Prozess in Brandenburg: Arzt mit abgeschnittenem Finger erhält Bewährungsstrafe

Für die Richter steht fest: Ein Zahnarzt aus Brandenburg hat sich einen Finger abgeschnitten, um Geld von der Versicherung zu kassieren. Bei Aussagen zu einem angeblichen Überfall verstrickte er sich in Lügen. Nun sieht er sich als doppeltes Opfer.

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Der Zahnarzt im Gericht (April): Er soll sich einen Finger abgeschnitten haben

Potsdam/Fichtenwalde. Nach zwei Monaten Verhandlung waren die Richter des Amtsgerichts Potsdam sicher: Ein Zahnarzt aus Brandenburg hat sich selbst verstümmelt. Der Mann aus Fichtenwalde habe sich seinen linken Zeigefinger abgeschnitten, um Geld von seiner Versicherung zu kassieren. Das Gericht verurteilte den Zahnmediziner am Dienstag zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung.

Der 43-Jährige habe sich des Vortäuschens einer Straftat und versuchten Betruges schuldig gemacht, sagte Amtsrichterin Birgit von Bülow. "Ich hätte Sie gerne freigesprochen - dann wäre auch mein Weltbild mehr im Lot geblieben", sagte die Juristin. "Es war uns nicht vorstellbar, dass ein Arzt Hand an sich legen kann." Die Verteidigung will das Urteil anfechten.

Der Zahnarzt hatte die Tat vehement im Prozess vor dem Potsdamer Amtsgericht bestritten. Nach seiner Darstellung war er Opfer eines Überfalls: Demnach sollen zwei ungepflegte Männer am 26. März 2012 in seine Praxis eingedrungen sein und Gold und Geld verlangt haben. Weil er damit nicht dienen konnte, sollen die Männer ihm verärgert den Finger abgeschnitten haben und geflüchtet sein.

Trotz Großfahndung blieb die Suche nach den Tätern ebenso erfolglos wie die nach dem Finger des Arztes. Die Kripo stieß auf Widersprüche. Schließlich waren die Ermittler überzeugt, dass es den Überfall nie gegeben hat. Die Anklage und auch das Urteil stützen sich zudem auf ein Gutachten zu Blutspuren in der Praxis, in denen Schmerzmittel nachgewiesen wurden.

Das Gericht habe aber Fehler des Gutachtens ignoriert, kritisierte die Verteidigerin Barbara Petersen. Sie kündigte an, das Urteil anzufechten. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, würde der Arzt wahrscheinlich seine Zulassung verlieren.

Der Angeklagte gab an, gar kein Motiv für einen Betrug gehabt zu haben. Laut Urteil soll er sich aber aus finanzieller Not selbst verstümmelt haben. Demnach hätten ihm bei Invalidität 600.000 Euro zugestanden sowie eine Versicherungsleistung von 250.000 Euro für einen nachgewiesenen Raubüberfall.

"In der Branche ist durchaus zu hören, dass der Verlust eines Fingers bei Ärzten deutlich öfter vorkommt als bei anderen Menschen", sagte eine Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft. Hintergrund ist eine deutlich höhere Unfallversicherung bei Verlust des Körperteils als bei anderen Menschen. Zudem hätten Mediziner Zugriff auf Betäubungsmittel.

mia/dpa

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