Prügelattacke in Bernburg "Scheiße, das war sinnlos"

Neun Rechtsextremisten sollen ihn und seine Freundin beschimpft und angegriffen haben: Abdurrahman E. wurde 2013 in Bernburg beinahe totgetreten - nun stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft sieht keine ausreichenden Beweise für ein ausländerfeindliches Motiv.

Landgericht Magdeburg: Neun Neonazis angeklagt
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Landgericht Magdeburg: Neun Neonazis angeklagt

Von Lena Kampf, Magdeburg


Mareike P.* klammert sich an einen kleinen gelben Teddybären, als sie zusammen mit ihrem Freund Abdurrahman E. den Gerichtssaal betritt. Nicht mal eine halbe Stunde bleiben die beiden in Saal B23 im Landgericht Magdeburg. Nur gerade so lange, wie die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest. Danach verlässt das Paar den Saal wieder, die Konfrontation mit ihren Peinigern ist zu schwer zu ertragen.

Der Angriff im September letzten Jahres hat nicht viel länger gedauert. Und hat doch alles verändert. Zwei Wochen lag Abdurrahman E. im künstlichen Koma, überlebte nur knapp. Es heißt, das Paar versuche, sein Leben wieder so zu leben, als wäre nichts geschehen. Das wird schwer, vielleicht unmöglich. E.s Kopf ist immer noch deformiert, das Gedächtnis empfindlich gestört, der Arbeitsplatz für immer ein Tatort.

Was die Staatsanwältin vorträgt, beginnt als Junggesellenabschied und endet in einer Eskalation von Gewalt, die ganz offensichtlich rassistisch motiviert war: Neun Männer, der jüngste 24, der älteste 33, kommen am 21. September 2013 gegen 21 Uhr am Bahnhof in Bernburg an. Abdurrahman E. führt hier direkt am Gleis einen Dönerladen, seine Freundin Mareike P. arbeitet mit ihm dort.

"Stampfende" Tritte gegen den Kopf

Sie sind gerade dabei, den Laden zu schließen, als einer der Männer Mareike P. beschimpft. "Tussi", "Fotze" und "Türkenschlampe" soll Maik R. sie genannt haben. Abdurrahman E. schreitet ein, greift R. am Arm, so stellt es die Staatsanwältin dar. "Fass mich nicht an, du Scheißvieh", schreit R. demnach und schmeißt E. eine Bierflasche ins Gesicht. Als E. beginnt, sich zu wehren, sollen die acht anderen Männer hinzugekommen sein und auf ihn eingeschlagen haben. Sie hören offenbar nicht auf, als E. zu Boden geht.

Vier der Männer - Maik R., Patrick S., Marcel F. und Marco L. - sollen weiter auf E. eingetreten haben, als der bereits bewusstlos war - R. und S. laut Anklage gar "stampfend" auf den Kopf des Opfers. Als Mareike P. und ein weiterer Mitarbeiter des Dönerimbisses zu Hilfe eilen, sollen auch sie von den anderen Männern attackiert worden sein.

Knapp ein halbes Jahr später schauen die neun Angeklagten Mareike P. und Abdurrahman E. gelangweilt hinterher, als sie den Saal verlassen. Sie tragen Kapuzenpullis in grün und gelb, schwarze Caps, einer mit Thor-Steinar Mütze. Vier sind in Untersuchungshaft, sie wurden in Handschellen in den Saal geführt. Ebenso wie Francesco L., der gerade eine neunmonatige Haftstrafe wegen Körperverletzung absitzt. Alle neun sind laut Ermittlungen der Polizei der rechten Szene zuzuordnen.

Die ideologische Dimension der Tat halten die Ankläger jedoch für nicht ausreichend belegt.

Die neun Männer sind nicht wegen versuchten Mordes angeklagt, die Staatsanwaltschaft Magdeburg wirft ihnen versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung und Beleidigung vor. Weil zunächst die Deutsche Mareike P. angegriffen worden sei und der türkischstämmige Abdurrahman E. erst später in den "Fokus des Geschehens" rückte, habe sich ein ausländerfeindliches Motiv nicht "mit notwendiger Sicherheit" feststellen lassen, heißt es in einer Stellungnahme. Die Beschimpfung als "Türkenschlampe" sei nicht ausreichend. Dass der Mitarbeiter von E. ausgesagt hat, die Männer hätten auch "Scheißtürke" und "Scheißausländer" gerufen, steht nicht im Anklagesatz, den die Staatsanwältin vorträgt.

"Schläger von Pömmelte" unter den Angeklagten

Als Verharmlosung rechtsextremer Gewalt hatte Sebastian Scharmer, der Anwalt von Abdurrahman E., der im Prozess als Nebenkläger auftritt, die Anklage kritisiert und gefordert, dass das Verfahren an die Bundesanwaltschaft abgegeben wird.

Die Schwurgerichtskammer eröffnete das Verfahren immerhin mit dem rechtlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung wegen versuchten Mordes möglich wäre, wenn sich im Prozess "Ausländerfeindlichkeit oder -hass als leitendes Motiv der versuchten Tötung" herausstelle.

Alle neun Angeklagten wollen an diesem ersten Prozesstag zunächst schweigen. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg nimmt sich also das Vorstrafenregister des Angeklagten L. vor, einem organisierten Neonazi, der bundesweit als "Schläger von Pömmelte" bekannt wurde. Akte um Akte stapeln sich auf dem Tisch, als die Richter die Urteile gegen L. verlesen.

Im Januar 2006 quälte er stundenlang gemeinsam mit zwei anderen Rechten einen zwölfjährigen schwarzen Deutschen aus einem Kinderheim seines Nachbarorts. L. bedrohte ihn mit einer Gaspistole, die Männer drückten eine Zigarette in dem Gesicht des Kindes aus, spuckten und urinierten auf ihn. Wie ein richtiger Deutscher aussehen würde, fragten sie ihr Opfer und erklärten, dass ihr Dorf bisher "rein" gewesen sei. Das Kind musste mit "Jawohl, mein Führer" antworten. Am Ende drohten sie damit, ihn im Dorfteich zu ertränken.

Diese Tat würde aufgrund ihrer "besonderen Brutalität und Empathielosigkeit" im Leben des Francesco L. herausragen, sagt ein psychiatrischer Gutachter in Magdeburg. Er hat mit Francesco L. auch über die Tat von Bernburg gesprochen. Richter Sternberg lässt ihn die Aussagen vortragen. Schon im Park ihres Heimatorts Schönebeck hätten sie angefangen zu trinken, Bier und "Klopfer", also Kurze, hat L. dem Sachverständigen berichtet. Daher könne er sich an den Angriff auf Abdurrahman E. nicht mehr richtig erinnern.

Er wisse nur, dass da einer mit einer "Machete" herausgesprungen sei, eventuell sei es auch ein Dönermesser gewesen. Sowohl E., seine Freundin Mareike P. als auch der Mitarbeiter haben allerdings bestritten, dass E. eine Waffe benutzt habe, als er Mareike P. zu Hilfe kam.

L. selbst habe sich dann auf den Mitarbeiter von E. konzentriert. Dafür, dass E. sie mit der Machete bedroht habe, sei es in Ordnung, dass er "aufs Maul" bekommen habe, hat L. dem Gutachter erzählt. Dass dann allerdings weiter auf den Mann eingetreten wurde, sei "nicht so schön".

Francesco L. habe gedacht: "Scheiße, das war sinnlos."

Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

* Name von der Redaktion geändert



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