Berlin - Neuer erfolgreicher Überfall im Golf von Aden: Somalische Piraten schlugen am Dienstagnachmittag 75 nautische Meilen südlich vor der Küste des Jemen zu und entführten den Frachter "MS Victoria", der einer deutschen Reederei gehört.
In der gleichen Region hatte es am gleichen Tag drei vereitelte Versuche eines Überfalls gegeben, sagte ein Sprecher der US-Marine SPIEGEL ONLINE.
Die aktuelle Entführung ereignete sich nach Angaben der EU-Mission "Atalanta" am Dienstagnachmittag. Demnach sei die "MS Victoria" in einem Konvoi von mehreren Frachtern heraus völlig überraschend angegriffen worden. Der Konvoi war zwar bei der internationalen Schutztruppe in der Region angemeldet, wurde aber nicht von einem Kriegsschiff begleitet.
In relativer Nähe befand sich nach Angaben des Sprechers eine türkische Fregatte. Ein von ihr geschickter Hubschrauber kam aber nach dem Notsignal des deutschen Frachters zu spät, um die Entführung zu verhindern. Das Vorgehen der Piraten war ungewöhnlich: Normalerweise schlagen sie in den frühen Morgenstunden zu. "Die Piraten nutzten den Überraschungseffekt", so ein deutscher Marine-Offizier.
Mit der "MS Victoria" befinden sich jetzt mindestens 19 Schiffe in der Hand von somalischen Piraten. Darunter sind noch zwei weitere deutsche Frachter, die "Hansa Stavanger" und die "MS Patriot". Beide liegen mittlerweile vor Häfen in Nordsomalia, die von den Piraten kontrolliert werden.
Eine geplante Befreiungsaktion der "Hansa Stavanger" durch die deutsche Anti-Terror-Truppe GSG 9 war aus Sicherheitserwägungen Ende vergangener Woche abgebrochen worden. Die Reederei verhandelt weiter mit den Piraten über ein Lösegeld. Der Fall ist besonders heikel, da sich an Bord auch fünf deutsche Staatsbürger befinden.
Die "MS Victoria", die rund zehntausend Tonnen Reis geladen hat, war Piratenangriffen aus zwei Gründen relativ wehrlos ausgeliefert: Erstens haben die Konstrukteure die Bordwand in der Mitte des Schiffs recht weit nach unten gezogen. So können Seeräuber leicht mit Enterhaken an Bord kommen.
Noch entscheidender ist allerdings der schwache Motor: Mit nur 15,5 Knoten kann das Schiff im Gegensatz zu anderen Frachtern angreifenden Piraten nicht entfliehen. In der Vergangenheit waren Dutzende Boote durch Beschleunigung auf maximale Geschwindigkeit von mehr als 16 Knoten angreifenden Piraten noch knapp entkommen.
Somalische Piraten haben seit vergangenem Jahr trotz verstärkter internationaler Militärpräsenz in der Region bereits mehr als hundert Schiffe in ihre Gewalt gebracht. Sie werden später gegen Zahlung hoher Lösegelder wieder freigelassen. Einige Schiffe befanden sich monatelang in der Hand der Seeräuber.
Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika
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Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.
Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.
Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.
Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.
Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.
Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.
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