britische Polizei ist sicher, dass der gestrige Anschlag auf den Flughafen von Glasgow und die am Freitag in London gefundenen Autobomben auf eine Terrorzelle zurückzuführen sind. Heute Vormittag führten die Ermittler Razzien in mehreren Häusern in der Nähe von Glasgow durch. "Wir können bestätigen, dass zahlreiche Häuser in der Gegend Renfrewshire durchsucht werden", teilte die Polizei mit.

Fahndung in Glasgow: Auf der Jagd nach den Hintermännern
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Fahndung in Glasgow: Auf der Jagd nach den Hintermännern

Augenzeugen berichteten von Einsatzkräften in weißen Overalls, die rund neun Kilometer westlich von Glasgow Häuser durchsuchten. Die Ermittlungen stünden auch im Zusammenhang mit den am Freitag in London gefundenen Bomben, hieß es weiter. Über Ergebnisse der Durchsuchungen gab es zunächst keine Nachrichten.

Gestern Nachmittag hatten zwei angeblich "asiatisch aussehende" Attentäter versucht, einen brennenden Jeep Cherokee in die Haupthalle des Flughafens von Glasgow zu steuern. Sie wurden von der Polizei und mit Hilfe von Passanten gestoppt. Das grüne Auto zerbrach die Glastore des Terminals und kam nur wenige Meter vor einer Warteschlange von Flugtouristen zum Stehen. Die beiden Männer wurden festgenommen, einer von ihnen befindet sich wegen seiner Brandwunden in kritischem Zustand.

Das Krankenhaus, in das er gebracht wurde, musste am Abend evakuiert werden - an seinem Körper soll er einen "verdächtigen Gegenstand" getragen haben, möglicherweise einen Sprengstoffgürtel. Ein ebensolcher Gürtel soll schon bei der Festnahme am Flughafen unschädlich gemacht worden sein. Das berichten Augenzeugen laut britischen Presseberichten; die Polizei kommentierte das nicht. Bei dem Brandanschlag auf den Flughafen wurden insgesamt sechs Menschen verletzt, darunter ein Verdächtiger.

Die britischen Fahnder haben inzwischen fünf Verdächtige im Zusammenhang mit den Vorfällen festgenommen. Neben den beiden Fahrern des Anschlagswagens von Glasgow nahmen britische Anti-Terror-Fahnder in der Nacht in der nordenglischen Grafschaft Cheshire zwei Personen fest, die heute in London verhört werden sollen, wie Scotland Yard mitteilte. Wie ein Augenzeuge der BBC berichtete, stoppten Sicherheitskräfte in Zivil auf der M6 in Cheshire ein verdächtiges Fahrzeug und nahmen die Insassen unter Arrest. Am Mittag kam es nach Angaben der Polizei in Merseyside dann zu einer weiteren Festnahme in Liverpool. Nähere Informationen hierzu gab es zunächst nicht.

Nachtclubs im Visier

Bereits am Freitag hatte ein Anschlagsversuch Großbritannien in Aufregung versetzt. Im Londoner West End wurden zwei Autobomben gefunden, die allerdings rechtzeitig entschärft werden konnten. Sie waren in zwei Mercedes-Limousinen versteckt und sollten offenbar wenige hundert Meter voneinander entfernt zur Explosion gebracht werden. Beide Fahrzeuge waren zudem mit Gasflaschen und Nägeln beladen, um die Explosion noch tödlicher zu machen. Der erste Wagen, der gefunden wurde, stand in unmittelbarer Nähe eines Nachtclubs, der zweite wurde in einer Tiefgarage gefunden, wohin die Polizei ihn wegen Falschparkens abgeschleppt hatte. Erst vor kurzem hatten Sicherheitsbehörden Nachtclubs vor Autobomben gewarnt, berichtete die "Times" gestern.

Einer der Gründe, aus denen die Polizei von einem klaren Zusammenhang zwischen der Tat in Glasgow und den beiden Anschlagsversuchen in London ausgeht: In allen drei Fahrzeugen hätten sich große Mengen entzündlicher Materialien befunden, erklärten die Behörden. Aus britischen Sicherheitskreisen verlautete, es gebe Hinweise darauf, dass der Angriff in Glasgow als Selbstmordanschlag geplant worden sei.

Erinnerungen an ähnliche Plots

Terrorexperten der britischen Regierung und unabhängiger Institutionen gehen fast einhellig davon aus, dass die Hintermänner wahrscheinlich islamistische Terroristen sind. Dafür spräche zum Beispiel der Modus Operandi. Autobomben dieser Machart sind unter anderem aus dem Irak bekannt. Aber auch das Timing stützt diese Theorie: In einer Woche jähren sich zum zweiten Mal die verheerenden Terroranschläge auf das Londoner Nahverkehrssystem, bei denen am 7. Juli 2005 über 50 Menschen getötet wurden. Die Täter waren vier islamistische Selbstmordattentäter. Zudem hat der britische Premier Gordon Brown erst vor vier Tagen sein Amt von Tony Blair übernommen - Dschihadisten könnten versucht sein, deutlich zu machen, dass sich hier ihr Hass keineswegs nur auf Tony Blair beschränkt, heißt es. Schließlich hatte die Queen in der vorletzten Woche dem britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie die Ritterwürde verliehen, was unter Islamisten weltweit für Empörung gesorgt hatte.

Unterdessen berichtet der "Guardian", dass sich die Ermittlungen der Polizei auch auf einige bekannte Islamisten konzentrieren, die zuletzt gegen ihre Meldeauflagen verstoßen hätten. Einer dieser Männer war bereits Angeklagter in einem Terrorverfahren, konnte aber nicht verurteilt werden. Bei dreien der insgesamt fünf Männer waren die Behörden bislang davon ausgegangen, dass sie möglicherweise außerhalb des Landes in den Kampf ziehen wollten; jetzt wollen sie sie ausfindig machen, um zumindest ihre Tatbeteiligung ausschließen zu können.

Das britische Boulevardblatt "News of the World" berichtet heute, die britische Polizei habe bereits die beiden Fahrer der Autos identifiziert, die in London zur Explosion gebracht werden sollten. Der US-Fernsehsender ABC hatte zuvor berichtet, einer der Fahrer sei ein Komplize des derzeit in Großbritannien inhaftierten Extremisten Dhiren Barot. Der zum Islam konvertierte frühere Hindu hatte vor seiner Festnahme im Jahr 2004 Anschläge in Großbritannien und den USA vorbereitet. Einer seiner Pläne sah vor, Autobomben in Limousinen zu verstecken und in Tiefgaragen zur Explosion zu bringen. Auch Gasflaschen und "möglichst rostige Nägel" sollten dabei zum eingesetzt werden, schrieb Dhiren damals in einem 39-seitigen Exposé.

In Großbritannien herrschen seit Freitag erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Die Regierung rief die Bürger zu Wachsamkeit auf.

yas/phw/rtr/afp/dpa

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