Arzneimittel-Manipulation In der Infusion war nur Kochsalzlösung, kein Milligramm Wirkstoff

Ein Apotheker aus Bottrop soll Medikamente für Krebspatienten gestreckt, bei den Krankenkassen jedoch voll abkassiert haben. Doch beim Prozess geht es am wenigsten um die Betroffenen.

Protestzug vor der Bottroper Apotheker von Peter S.
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Protestzug vor der Bottroper Apotheker von Peter S.

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Peter S. war außer sich. Der Vorwurf setzte ihm zu. Ausgerechnet er soll Krebspatienten "Schaden zugefügt" haben? Er, der sich "sozial stark engagiere" und helfe, wo er nur könne? Der Apotheker aus Bottrop war empört. Er ließ seinen Rechtsanwalt ausrichten, dass er "nicht im Traum auf die Idee käme, Leiden zu verschlimmern oder gar Leben zu verkürzen".

Das waren Peter S.' Worte, mit denen er sich am 8. Oktober 2014 gegen eine Strafanzeige wehrte: Er würde die Dosierung von Zytostatika, Arzneimittel, die in der Krebsbehandlung eingesetzt werden, verringern und abgelaufene Präparate wiederverwenden. Der geschiedene Mann einer früheren Kollegin hatte ihn 2013 angezeigt, die Frau widersprach den Anschuldigungen. Die Ermittlungen gegen Peter S. wurden eingestellt.

Heute ist die Staatsanwaltschaft Essen davon überzeugt: Peter S. log damals - und panschte weiter.

Am Montag beginnt die Hauptverhandlung gegen den ehemaligen Besitzer der Alten Apotheke in der Bottroper Fußgängerzone. Peter S., 47, soll für Krebskranke Infusionen in Beuteln und Spritzen zubereitet haben, die keinen oder zumindest weniger Wirkstoff enthielten als es therapeutisch notwendig gewesen wäre.


Zwischen Januar 2012 und November 2016 soll Peter S. laut Anklage gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen haben, mögliche Straftaten im Zeitraum davor sind verjährt. Es geht um insgesamt 61.980 Fälle, in denen Peter S. Rezepturen manipuliert oder Hygienevorschriften missachtet haben soll.

In 59 Fällen ist Peter S. zudem wegen Abrechnungsbetrugs angeklagt. Die nach Auffassung der Staatsanwaltschaft gepanschten und damit wertlosen Medikamente soll er monatlich gegenüber den gesetzlichen Krankenkassen mit dem vollen Wirkstoff in Rechnung gestellt und 56.180.758 Millionen Euro abkassiert haben.

Das Hauptverfahren verhandelt die XXI. Strafkammer am Landgericht Essen, eine Wirtschaftsstrafkammer. Der Schwerpunkt des Verfahrens liegt auf dem wirtschaftlichen Schaden durch den Betrug - in lediglich 27 Fällen lautet der Anklagevorwurf auf versuchte Körperverletzung.

Nur in diesen Fällen lasse sich laut Anklage nachweisen, dass Peter S. die für einen bestimmten Patienten erforderlichen Medikamente selbst zubereitet, gestreckt oder manipuliert hat. Weitere Fälle können ihm die Ermittler nicht zuordnen, ebenso wenig können sie ihm eine vollendete Körperverletzung nachweisen. Zytostatika werden oft schon nach Stunden verstoffwechselt.

Betroffene selbst oder deren Angehörige, die Medikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop bezogen haben sollen, treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf.

Für sie ist schwer nachzuvollziehen, dass es vor Gericht vorrangig um den Betrug gehen wird, um den immensen wirtschaftlichen Schaden, um die vielen Millionen Euro - aber nicht um die Menschen, die in einer gravierenden gesundheitlichen Ausnahmesituation darauf vertrauten, dass die Arznei, die sie verschrieben bekamen und die ihr Leben retten, verlängern oder trotz der Erkrankung erträglicher machen sollte, ordnungsgemäß zubereitet war.

Für sie ist auch schwer nachzuvollziehen, dass ein Apotheker so abgebrüht sein könnte, der er seine Gier nach Geld derart über die Gesundheit seiner Kunden stellt.

Lag es vielleicht daran, dass Peter S. nie in die Fußstapfen seiner Eltern treten wollte? Angeblich ließen sie ihm keine Wahl. Ehemalige Weggefährten berichten, auf Peter S. habe ein enormer Druck gelastet, die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen. Er sollte den Beruf ausüben, den sie für ihn vorgesehen hatten: Apotheker, um die Tradition der Familiendynastie fortzuführen. Er selbst habe von einer Karriere als Banker geträumt, von Reichtum und einem Leben außerhalb des Ruhrgebiets.

