Rassismus-Debatte in den USA Polizist erschießt nackten Mann

Das Opfer war nackt und offenbar verwirrt: In einem Vorort von Atlanta hat ein weißer Polizist einen unbewaffneten Afroamerikaner erschossen. Es ist der dritte Vorfall dieser Art binnen weniger Tage.

Polizeichef Cedric Alexander (Archiv): "Der Polizist hat zwei Schüsse abgefeuert"
AP

Polizeichef Cedric Alexander (Archiv): "Der Polizist hat zwei Schüsse abgefeuert"


Atlanta - Der Notruf kam gegen 13 Uhr. Ein Bewohner eines Apartment-Komplexes in Chamblee, einem Vorort von Atlanta, meldete der Polizei einen Mann, der "einen verwirrten Eindruck macht, an Türen klopft und nackt über den Boden kriecht". So beschrieb Polizeichef Cedric Alexander die Situation, die zu dem Einsatz führte.

Den Angaben zufolge traf ein Polizist den offenkundig verwirrten Mann kurz nach dem Notruf an. Der nackte Mann sei auf den Polizisten zugerannt. Dieser habe ihn aufgefordert, stehen zu bleiben. "Dann ist der Polizist zurückgewichen und hat zwei Schüsse abgefeuert", sagte Alexander.

Die Kugeln trafen das Opfer in den Oberkörper. Der unbewaffnete Mann, ein Bewohner des Apartment-Komplexes, wurde getötet. Man könne davon ausgehen, dass er an einer psychischen Erkrankung gelitten habe, sagte Polizeichef Alexander. Seine Kollegen würden bereits im Umgang mit geistig verwirrten Personen geschult. Diese Maßnahmen reichten aber nicht aus, da die Polizei immer häufiger mit solchen Fällen konfrontiert werde.

Im aktuellen Fall hat Alexander die Ermittlungen an das Georgia Bureau of Investigation abgegeben. So soll eine unabhängige Untersuchung garantiert werden. Die Ermittler werden sich vermutlich auch mit der Frage beschäftigen, warum der Polizist nicht zu Elektroschocker oder Pfefferspray griff, sondern seine Pistole zog.

"Blutiger Sonntag" vor 50 Jahren

Was den Fall zusätzlich brisant macht: Der Polizist, seit sieben Jahren in diesem Department tätig, ist Weißer, der Erschossene Afroamerikaner.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere Fälle von tödlichen Schüssen auf Schwarze durch weiße Polizisten heftige Kritik in den USA ausgelöst. Erst in der vergangenen Woche prangerte das Justizministerium in einem Bericht notorische Missstände in der Stadt Ferguson an. Dort war im Sommer 2014 der unbewaffnete schwarze Jugendliche Michael Brown von einem weißen Polizisten erschossen worden.

Am Freitag töteten Polizisten in der Nähe von Denver einen unbewaffneten Afroamerikaner auf der Flucht. Am selben Tag erschoss ein Polizist in Madison im US-Bundesstaat Wisconsin einen dunkelhäutigen 19-Jährigen. Beide Vorfälle ereigneten sich kurz vor dem 50. Jahrestag des "blutigen Sonntags" in der Stadt Selma. Dort war die Polizei am 7. März 1965 bei einem Protestmarsch gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen.

Nach den tödlichen Schüssen auf den dunkelhäutigen Teenager Tony Robinson in Madison haben am Montag Hunderte Jugendliche eine Protestveranstaltung vor dem Regierungsgebäude der Stadt abgehalten. An einem Geländer im Inneren des Gebäudes befestigten sie ein Banner mit der Aufschrift "Das Leben von Schwarzen zählt".

Demonstration in Madison: Proteste gegen Tod von dunkelhäutigem Teenager
AFP

Demonstration in Madison: Proteste gegen Tod von dunkelhäutigem Teenager

"Ich rufe alle Menschen, unabhängig von der ethnischen Herkunft, dazu auf, Unterstützung zu zeigen, denn dieses Thema betrifft alle", sagte der Onkel des getöteten Jugendlichen, Turin Carter. Nicht nur das Leben von Schwarzen zähle, "alle Leben zählen". Robinson hatte einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter.

