Organisierte Kriminalität in Deutschland Mafia trifft Mafia

Die armenische Mafia kooperiert in Deutschland offenbar mit der italienischen 'Ndrangheta. Nach Recherchen von SPIEGEL und MDR soll es bei einem Treffen in Neapel um Falschgeld gegangen sein.

DPA

Von , Axel Hemmerling, Ludwig Kendzia und


Es war eine illustre Reisegesellschaft, die durch Neapel kurvte: Ein Armenier, eine junge Rumänin und zwei Italiener saßen in einem schwarzen Mercedes mit einem Erfurter Nummernschild. Wäre an diesem 17. Februar 2014 alles glatt gelaufen, dann wären jetzt vermutlich 124.550 Euro Falschgeld in Deutschland im Umlauf.

Dass dies nicht der Fall ist, liegt an zwei Carabinieri der Wache Neapel-Arenaccia. Den beiden fiel an diesem Tag gegen 21 Uhr die schwarze Luxus-Limousine mit deutschem Kennzeichen auf. Das geht aus italienischen Ermittlungsunterlagen hervor, die dem SPIEGEL und dem MDR vorliegen. Die beiden Polizisten stoppten den Wagen und kontrollierten die Insassen. Dabei stellten sie fest, dass der Wagen einige Stunden zuvor schon einmal kontrolliert worden war - und der Armenier dabei mit 5.265 Euro Bargeld auffiel.

Also fragten die Carabinieri nun, wo das Geld denn sei. Diese Frage konnte der Armenier aus Erfurt nicht klar beantworten, so dass die Polizisten den Wagen und die Insassen durchsuchten - und 124.550 Euro Falschgeld fanden. Offenbar waren die falschen Euro mit den knapp 5300 echten Euro bezahlt worden. Zielort des Falschgelds, so vermuten es die Beamten, sollte Erfurt sein.

Der Armenier, die Rumänin und die zwei Italiener kamen in Neapel in Gewahrsam. Nach ein paar Tagen durften sie allerdings ausreisen und wurden erst später in Abwesenheit von einem Gericht in Neapel verurteilt. Die italienischen Behörden informierten das Bundeskriminalamt (BKA), das für die Kontakte zu ausländischen Behörden zuständig ist.

Erfurter Falschgeld

Das BKA wiederum informierte im März 2014 das Thüringer Landeskriminalamt (LKA). Dort wurden die Fahnder sofort hellhörig. Denn bereits seit Dezember 2013 lief gegen mehrere Armenier aus Erfurt ein Verfahren wegen des Verdachts auf Verbreitung von Falschgeld. Allerdings kamen die Ermittlungen nicht richtig voran. Das änderte sich, als die BKA-Mitteilung einging. Die in Neapel gefundenen Blüten stammten mit dem in Erfurt gefundenen Falschgeld überein. Außerdem gehörte der in Neapel verhaftete Armenier zu der Gruppe der Tatverdächtigen im Erfurter Falschgeldfall. Die Thüringer Behörden führen die Tatverdächtigen entweder als mutmaßliche Mitglieder der armenischen Mafia oder rechnen sie zumindest ihrem Umfeld zu.

Das LKA und die für Organisierte Kriminalität zuständige Staatsanwaltschaft Gera trieben mit diesen neuen Informationen das Verfahren voran. Zumal viele der Beschuldigten in weiten Teilen auch bei der berüchtigten armenischen Mafia-Schießerei im Juli 2014 in Erfurt dabei waren. Damals wurden zwei Männer schwer verletzt, als zwei Clans vor einer Spielothek in eine Auseinandersetzung gerieten und 20 Schüsse fielen.

Was aber offenbar niemand im Thüringer LKA überprüfte, waren die Hintergründe der beiden Italiener in dem Fahrzeug. Auch nicht, warum sie beide in Neapel im Februar 2014 dabei waren. Eine solche Prüfung hätte die Ermittler auf eine spannende Entwicklung gebracht.

Michele S.* und Paolo H.* wohnen nicht in Italien, sondern in Hannover. Genauso wie eine weitverzweigte Verwandtschaft von Ehefrauen, Geschwistern, Schwagern, Onkel, Tanten, Söhnen und Töchtern. Nach Informationen des SPIEGEL und des MDR, führen Spuren aus diesem familiären Netzwerk zu einer der mächtigsten Mafiaorganisationen der Welt: der kalabrischen 'Ndrangheta.

Unter anderem soll die Ehefrau von Michele S. aus dem kalabrischen Ferrazzo-Clan stammen. Bereits 2008 hatte das BKA Aktivitäten des Clans in Deutschland registriert, unter anderem in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Laut einer internen Personenliste hat auch Paolo H. Verbindungen zum Ferrazzo-Clan. Einer seiner Neffen soll in die kalabrische Mafia-Gruppe eingeheiratet haben.

Kontakt besteht weiter

Diese beiden Italiener mit Verbindungen in die 'Ndrangheta wurden bei der Falschgeldaktion in Neapel gemeinsam mit einem mutmaßlichen armenischen Mafia-Mitglied aus Erfurt erwischt. Doch die Staatsanwaltschaft Gera sah diesen Zusammenhang offenbar nicht. Sie teilt auf Anfrage mit, das gegen die beiden Italiener in Thüringen nicht ermittelt wurde, weil es keinen Verdacht auf eine Straftat gab. Deshalb seien sie auch nicht weiter überprüft worden.

Der Verdacht, dass armenische und italienischen Mafia zusammenarbeiten könnten, ist nicht neu. Bereits vor einigen Jahren hatten Thüringer Fahnder festgestellt, dass mutmaßliche armenische Mafia-Mitglieder, darunter auch der Falschgeldhändler, in Erfurt ein italienischen Restaurant übernommen hatten. Dies soll zuvor in den Händen von Mitgliedern einer 'Ndrangheta-Zelle gewesen sein.

Der Kontakt zwischen dem armenischen Falschgeldhändler und einem der beiden Italiener mit 'Ndrangheta-Verbindungen jedenfalls besteht weiter. Nach SPIEGEL- und MDR-Informationen wurden beide am 28. Juli dieses Jahres bei einer Verkehrskontrolle in Erfurt zusammen in einem Auto überprüft. Was Paolo H. in Erfurt gemacht hat, konnte die Polizei bisher nicht herausfinden.

Auch das für die beiden Italiener zuständige LKA Niedersachsen hält sich zurück. Auf Nachfrage wird lediglich bestätigt, dass der Falschgeldfund in Neapel der Behörde bekannt sei. Ermittlungen in dem konkreten Falle habe es aber keine gegeben. Das BKA teilte mit, es werde sich aus Datenschutzgründen zu Personen und Verfahren nicht äußern.


*Namen geändert

Sendehinweis: 20.45 Uhr, MDR: "Unsichtbare Kartelle - Mafia in Mitteldeutschland"



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.