Aus dem Einzelkind Peter S. wurde ein Einzelgänger, ein Mensch mit hartnäckigen Eigenheiten und ohne enge Freundschaften. Einer, der sich nach einer gescheiterten Ehe allein mit seinem Golden Retriever in einem pompösen Luxusanwesen einrichtete als sei er der König von Bottrop-Kirchhellen. Einer, der seinen geplatzten Traum mit Prunk, einer teuren Kunstsammlung und mehreren Immobilien kompensierte und sich mit sozialem Engagement Ansehen verschaffte: beispielsweise dem Vorsitz des Fördervereins der Hospizarbeit Bottrop. Es gibt zahlreiche Bilder aus der Lokalpresse, die Peter S. mit örtlicher Prominenz zeigen, mit dem Oberbürgermeister, dem Sparkassenchef, einem Chefredakteur.

Im Jahr 2009 übernahm er von seiner Mutter die Alte Apotheke, eine 150 Jahre alte Institution in einem imposanten, rosafarbenen Jugendstilaltbau mit schmiedeeiserner Eingangstür. Keine gewöhnliche Apotheke, sondern eine sogenannte Zyto-Apotheke mit Onkologie-Schwerpunkt und etwa 90 Mitarbeitern; ein großes mittelständisches Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 40 bis 50 Millionen Euro. Ein nicht unbedeutender Arbeitgeber in Bottrop.

Die Behörden hatten Peter S. 2001 die Erlaubnis erteilt, in einem sogenannten Reinraumlabor für Patienten Infusionen zu mischen, die direkt an die onkologische Praxis oder Klinik geliefert und dort den Patienten verabreicht wurden: für herkömmliche Chemotherapien, die krebsverursachende Zellen bekämpfen sollen, oder für monoklonale Antikörpertherapien, die eine Immunreaktion des Körpers auslösen sollen. Beide werden von onkologischen Fachärzten verschrieben, die auf dem Rezept des jeweiligen Patienten angeben, in welcher Konzentration der Wirkstoff in eine Kochsalz- oder Glukoselösung eingebracht werden muss.

Das Reinraumlabor befand sich zunächst in den Räumlichkeiten der Apotheke, später im Haus schräg gegenüber. Um eine keimfreie Zone zu garantieren, sind die Vorschriften streng geregelt: sterile Kleidung, Zugangsschleusen, Arbeit an der Werkbank hinter Glas.

Peter S. war jeden Morgen der Erste in der Apotheke: Um sechs Uhr begann er, die Lieferungen für die Ärzte vorzubereiten, die entsprechenden Kisten zu packen. Mit den klaren Anweisungen für ein Reinraumlabor nahm er es nicht so genau, sagen ehemalige Mitarbeiter. Statt der vorgeschriebenen Schutzkleidung habe Peter S. das Labor in Sakko und Jeans betreten. Und: "Die hochpreisigen Sachen machte er meistens selbst", so eine ehemalige Angestellte.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft tat er das, weil er den Tatplan gefasst hatte, systematisch die Herstellung der Präparate für Krebstherapien zu verändern, "um sich eine erhebliche, nicht nur vorübergehende Einnahmequelle zu verschaffen". Peter S. kaufte viel weniger Wirkstoff ein als er vermeintlich verarbeitet hat. Von vornherein sei es unmöglich gewesen, "die große Vielzahl von dort vertriebener Zubereitungen überhaupt mit den verschriebenen Wirkstoffen in der notwendigen Menge zu bestücken", heißt es in der Anklage.

Ohne Martin Porwoll wäre es vermutlich nicht zu einer Hauptverhandlung gekommen. Porwoll war seit August 2014 der kaufmännische Leiter der Alten Apotheke und erst einmal froh, dass sich die Verdächtigungen aus dem Jahr 2013 nicht bewahrheitet hatten.

Im Flurfunk wurden sie jedoch weiterhin herumgeraunt. Ein Mitarbeiter sagte zu Porwoll einmal sinngemäß: "Wenn du jemanden hast im Freundes- oder Familienkreis, der Krebs hat, schick ihn bloß nicht zu einem der Onkologen, die wir betreuen. Sonst wird der nie wieder gesund."