Der Tod des 19-Jährigen hat Madison erschüttert. Die Hauptstadt Wisconsins gilt in den USA als Ort mit hoher Lebensqualität, als liberale Oase mit einer langen Geschichte fortschrittlicher Politik. Doch nun wird in der 240.000-Einwohner-Stadt vor allem über unterschiedliche Chancen je nach ethnischer Herkunft diskutiert.

Afroamerikaner machen sieben Prozent der Bevölkerung Madisons aus, ihr Anteil an Festnahmen und Kindern, die in Armut leben, ist aber überproportional hoch. "Die Stadt verlässt sich auf ihre fortschrittliche Vergangenheit und ignoriert dabei die aktuelle Realität", sagte Sergio Gonzales, ein 27-jähriger Student an der Universität von Wisconsin. Traurigerweise brauche es den Tod eines 19-Jährigen, um den Einwohnern die Augen zu öffnen.

Statistiken zeigen enorme Ungleichheiten

2013 analysierte das Familienministerium des Bundesstaates Zensusdaten zu Familien und Kindern in der Stadt. Das Ergebnis: Es gibt zwei Madisons - eines, in dem es Weißen gut geht. Und eines, in dem Schwarze zu kämpfen haben.

So lebten Ende 2013 etwa 58 Prozent der schwarzen Kinder in Armut, aber nur fünf Prozent der weißen. Im Bezirk Dane, zu dem Madison gehört, war 2011 jeder vierte Afroamerikaner arbeitslos. Bei der weißen Bevölkerung betrug die Arbeitslosenquote lediglich fünf Prozent. Statistiken über Schulabschlüsse und Festnahmen zeigen ebenfalls gravierende Unterschiede.

Die liberalen Weißen sind davon überzeugt, es gebe Gleichheit und Gerechtigkeit in der Stadt, sagte die Afroamerikanerin Jacquelyn Hunt bei den Protesten am Montag. "Aber wir erfahren mehr und mehr, dass dies nicht der Fall ist."

wit/Reuters/AP/AFP



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Rotter 10.03.2015
1. Noch weniger Waffen...
geht ja nun nicht! Und warum kein Elektoschocker oder Pfefferspray? Schießen ist doch das Mittel der Zeit und für weiße Polizisten in ihrer fürchterlichen Angst das einzige! Wetten? Notwehr.
denkdochmal 10.03.2015
2. Der Rassismuns ist nicht tot!
Nicht in Deutschland, Frankreich, den USA, Rusland Israel oder anderswo. Laßt uns ihn bekämpfen, wo immer wir ihn antreffen!
mauser 10.03.2015
3. das ist
eine Schande - der Umgangston auf der ganzen Welt wird ruppiger, obwohl in den USA solche ekelhaften Taten ja schon Tradition haben. Wo ist nur die Empathie für den Mitmenschen geblieben??
Amisia 10.03.2015
4. In den Oberkörper?
Ich frage mich immer und immer wieder, wie manche Polizisten es schaffen, meistens nur den Oberkörper oder gar den Kopf treffen. Das kann doch kein Zufall sein! Ein Schuss, ja nur ein Schuss ins Bein reicht doch völlig - wobei Waffengewalt eigentlich sowieso bei den meisten Fällen überflüssig ist.
Veterano48 10.03.2015
5.
Zitat aus dem Artikel: "Die Ermittler werden sich vermutlich auch mit der Frage beschäftigen, warum der Polizist nicht zu Elektroschocker oder Pfefferspray griff, sondern seine Pistole zog." Das wäre unamerikanisch. Einen nackten, verwirrten, unbewaffneten, dunkelhäutigen Bürger zu erschießen wird sicher wieder milde gestimmte weiße Richter finden.
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