Asbest-Prozess in Italien: "Nun sind alle krank"

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Mehr als 2000 Tote, viele Erkrankte und ganze Gemeinden in Angst vor der Krebsgefahr - in Italien hat ein Asbest-Mammutprozess begonnen. Zwei Ex-Eternit-Manager müssen sich vor Gericht verantworten: Haben sie Profitgier über die Gesundheit von Angestellten und Anwohnern gestellt?

Asbest-Skandal: Tod durch die "Wunderfaser" Fotos
AP

Turin - Vom "Prozess des Jahrhunderts" ist in den italienischen Zeitungen die Rede, die Staatsanwaltschaft spricht von einem der größten seiner Art in Europa. Rund 200.000 Seiten Akten haben sich angehäuft. Zehn Parteien treten als Zivilkläger auf. Sie wollen fast 3000 Geschädigten zu Recht verhelfen. Fünf Jahre lang hat die Staatsanwaltschaft ermittelt, und einige Opfer haben mehr als 20 Jahre lang dafür gekämpft, dass es jetzt soweit ist - dass in Turin ein Mammutprozess gegen zwei Ex-Manager der Eternit AG eröffnet wird.

Angeklagt sind der 62-jährige Schweizer Milliardär und ehemalige Eternit-Chef Stephan Schmidheiny und der 88-jährige belgische Manager und Baron Jean-Louis Marie Ghislain de Cartier de Marchienne. Beide erschienen nicht vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, durch mangelnde Sicherheitsvorkehrungen in mehreren italienischen Eternit-Fabriken den Asbest-Tod von mehr als 2000 Arbeitern und Anwohnern verursacht zu haben.

Die Staatsanwaltschaft spricht von 2056 Toten und 833 Erkrankten im Zeitraum von 1966 bis 1986, wobei die Zahl der Betroffenen höher liegen dürfte. Die Naturschutzorganisation WWF geht davon aus, dass das wahre Ausmaß der Tragödie erst zwischen 2015 und 2020 bekannt wird, weil die mit einer Asbestverseuchung einhergehenden Krankheiten häufig erst nach vielen Jahren auftreten. Zu den klassischen Folgeerkrankungen gehören die sogenannte Staublunge sowie Lungen-, Herzbeutel- oder Bauchfellkarzinome.

Wenn die Manager schuldig gesprochen werden, müssen sie womöglich drei bis zwölf Jahre in Haft und Hunderte Millionen Euro Entschädigung zahlen. Unter den zehn Parteien, die Zivilklage erhoben haben, ist auch Italiens Arbeitsversicherungsanstalt Inail. Sie allein verlangt 245 Millionen Euro als Rückerstattung für schon gezahlte Entschädigungen an erkrankte Arbeitnehmer.

"Man kann den Einzelnen nicht für die Geschichte haftbar machen"

Die Angeklagten weisen die Vorwürfe zurück - und berufen sich dabei auf die seinerzeit weite Verbreitung von Asbest. "Man kann den Einzelnen nicht für die Geschichte verantwortlich machen, sondern nur für das, was er getan hat", sagt Anwalt Astolfo di Amato. Die Verteidigung argumentiert, die Asbestrisiken seien damals nicht so bekannt gewesen wie heute; der belgische Angeklagte verweist darauf, er sei in den siebziger Jahren nur kurz in der Eternit-Filiale in Genua beschäftigt gewesen.

"Schon ab 1975 war bekannt, dass Asbest schädlich ist", klagte dagegen ein betroffener Angestellter in Casale Monferrato, wo die größte der vier italienischen Eternit-Fabriken stand und 1350 Menschen infolge der Verseuchung ums Leben kamen. Doch die Auftragslage sei damals so gut gewesen, dass die Eigentümer sich ausschließlich am Markt orientiert hätten - ohne auf das Gesundheitsproblem wirklich Rücksicht zu nehmen. "Nun sind alle krank", sagte der Mann dem Sender "Sky". "Sobald du ein Ziehen im Rücken spürst, gehst du ins Krankenhaus, und da sagen sie dir: inoperables Pleuramesotheliom. Dann weißt du, dass es vorbei ist." Bei der Krankheit handelt es sich um einen sehr aggressiven Brustfelltumor, der meist zu spät diagnostiziert wird. Die Lebenserwartung ist extrem gering, sie liegt bei 7 bis 16 Monaten nach Erkennen der Symptome.

