Prozess gegen Apotheker "An Dreistigkeit nicht zu überbieten"

Peter S. soll in Tausenden Fällen Krebsmedikamente falsch dosiert haben, um sich zu bereichern. Nun steht er vor Gericht, unter anderem wegen Betrug. Den Opfern reicht das nicht.

Nebenklägerin Christiane Piontek
Christian Parth

Nebenklägerin Christiane Piontek

Von Christian Parth, Essen


Hochkonzentriert blickt Peter S. durch seine schwarz umrandete Brille rüber zum Staatsanwalt. Rudolf Jakubowksi verliest die Anklage, die 820 Seiten wurden in Absprache mit dem Gericht deutlich verkürzt. Es ist vor allem eine umfangreiche Sammlung von Daten. Sie zeigt, wann und mit welchen Wirkstoffen Apotheker S. aus Bottrop in seinem Labor teure Krebsmedikamente gepanscht haben soll, um sich persönlich zu bereichern. Mal schüttelt S. den Kopf, mal kneift er ungläubig die Augen zusammen. Der frühere Chef der "Alten Apotheke" soll verantwortlich sein für einen der größten Pharmaskandale in der Geschichte der Bundesrepublik. Er schweigt zu den Vorwürfen.

Der Angeklagte S. muss sich vor der 21. Großen Strafkammer am Essener Landgericht wegen Abrechnungsbetrug, Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und versuchter Körperverletzung verantworten. Zwischen Oktober 2012 und seiner Verhaftung im November 2016 soll er in etwa 62.000 Fällen sogenannte Zytostatika gepanscht, an schwerkranke Patienten in mindestens sechs Bundesländern ausgegeben und mit dem Schwindel bei den Krankenkassen einen Schaden von rund 56 Millionen Euro verursacht haben. Die Infusionen und Spritzen, führt Staatsanwalt Jakubowski aus, waren deutlich zu gering dosiert oder enthielten überhaupt keinen Wirkstoff.

"Die Opfer nicht im Blick"

Es ist ein gewaltiger Prozess, der da auf die Beteiligten zurollt. Angesetzt sind 14 Verhandlungstage. Das Gericht hat 17 Nebenkläger zugelassen. Betroffen sein sollen 4600 Patienten, aber einen zweifelsfreien Nachweis konnte die Anklage nur in diesen wenigen Fällen ermitteln. Der Angeklagte hat sich vier Verteidiger zur Seite gestellt. Auch das gibt einen Hinweis auf den Prozessverlauf: Mit einem Geständnis des Apothekers, der elegant in schwarz gekleidet zwischen seinen Anwälten sitzt und jede Ausführung aufmerksam verfolgt, wird angesichts der juristischen Phalanx vermutlich nicht zu rechnen sein.

Die Betroffenen sind wütend. Draußen vor Saal 101 steht Christiane Piontek. Sie hatte Brustkrebs und erhielt für ihre sechs Chemotherapien ebenfalls Medikamente aus der Apotheke von S. In dem Prozess tritt die 50 Jahre alte Heilerziehungspflegerin aus Bottrop als Nebenklägerin auf. "Was S. gemacht hat, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten", sagt sie.

Damals, im Jahr 2013, sei S. oft selbst in den Mediparc gekommen, um die Präparate für die Krebstherapien zu übergeben. "Er grüßte nett, machte uns sogar Geschenke, obwohl er wusste, was er uns antat. Das muss man sich mal vorstellen." Der Prozess verfehle sein Ziel, sagt Piontek, denn im Wesentlichen habe das Gericht den Betrug im Blick, "nicht aber die Opfer".

"Aus unserer Sicht versuchter Mord"

Mit der Anklage sei S. viel zu gut weggekommen, meint Anwalt Siegmund Benecken, der eines der Opfer vertritt. Die Staatsanwaltschaft hatte die möglichen Tode von Patienten infolge der unzureichenden Therapien aus Gründen der schwierigen Beweisbarkeit nicht eingebracht. Vor Gericht beantragt Benecken, den Fall dem Schwurgericht zuzuweisen, das sich auch mit Tötungsdelikten beschäftigt. "Die Staatsanwaltschaft hat das juristisch falsch bewertet. Mit seiner Panscherei hat er wissentlich billigend den Tod von Menschen in Kauf genommen", sagt er. "Da er aus Habgier handelte, ist das aus unserer Sicht versuchter Mord."

Dass die Nebenklage mit ihrem Antrag durchkommt, gilt als unwahrscheinlich. Der Prozess müsste in diesem Fall komplett neu aufgerollt werden. Das Gericht will am Dienstag dazu Stellung nehmen, genauso wie zu einem weiteren Antrag von einem der Nebenklage-Vertreter, der einen der beiden Schöffen für befangen hält.

Egal wie das Gericht auch entscheidet, Opfer-Sprecherin Christiane Piontek will mit anderen Betroffenen am kommenden Mittwoch wieder vor der "Alten Apotheke" in Bottrop demonstrieren. Diesmal wollen sie sich Infusionsbeutel mit Teelichtern um den Hals hängen und ein riesiges Transparent aus Lkw-Plane hinter sich herziehen. Darauf stehen die Namen Tausender Krebspatienten, die alle von Peter S. versorgt worden sein sollen. Einige von ihnen sind inzwischen verstorben.



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