Razzia in Berliner Großbordell Ermittler sprechen von systematischer Ausbeutung

900 Einsatzkräfte haben Berlins größtes Bordell durchsucht. Laut Staatsanwaltschaft gibt es direkte Verbindungen zur Rockerbande Hells Angels. Die Ermittler fühlen sich an Gangsterboss Al Capone erinnert.

Einsatz in Berliner Großbordell
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Einsatz in Berliner Großbordell


Nach der Razzia in Berlins größtem Bordell "Artemis" hat die Staatsanwaltschaft Details zu den Vorwürfen genannt - und von organisierter Kriminalität gesprochen. Es gehe um Hinterziehung von Sozialabgaben, Ausbeutung und Gewaltanwendung, sagte Oberstaatsanwalt Andreas Behm.

Im Mittelpunkt stünden nicht nur Bagatelldelikte. Die Frauen seien "in Abhängigkeit gehalten und ausgebeutet" worden. Der Betrieb basiere auf organisierter Kriminalität.

Behm zog einen Vergleich mit Al Capone im Chicago der Zwanzigerjahre. Der Mafia-Gangster war wegen Steuerhinterziehung angeklagt worden, obwohl sich die eigentlichen Verbrechen auf einer viel massiveren Ebene abgespielt hatten.

"Sicher nicht gewaltfrei"

Den Ermittlern zufolge gibt es auch direkte Verbindungen zwischen dem "Artemis" und der kriminellen Rockerbande Hells Angels. Polizei, Hauptzollamt und Steuerfahndung gehen davon aus, dass dem Bordell Prostituierte durch Mitglieder der Hells Angels zugeführt wurden.

Die Bande habe den "Artemis"-Betreibern direkt Frauen vermittelt, im Gegenzug hätten die Rocker unter anderem freien Eintritt genossen, sagte Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra. Diese Kontakte seien "sicher nicht gewaltfrei" abgelaufen. Eine Frau sei "so malträtiert" worden, dass sie keinen Ausweg mehr gesehen habe, als sich an die Polizei zu wenden.

Die Frauen hätten nicht selbstständig gearbeitet, sondern seien abhängig beschäftigt gewesen, teilten die Ermittler mit. Dadurch sei der Rentenversicherungsträger "nach vorsichtigen Schätzungen um 17,5 Millionen Euro betrogen worden", sagte Michael Kulus vom Berliner Hauptzollamt. Hinzu kommt der Vorwurf der Steuerhinterziehung.

Den Prostituierten wurden laut Ermittlern Arbeitszeiten, Preise und Sexualpraktiken vorgeschrieben. Die verhafteten Hausdamen hätten das enge Regelsystem im Alltag durchgesetzt. Deshalb komme auch das "klassische Rotlichtdelikt der dirigierenden Zuhälterei" in Betracht. Auch wegen Menschenhandels werde ermittelt.

"Sie verwalten die Kriminalität und setzen sie um"

Laut Staatsanwaltschaft und Polizei wurden am Mittwochabend sechs "Verantwortliche der Bordellgesellschaft 'Artemis'" verhaftet, zwei Betreiber und vier sogenannte Hausdamen des Etablissements. Zudem sei Vermögen im Wert von 6,4 Millionen Euro beschlagnahmt worden, darunter Hunderttausende Euro in bar, Autos und Immobilien.

Video: Razzia in Berliner Großbordell "Artemis"

96 Prostituierte wurden bislang befragt. Insgesamt habe die Polizei bei der Razzia 232 Menschen angetroffen. 900 Polizisten, Zollbeamte und Staatsanwälte waren am Mittwochabend und in der Nacht zu Donnerstag im Einsatz.

Die befragten Prostituierten hätten die beschrieben Zustände im "Artemis" zum großen Teil eingeräumt, sagte Staatsanwalt Michael Stork. "Wir können von einer Bestätigung des Tatvorwurfs ausgehen." Auch viele der mehr als hundert angetroffenen Freier hätten das System weitgehend bestätigt.

Die volljährigen Frauen stammen Oberstaatsanwalt Kamstra zufolge überwiegend aus Osteuropa, Russland und arabischen Ländern. Über die festgenommenen Betreiber sagte Kamstra: "Sie sind nicht die, die sich die Hände schmutzig machen, sie verwalten die Kriminalität und setzen sie um." Angesichts der umfangreichen beschlagnahmten Unterlagen und Computer stehe den Ermittlern nun eine Sisyphusarbeit bevor, ehe Anklage erhoben werden könne.

Das "Artemis" hatte 2005 eröffnet, in einem mehrgeschossigen früheren Lagerhaus im Westen Berlins an der Stadtautobahn nahe dem Messegelände. Der Betrieb mit Saunen und Swimmingpool wirbt offensiv in der Öffentlichkeit. Reklame gab es unter anderem auf Taxis und auch einige Jahre lang auf den Bussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das Unternehmen argumentierte damals: "Die Verkehrsbetriebe sind nicht die Sittenwächterin." 2013 beendete die BVG aber diese Werbung.

wit/dpa



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