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03. Juli 2007, 09:05 Uhr

Attacke auf US-Teenager

Das lange Sterben des David Ritcheson

Von , New York

Im April 2006 wird ein 17-jähriger Latino in Texas von zwei Neonazis halbtot geschlagen. Drei Monate vegetiert er im Krankenhaus dahin. Schließlich findet er langsam ins Leben zurück und engagiert sich sogar für andere Gewaltopfer. Jetzt ist er tot.

New York - Die Fünf-Tages-Kreuzfahrt verhieß "Maya-Ruinen, Shopping, bildschöne Strände und Wassersport". Vom texanischen Galveston aus sollte die "Ecstasy", ein 260 Meter langes "Fun Ship" der Carnival Cruise Lines, das Taucherparadies Cozumel in Mexiko anlaufen, dann die Halbinsel Yucatan und von dort aus wieder heimwärts schippern. 2052 Passagiere hatten den paradiesischen Spaß-Trip gebucht.

Gewaltopfer Ritcheson: "Ich fühlte eine unglaubliche Erniedrigung"
AP/ Houston Chronicle

Gewaltopfer Ritcheson: "Ich fühlte eine unglaubliche Erniedrigung"

Doch am Sonntagmorgen, wenige Stunden nach dem Ablegen, nahm die Reise eine tragische Wendung. Die "Ecstasy" war auf hoher See, als mehrere Zeugen sahen, wie ein junger Mann vom Oberdeck aus offenbar öffentlich ins Wasser sprang. Die Küstenwache barg ihn eine halbe Stunde später. Der Teenager, 18 Jahre alt, war tot.

Unfall, Mord, Suizid: Mehr als 50 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren auf Kreuzfahrtschiffen umgekommen. Doch diese Geschichte beginnt nicht an Bord der "Ecstasy". Sie beginnt viel früher - und weit entfernt von der schönen Westkaribik. Sie beginnt am 22. April 2006 in Spring, einem ländlichen Ort mit knapp 36.000 Einwohnern, eine halbe Autostunde nördlich von Houston, im staubigen Herzen von Texas.

David Ritcheson, 17, ist ein beliebter Schüler an der Klein Collins High School in Spring. Der Latino-Junge spielt im Football-Team. Er war "Homecoming Prince", der Star des Schul-Herbstfestes. Sein Foto ziert das Jahrbuch.

Der Freund sah tatenlos zu

An dem Abend, der all das beenden würde, besuchen Ritcheson und ein paar andere zuerst das Crawfish Festival, eine Art Kirmes in der Altstadt, mit Musik und Krabben-Delikatessen. Anschließend landen sie bei Ritchesons Schulfreund Gus Sons, 16, zu Hause. Mit dabei: Keith Turner, 17, und David Tuck, 18.

Turner und Tuck sind berüchtigt, als Rowdys und Neonazis. Tuck hat sich Hakenkreuze und "White Power" auf den Körper tätowiert. Auf seinen Springerstiefeln prangen ebenfalls Hakenkreuze. Sein Hass richtet sich vor allem gegen Latinos: Zwei hat er bereits zusammengeschlagen, einen fast umgebracht. Erst im Monat zuvor ist er auf Bewährung aus der Jugendhaft freigekommen.

Doch noch ist alles friedlich. Alkohol, Kokain, Marihuana und das Beruhigungsmittel Xanax machen die Runde. Ritcheson, der mexikanischer Abstammung ist, ist so bekifft, dass er nicht merkt, wie die Stimmung kippt. Als er Sons' zwölfjährige Schwester Danielle aus Spaß zu küssen versucht, wird das freundschaftliche Saufgelage zum Horror. "Das war der Moment", erinnert sich Ritcheson später, "der mein Leben für immer veränderte."

Tuck und Turner schlagen Ritcheson buchstäblich zu Brei. Sie treten mit den Stahlspitzen ihrer Stiefel auf ihn ein. Sie trampeln auf seinem Kopf herum. Sie zerren ihn in den Garten, wo sie stundenlang weiter auf ihn einprügeln. Sons und seine Schwester schauen tatenlos zu.

Hunderte beteten für seine Genesung

Die Schläger reißen Ritcheson die Kleider vom Leib. Sie beschimpfen ihn als "Wetback", brüllen "White Power!", pressen brennende Zigaretten in seine Haut, an 17 Stellen, auch mitten auf die Stirn. Mit einem Messer schnitzt Tuck ihm ein Hakenkreuz in die Brust. Dann greift er einen Schirmständer, rammt ihn in Ritchesons Rektum, tritt dann noch einmal kräftig davor, so dass Ritchesons innere Organe zerreißen. Der ist längst bewusstlos.

Dann gießen sie Chlorbleiche über Ritchesons Körper und Gesicht, um die Spuren ihrer Tat zu vertuschen, und lassen ihn einfach liegen. Während der ganzen Zeit ist Sons Mutter, Christina Maria Sons, zu Hause, schläft aber angeblich. "Ich habe nun mal einen tiefen Schlaf", sagt sie später.

Fast zehn Stunden liegt Ritcheson nackt und halbtot in dem Garten. Erst am nächsten Morgen ruft Frau Sons die Polizei. Ritcheson überlebt. Er erwacht im Krankenhaus, unter entsetzlichen Schmerzen. Er kann sich nicht bewegen. Er kann nicht sprechen. Sein Gedächtnis hat den brutalen Vorfall verdrängt. "Gott", sagt er, "ersparte mir die Erinnerung."