Nicola Pondrano, ein weiterer Ex-Angestellter der Eternit, erinnert sich, er habe erst Verdacht geschöpft, als jede Woche drei bis vier Todesanzeigen in der Fabrik aufgehängt wurden. "Wie kann es sein, dass man hier drinnen mit Mitte 50 einfach stirbt?", habe er gefragt. "Der Staub", hätten die Kollegen geantwortet.

Wirkungslose Schutzmasken

"Es wurden keine Maßnahmen getroffen, um die Sicherheit der Mitarbeiter zu gewährleisten", sagt Bruno Pesce, Koordinator auf Seiten der Opfer. "Selbst wenn Masken verteilt wurden, waren sie wirkungslos."

Die Angeklagten hätten eindeutig Macht und Entscheidungsbefugnis in Sachen Arbeitssicherheit in den Eternitfabriken gehabt, sagt auch Staatsanwalt Raffaele Guariniello. Beide weisen das zurück. Verteidiger Astolfo di Amato sagt, sein Mandant habe seinerzeit 55 Milliarden Lire (damals umgerechnet rund 207 Millionen Mark) in Sicherheitsmaßnahmen investiert. "Das war Mitte der siebziger Jahre eine enorme Summe."

Die italienische Eternit-Filiale ging 1986 Pleite, sechs Jahre, bevor in Italien Asbest verboten wurde. In Österreich und der Schweiz darf die einstige "Wunderfaser" seit 1990, in Deutschland seit 1993 und EU-weit seit 2005 nicht mehr verwendet werden.

Für die Betroffenen ist der Prozess als solcher schon ein Sieg. Schmidheinys Angebot, bei Einstellung des Verfahrens Entschädigungen zu zahlen, hatten sie im Juli empört zurückgewiesen.

Bis heute ist nicht klar, wie groß die kontaminierten Flächen sind und welche Gefahr noch von ihnen ausgeht - nicht nur in Italien. Auch Hunderte Opfer und Angehörige aus Frankreich, Belgien und der Schweiz fanden sich vor dem Gerichtsgebäude in Turin ein, um Gerechtigkeit und mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu fordern. Attilio Manerin von der französischen Asbest-Opfer-Vereinigung Andeva sprach von einem "exemplarischen Verfahren". Dem italienischen Beispiel folgend werde jetzt auch in Frankreich gegen den Besitzer der Eternit-Frankreich ermittelt. Nach seinen Schätzungen könnte die Zahl der Todesopfer in Frankreich bis 2025 auf 100.000 steigen.

Heute wirbt die Schweizer Eternit AG für asbestfreie Faserzementprodukte, unter anderem mit einem Spot, in dem ein Ehepaar in unberührter Natur vom Eigenheim träumt und sich die schwangere Gattin dabei versonnen über den Bauch streichelt - der blanke Zynismus für jene, deren Gesundheit für immer ruiniert ist.

"Es wird ein sehr langer Prozess werden", sagte Staatsanwalt Raffaele Guariniello, "wir hoffen, dass es auch ein gerechter wird."