Porwoll hielt es für üble Nachrede. Er kennt Peter S. aus Kindheitstagen, selber Jahrgang, selbes Gymnasium. Er spielte mit Peter S. nach dem Kindergarten, traf ihn nach der Schule, teilte mit ihm die Leidenschaft für Modelleisenbahnen.

Porwoll ist ein freundlicher Mann mit einem runden Gesicht. Er war fast täglich mit Peter S. der Erste in der Alten Apotheke, er sucht nach Erklärungen, warum er als kaufmännischer Leiter seinem Chef nicht früher auf die Schliche kam.

Ihm fehlten lange auch notwendige Einblicke. Als zwei pharmazeutisch-technische Assistentinnen kündigten und Porwoll von "katastrophalen Zuständen", von Hygienemängeln und Ungereimtheiten bei der Produktion, erzählten, festigte sich sein Misstrauen gegenüber dem Freund aus Kindheitstagen.

Als Porwoll endlich Zugriff auf die Rezepte bekam, ging er den Verdächtigungen nach. Er verglich Abrechnungen mit Einkaufslisten und stieß teilweise auf ein Missverhältnis: Nur 30, 40 Prozent der Wirkstoffe waren verwendet, 100 Prozent aber in Rechnung gestellt worden. Porwoll sicherte die Beweise und stellte Strafanzeige.

Den entscheidenden Hinweis lieferte schließlich eine erfahrene Mitarbeiterin, die für Peter S. gearbeitet hatte: Ihr wurde in einer onkologischen Praxis ein Infusionsbeutel ausgehändigt, den Peter S. zubereitet hatte, der aber nicht mehr benötigt wurde. Sie sollte den Infusionsbeutel wieder zurück in die Apotheke bringen und brachte ihn zur Polizei: Der Beutel enthielt nur Kochsalzlösung, kein Milligramm Wirkstoff.

Am 29. November 2016 dann der Anruf bei Porwoll morgens um sechs Uhr: Razzia in der Apotheke, Fahnder durchsuchten die Villa in Bottrop-Kirchhellen. Als Porwoll zehn Minuten später in der Apotheke steht, ist Peter S. bereits verhaftet. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Anders als im Oktober 2014 hat er sich zu den Vorwürfen bislang nicht eingelassen.

Beim Prozessauftakt am Montag könnte es emotional werden, einige Nebenkläger kennen Peter S. persönlich. Auch die Mandantin von Rechtsanwalt Aykan Akyildiz, die 2013 ihre Krebserkrankung besiegt hatte. 2016 wurde ein weiterer Tumor entdeckt. Nach den ersten beiden Infusionen war keine Besserung in Sicht, die Frau fühlte sich elend, konnte kaum laufen.

Heute vermutet sie, dass die Infusion, die sie aus der Alten Apotheke bezog, nicht mit der ausreichenden Menge Wirkstoff angerührt war. Nach Peter S.' Festnahme wurde ihr eine dritte Infusion verabreicht. Endlich fühlte sie eine deutliche Verbesserung. "Vielleicht hat ihr die Durchsuchung in der Alten Apotheke das Leben gerettet", sagt Akyildiz.

Einen hinreichenden Verdacht wegen eines Tötungsdelikts haben die Ermittlungen nicht ergeben. Der Nachweis scheitert daran, dass eine Lebensverlängerung oder gar Heilung bei den schwer erkrankten Betroffenen nicht mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit angenommen werden kann, hätten die Patienten das richtige Medikament erhalten. Dies aber verlangt die Rechtsprechung.

Porwoll atmet tief durch und sagt: "Im Kern waren die Vorwürfe 2013 die gleichen wie jetzt. Vielleicht hätten Hunderte Menschen gerettet werden können, wären die Ermittlungen nicht eingestellt worden."

Peter S.' Vater, sagt Porwoll, habe ihn zwei Tage nach der Festnahme in die Apotheke bestellt und ihn im Beisein des Steuerberaters und des Verteidigers seines Sohns fristlos gekündigt. Der Vater habe ihm Vorhaltungen gemacht: Die Sache sei intern zu regeln gewesen. Man hätte Peter nur aus dem Verkehr ziehen müssen und die Apotheke an die Eltern zurück überschreiben.

Im Februar 2017 wurde die Apotheke wieder an die Mutter übertragen, sie selbst steht seither hinter dem Handverkaufstisch. Die Kundschaft ist rege wie einst. Einigen soll die Mutter gesagt haben: Sie hätte dem Jungen den Laden nie überlassen sollen.



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