Attacke auf US-Teenager Das lange Sterben des David Ritcheson

Im April 2006 wird ein 17-jähriger Latino in Texas von zwei Neonazis halbtot geschlagen. Drei Monate vegetiert er im Krankenhaus dahin. Schließlich findet er langsam ins Leben zurück und engagiert sich sogar für andere Gewaltopfer. Jetzt ist er tot.

Von , New York


New York - Die Fünf-Tages-Kreuzfahrt verhieß "Maya-Ruinen, Shopping, bildschöne Strände und Wassersport". Vom texanischen Galveston aus sollte die "Ecstasy", ein 260 Meter langes "Fun Ship" der Carnival Cruise Lines, das Taucherparadies Cozumel in Mexiko anlaufen, dann die Halbinsel Yucatan und von dort aus wieder heimwärts schippern. 2052 Passagiere hatten den paradiesischen Spaß-Trip gebucht.

Gewaltopfer Ritcheson: "Ich fühlte eine unglaubliche Erniedrigung"
AP/ Houston Chronicle

Gewaltopfer Ritcheson: "Ich fühlte eine unglaubliche Erniedrigung"

Doch am Sonntagmorgen, wenige Stunden nach dem Ablegen, nahm die Reise eine tragische Wendung. Die "Ecstasy" war auf hoher See, als mehrere Zeugen sahen, wie ein junger Mann vom Oberdeck aus offenbar öffentlich ins Wasser sprang. Die Küstenwache barg ihn eine halbe Stunde später. Der Teenager, 18 Jahre alt, war tot.

Unfall, Mord, Suizid: Mehr als 50 Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren auf Kreuzfahrtschiffen umgekommen. Doch diese Geschichte beginnt nicht an Bord der "Ecstasy". Sie beginnt viel früher - und weit entfernt von der schönen Westkaribik. Sie beginnt am 22. April 2006 in Spring, einem ländlichen Ort mit knapp 36.000 Einwohnern, eine halbe Autostunde nördlich von Houston, im staubigen Herzen von Texas.

David Ritcheson, 17, ist ein beliebter Schüler an der Klein Collins High School in Spring. Der Latino-Junge spielt im Football-Team. Er war "Homecoming Prince", der Star des Schul-Herbstfestes. Sein Foto ziert das Jahrbuch.

Der Freund sah tatenlos zu

An dem Abend, der all das beenden würde, besuchen Ritcheson und ein paar andere zuerst das Crawfish Festival, eine Art Kirmes in der Altstadt, mit Musik und Krabben-Delikatessen. Anschließend landen sie bei Ritchesons Schulfreund Gus Sons, 16, zu Hause. Mit dabei: Keith Turner, 17, und David Tuck, 18.

Turner und Tuck sind berüchtigt, als Rowdys und Neonazis. Tuck hat sich Hakenkreuze und "White Power" auf den Körper tätowiert. Auf seinen Springerstiefeln prangen ebenfalls Hakenkreuze. Sein Hass richtet sich vor allem gegen Latinos: Zwei hat er bereits zusammengeschlagen, einen fast umgebracht. Erst im Monat zuvor ist er auf Bewährung aus der Jugendhaft freigekommen.

Doch noch ist alles friedlich. Alkohol, Kokain, Marihuana und das Beruhigungsmittel Xanax machen die Runde. Ritcheson, der mexikanischer Abstammung ist, ist so bekifft, dass er nicht merkt, wie die Stimmung kippt. Als er Sons' zwölfjährige Schwester Danielle aus Spaß zu küssen versucht, wird das freundschaftliche Saufgelage zum Horror. "Das war der Moment", erinnert sich Ritcheson später, "der mein Leben für immer veränderte."

Tuck und Turner schlagen Ritcheson buchstäblich zu Brei. Sie treten mit den Stahlspitzen ihrer Stiefel auf ihn ein. Sie trampeln auf seinem Kopf herum. Sie zerren ihn in den Garten, wo sie stundenlang weiter auf ihn einprügeln. Sons und seine Schwester schauen tatenlos zu.

Hunderte beteten für seine Genesung

Die Schläger reißen Ritcheson die Kleider vom Leib. Sie beschimpfen ihn als "Wetback", brüllen "White Power!", pressen brennende Zigaretten in seine Haut, an 17 Stellen, auch mitten auf die Stirn. Mit einem Messer schnitzt Tuck ihm ein Hakenkreuz in die Brust. Dann greift er einen Schirmständer, rammt ihn in Ritchesons Rektum, tritt dann noch einmal kräftig davor, so dass Ritchesons innere Organe zerreißen. Der ist längst bewusstlos.

Dann gießen sie Chlorbleiche über Ritchesons Körper und Gesicht, um die Spuren ihrer Tat zu vertuschen, und lassen ihn einfach liegen. Während der ganzen Zeit ist Sons Mutter, Christina Maria Sons, zu Hause, schläft aber angeblich. "Ich habe nun mal einen tiefen Schlaf", sagt sie später.

Fast zehn Stunden liegt Ritcheson nackt und halbtot in dem Garten. Erst am nächsten Morgen ruft Frau Sons die Polizei. Ritcheson überlebt. Er erwacht im Krankenhaus, unter entsetzlichen Schmerzen. Er kann sich nicht bewegen. Er kann nicht sprechen. Sein Gedächtnis hat den brutalen Vorfall verdrängt. "Gott", sagt er, "ersparte mir die Erinnerung."

Drei Monate und acht Tage verbringt er im Krankenhaus. Er macht mehr als 30 schwere Operationen durch. Hunderte versammeln sich, um für seine Genesung zu beten. Sie schicken ihm "Gute Besserung"-Karten. Sie drängeln sich im Besuchssaal. Sie spenden Abertausende Dollar, um seine Behandlung mitzufinanzieren. Bürgerrechtsgruppen wie die Anti-Defamation League (ADL) organisieren Benefizveranstaltungen.



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