mit Material von dpa und Reuters

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Italien
luxmann 10.12.2009
In Italien herscht wohl noch Meinungsfreiheit. Es erscheinen Themen vor Gericht die sonst nirgendwo berührt werden. Ein korrupter Ministerpräsident, verdeckte amerikanische Agenten, Google, und jetzt ein Prozess gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen.
2. Vorsorgewerte!
lichtschalter 10.12.2009
Ein ähnliches könnte in wenigen Jahrzehnten Millionen Handynutzer sowie auf die Mobilfunkindustrie zu kommen. Es gibt genug Hinweise, die einen besonneneren Umgang mit dieser Technik anmahnen. Nur wenige kümerts, und es findet sich immer ein Wissenschaftler der sich hergibt eine ernsthafte Studie zu widerlegen - was bei dem komplexen Geschehen nicht schwer ist. http://www.messtechnik-friedel.de/BildBericht/Berichte/100GradImGehirn.pdf Es liegen allerdings seit Jahrzehnten Arbeiten aus der Sowjetunion vor die bedeuten dass Hochfrequenztechnik lebensfeindlich ist.
3. Rationaler Umgang
Tubus 10.12.2009
Zitat von sysopMehr als 2000 Tote, viele Erkrankte und ganze Gemeinden in Angst vor der Krebsgefahr - in Italien hat ein Asbest-Mammutprozess begonnen. Zwei Ex-Eternit-Manager müssen sich sich vor Gericht verantworten: Haben sie Profitgier über die Gesundheit von Angestellten und Anwohnern gestellt? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,666421,00.html
Das genau wird in diesem Prozess zu prüfen sein. Ich habe selbst in den 70iger Jahren erlebt wie reihenweise Männer mit 40 und 50 Jahren grausam am Lungenfellkrebs verreckten, nach weitgehend sinnlosen Radikaloperationen mit 40 und mehr Blutkonserven. Allerdings hatten diese Leute jahrelang ungeschützt in Asbeststaubwolken gearbeitet. Man konnte sich nur an den Kopf fassen wie lange keine Arbeitsschutzmassnahmen ergriffen wurden. Dann brach die Asbesthysterie aus. Unzweifelhaft stehen auch dahinter wieder Interessen, denn an der Sanierung lässt sich ebenfalls gut verdienen. Wie bei der Radioaktivität scheinen wir besonders in Deutschland unfähig zum rationalen Umgang mit Gefahren.
4. Profitgier
jantiff 10.12.2009
Die zeittypische Fixiertheit auf den Tierversuch ist ein Grund dafür, warum die Maßnahmen gegen den Gebrauch von Asbest 30 Jahre zu spät erfolgten. Bereits in den 1930er-Jahren gab es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Asbest und Lungenkrebs: Man hatte Wissenschaft betrieben und Menschen sorgfältig untersucht, die an Asbestose verstorben waren. Ergebnis: Asbest löst Krebs aus. In mehreren Ländern, vor allem in den USA, wurden diese von europäischen Forschern veröffentlichten Ergebnisse angezweifelt, da Tierversuche das Gegenteil ergeben hatten. Und da Tierversuche der Goldstandard waren und es bis heute sind (man blättere sich quer durch den Pressewald), wurde 30 Jahre lang weiterhin Asbest verbaut. Weltweit. Erst als es in den 60er-Jahren gelang, bei Labortieren Krebs auszulösen, waren die Humanstudien aussagekräftig. Der Umweg Tierversuch (Ratten tolerieren Asbest 300-mal besser als Menschen) hat Millionen Menschen das Leben gekostet. Bis heute benutzen Industriekonzerne (und die Grundlagenforschung) Tierversuche, um einerseits die Möglichkeit der Verbreitung potenziell schädlicher Medikamente und Chemikalien zu legalisieren. Andererseits wird gerne auf deren Nichtübertragbarkeit auf den Menschen hingewiesen, und zwar je nachdem, wie es am besten in die Argumentation, sprich die finanzielle Interessenslage passt. Auf diese Weise hat sich dann ja auch der Contergan-Hersteller Grünenthal vor Gericht rausgeredet.
5. Eternitdächer
Selektor 11.12.2009
Die vor 20/25 Jahren produzierten Eternit-Asbestplatten wurden vor allem auch zur Dachdeckung verwendet. Die in dieser Zeit verlegten Platten sind mitlerweile,wie ich beobachten kann, stark verwittert, und sondern ständig den darin enthaltenen Asbest ab, der dann munter in der Gegend herumfliegt und von der Bevökerung eingeatmet wird. Wie lange wird es dauern, bis diese Platten von den Dächern verschwinden?
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