Befragung durch Staatsanwaltschaft: Breivik bekundet Hochachtung für al-Qaida

Der norwegische Attentäter Anders Breivik hat das Terrornetzwerk al-Qaida als "erfolgreichste militante Organisation der Welt" verherrlicht. Die Massenmorde von Oslo und Utøya habe er als Selbstmordanschläge geplant, sagte er vor Gericht. "Ich habe nicht gedacht, dass ich den Tag überlebe."

Zweiter Prozesstag in Oslo: Schockierende Details Fotos
AFP

Oslo - Der Selbstdarstellungsmarathon des geständigen Attentäters Anders Behring Breivik geht in die nächste Runde: Am Dienstagmittag betonte der 33-Jährige vor Gericht in Oslo, er habe viel von al-Qaida gelernt. Das Terrornetzwerk sei "die erfolgreichste militante Organisation der Welt". Er bewundere deren Glauben an das Märtyrertum. Er selbst habe fest damit gerechnet, dass Sicherheitskräfte ihn während der Anschläge im Juli mit einer Kugel zur Strecke bringen würden. "Der 22. Juli war ein sogenannter Selbstmordanschlag. Ich habe nicht erwartet, dass ich diesen Tag überleben würde."

Mit Stolz hat der geständige Attentäter am zweiten Prozesstag über seinen Doppelanschlag von Oslo und Utøya im vergangenen Juli gesprochen. Er habe "aus Güte, nicht aus Boshaftigkeit" gehandelt, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, und "würde es wieder tun", sagte der Angeklagte in einer vorbereiteten Erklärung vor dem Bezirksgericht in der norwegischen Hauptstadt.

Dabei hatte er auch andere mutmaßliche rechtsextremistische Attentäter in Europa lobend erwähnt, darunter das Terrortrio des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), das in Deutschland für die Morde an zehn Menschen verantwortlich gemacht wird. Zudem bezog er sich auf einen Schweden, der 2012 mehrere Anschläge auf Einwanderer verübt haben soll.

Ursprünglich Anschläge auf Journalisten geplant

Laut eigener Aussage wollte Breivik ursprünglich statt der Menschen auf der Insel Utøya Journalisten angreifen, die sich auf einer Konferenz versammelt hatten. Die Konferenz sei ein "legitimeres Ziel als Utøya" gewesen. Er habe hart gearbeitet, das zu schaffen, der Plan sei aber letztlich gescheitert.

Der Attentäter behauptete vor Gericht, er sei Kommandeur des antiislamischen Netzwerks "Knights Templar". Laut Staatsanwaltschaft und norwegischem Geheimdienst existiert diese Gruppe aber gar nicht. Breivik sagte dazu, er habe nie behauptet, dass es sich um eine riesige Organisation handele: "Ich bin eine unabhängige und selbstverantwortliche Zelle und stehe in Verbindung mit zwei weiteren, die ebenfalls unabhängig und selbstverantwortlich sind, es gibt also drei Zellen." Breivik erklärte außerdem, er habe sich 2002 mit drei "militanten Nationalisten" in London getroffen.

Als Staatsanwältin Engh fragte, ob Breivik religiös sei, schwieg er einen Moment irritiert. Dann erklärte er, einen Hang zum Katholizismus zu haben - obwohl er eigentlich Protestant sei. "Ich war kein religiöser Mensch, aber es gibt ein Sprichwort, wonach es keine Atheisten in Schützengräben gibt", zitiert ihn der britische "Telegraph".

"Ich hatte eine gute Kindheit"

Die Anklagevertretung versuchte, die Vergangenheit des Angeklagten zu erhellen. Auf die Frage von Staatsanwältin Inga Bejer Engh, warum er das College nur ein Jahr vor dem Abschluss verlassen habe, sagte Breivik: "Ich glaube nicht, dass das für den Prozess relevant ist. Ich hatte eine gute Kindheit. Sie ist nicht der Grund dafür, dass ich ein militanter Nationalist bin." Was denn die wichtigste Quelle seiner Ideologie gewesen sei? Die knappe Antwort: "Wikipedia."

Nach seinen Taten im Juli 2011, bei denen insgesamt 77 Menschen starben, hatte Breivik den Briten Paul Ray als seinen Mentor genannt. Der in Malta lebende Ray steht der rechtspopulistischen und islamfeindlichen "Englischen Verteidigungsliga" nahe. In seinem kurz vor den Taten im Internet veröffentlichten Manifest erwähnte Breivik unter dem Pseudonym Richard einen Briten, "der mein Mentor wurde". Ray unterhält einen Webblog unter dem Namen (Richard) "Löwenherz" und fungiert als Chef der Bewegung der "Tempelritter", bei deren Gründung Behring Breivik 2002 gewesen sein will.