Drei Monate und acht Tage verbringt er im Krankenhaus. Er macht mehr als 30 schwere Operationen durch. Hunderte versammeln sich, um für seine Genesung zu beten. Sie schicken ihm "Gute Besserung"-Karten. Sie drängeln sich im Besuchssaal. Sie spenden Abertausende Dollar, um seine Behandlung mitzufinanzieren. Bürgerrechtsgruppen wie die Anti-Defamation League (ADL) organisieren Benefizveranstaltungen.

Jedes Detail ans Licht gezerrt

Ritcheson ist dankbar: "Ich muss das nicht alleine durchleiden. Ich habe so vielen zu danken." Die Reaktion der Menschen in Spring habe seine "Hoffnung auf das Gute im Menschen bestärkt".

Doch als er im Herbst heimkehrt, ist das anders. Alle starren ihn an, auf der Straße, in der Schule. Er ist "das Kid", das in der Zeitung stand. Jeder weiß, was man mit ihm gemacht hat. Das Stigma schmerzt wie die Wunden. "Ich fühlte eine unglaubliche Erniedrigung. Es war hart, mit erhobenem Kopf herumzulaufen." Die Narbe auf seiner Brust kommt ihm vor "wie ein scharlachroter Buchstabe". Die Gaffer sagen alle das Gleiche: "Du bist das Opfer."

Er hat Alpträume. In einem stürzt er von einem Hochhaus in die Tiefe. Doch er verweigert psychiatrische Hilfe. Stützt sich lieber auf Familie und Freunde. Versucht, das Grauen zu verdrängen, "indem ich nicht mehr darüber nachdenke". Stattdessen schmiedet er Zukunftspläne: Psychologie will er studieren.

Der Prozess gegen Turner und Tuck zerrt jedes entwürdigende Detail seiner Qualen erneut ans Licht. Staatsanwalt Mike Trent klagt die beiden wegen "schwerer sexueller Nötigung" an. "Hate Crime" - ein Verbrechen gegen Minderheiten, das höhere Strafen bringt - zieht er jedoch nicht in Betracht. Denn nach dem Gesetz muss ein solches "in öffentlichem Raum" begangen werden - und nicht, wie hier, in einem Privathaus. "Die Straftat", erklärt das FBI, "passt nicht auf das existierende Gesetz."

"Den Kämpfer in mir hervorgebracht"

Tuck wird von dem Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Turner bekommt 90 Jahre. Beide müssen mindestens 30 Jahre absitzen, bevor sie die Möglichkeit auf Bewährung haben.

Im April reist Ritcheson, inzwischen 18, nach Washington, um vor dem Kongress auszusagen. "Ich erscheine vor Ihnen als Überlebender einer der verachtenswertesten, schockierendsten und abscheulichsten Gewalttaten, die dieses Land in Jahrzehnten erlebt hat", sagt er im Unterausschuss für Straftaten, Terrorismus und Heimatschutz des Repräsentantenhauses, bei einer Anhörung zur verschärften "Hate-Crime"-Gesetzgebung.

Er plädiert für härtere Gesetze, um ähnlichen Gewaltopfern zu helfen, ist zugleich aber voller Dankbarkeit. "Mein Erlebnis hat mich an die vielen Segnungen erinnert, die ich so lange für selbstverständlich gehalten habe", sagt er. "Mit meiner Erniedrigung und meinen emotionalen und physischen Narben kamen auch Ehrgeiz und ein starkes Gefühl der Entschlossenheit, was den Kämpfer in mir hervorbrachte."

Im Mai verabschiedet das Repräsentantenhaus "Davids Gesetz", das auch für Übergriffe auf Schwule und Lesben gilt, mit 237 zu 180 Stimmen und schickt es zum Senat. Trotz des lauten Protestes der konservativen Traditional Values Coalition: Einziges Ziel des Gesetzes sei es ja nur, "Homosexuelle und geschlechtsverwirrte Individuen (Drag Queens, Transvestiten etc.) zu staatlich geschützten 'Minderheiten'-Gruppen zu machen".

Tod im Morgengrauen

Am Samstag voriger Woche läuft die "Ecstasy" von Galveston aus. Sie hat mehr als 1000 Kabinen, ein halbes Dutzend Restaurants und eine Disko. Mit an Bord: Ritcheson, ein Bekannter seiner Eltern und ein paar weitere Freunde. Sie haben je 900 Dollar für die Kreuzfahrt bezahlt.

Am Sonntagmorgen sehen nach Angaben eines Carnival-Sprechers mehrere Passagiere mit an, wie jemand von der höchsten Reling aus ins Meer stürzt. Es ist 8.35 Uhr. Die Küstenwache birgt den Leichnam kurz darauf. Bekannte bestätigen: Es ist David Ritcheson.

Seine Eltern flogen gestern nach Cozumel, um ihn offiziell zu identifizieren. "Ein Mordopfer ist 14 Monate nach dem Angriff seinen inneren Verletzungen erlegen", schrieb der texanische Blogger David Benzion - eine von Hunderten Beileidsbekundungen im Internet, gepaart mit Forderungen, seine Peiniger nachträglich des Mordes anzuklagen. "Ich bete, dass er im Tod den Frieden findet, den er im Leben nicht finden konnte", schrieb ein anderer Blogger.

"Davids Gesetz" hängt unterdessen weiter im zuständigen Senatsausschuss fest. US-Präsident George W. Bush hat angedroht, sein Inkrafttreten durch ein Veto zu verhindern.

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