Am ersten Verhandlungstag war der ansonsten ungerührt auftretende Breivik bei der Vorführung seines eigenen anti-islamischen Videos in Tränen ausgebrochen. Dies erklärte er bei der Befragung durch die Staatsanwaltschaft mit der bewegenden Trauer um sein "sterbendes Land".

Auch zu seinem Geschäftsgebaren in der Vergangenheit wurde Breivik befragt. Der Verkauf von gefälschten Diplomen über eine Firma sei "moralisch verwerflich" gewesen, gab der Attentäter zu. Allerdings nicht illegal, in einer rechtlichen Grauzone, sozusagen. Der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" zufolge behauptet Breivik, dass er bereits im Alter von 24 Jahren seine erste Million verdient habe. Zwei Jahre später seien es bereits vier Millionen gewesen, prahlte er.

Kurz vor Breiviks Aussage hatte das Gericht am Dienstag einen der am Prozess beteiligten Laienrichter wegen dessen Äußerungen im Internet von seiner Aufgabe entbunden. Der Schöffe Thomas I. hatte in einem Chat-Forum einen Tag nach den Anschlägen mit 77 Toten im vergangenen Juli geschrieben, dass der Attentäter die Todesstrafe verdiene. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung und die Anwälte der Opfer waren sich einig, dass der Laienrichter nicht weiter der fünfköpfigen Strafkammer angehören könne, und hatten einen Befangenheitsantrag gestellt. I. wurde von der Schöffin Elisabeth W. ersetzt.

Breivik hatte sich bereits zum Prozessauftakt am Montag in Oslo kämpferisch gezeigt. Er wiederholte sein Geständnis, am 22. Juli vergangenen Jahres 77 Menschen getötet zu haben. Er ist wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes angeklagt. Die entscheidende Frage in dem auf zehn Wochen terminiraten Prozess wird Breiviks Zurechnungsfähigkeit sein.

ala/dpa

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1.
rainer_daeschler 17.04.2012
Wie weit wird Breiviks Hochachtung noch gehen, wenn er herausbekommt, dass al-Qaida aus Ausländern besteht?
2. Dummes Geschwätz
AusVersehen 17.04.2012
Warum muß man jedes dummes Geschwätz, dass dieser gefährlich perverse Schwachkopf von sich gibt noch veröffentlichen? Das ist jedes Mal ein Stich ins Herz der Hinterbliebenen und Animation für jeden anderen perversen Schwachkopf es ihm nachzumachen, weil er lernt, dass er so seine Bühne bereiwillig gestellt bekommt.
3. Breivik
Jay's 17.04.2012
ist anti-islamist und verherrlicht jetzt Al-Quaida? Breivik will sich wichtig tun. Er ist kein Mensch sondern ein kaltbluetiger Moerder, der wusste was er tat. Dennoch waere es vermutlich eine angemessenere Strafe, ihn ein Leben lang in der Psychiatrie einzusperren als ihn nach 21 Jahren wieser zu entlassen. Breivik ist auf die gleiche Stufe wie Eichmann, Himmler etc zu stellen.
4. Kann ich schon nachvollziehen -
PrinzEisenerz 17.04.2012
Zitat von sysopAFPDer norwegische Attentäter Anders Breivik hat das Terrornetzwerk al-Qaida als "erfolgreichste militante Organisation der Welt" verherrlicht. Die Massenmorde von Oslo und Utöya habe er als Selbstmordanschläge geplant, sagte er vor Gericht. "Ich habe nicht gedacht, dass ich den Tag überlebe." http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828103,00.html
nüchtern betrachtet, hat er mit seiner Quaeda-Beschreibung ja Recht, denn Bin Laden hat seine "Kriegsziele" erreicht, nicht der Westen - und Helden sind nicht nur die Guten. Waren die Sowjets im 2.W-Krieg gut oder böse ? Oder anfangs gut und nachher böse, oder was ? Auch stimmt, daß die Polizei den Mann ja beinahe erschossen hätte, das war reines "Glück" - denn so können wir diesen unguten, doch faszinierenden Fall beobachten und aufklären. Daran sind aber offenbar nur Wenige interessiert... Nun sollte man, anstatt bloß in immer die selbe Kerbe zu hauen und unsere alleingültige Wahrheit anzubeten, schlicht einmal beobachten, wozu "geistig gesunde" Menschen so alles imstande sind - es mag uns als WARNUNG gereichen ! Es ist zwar (zum Glück, noch) eine Ausnahme, daß jemand so, (wenn auch geplant, also in seiner Weltsicht) "durchtickt", aber jeder einzelne geistig gesunde Mensch ist im Prinzip dazu fähig, er muß nur eben mal seine Perspektive heftig verstellen - Dazu freilich sind Viele völlig außerstande, und Breiviks Taten sind auch für mich keineswegs etwa logisch nachvollziehbar. Aber darum geht es eben, ecce homo, ÜBERHAUPT nicht. Denn wenn hier alle glauben, daß nur eine Ausnahmebestie sowas anstellen kann, dann ist der nächste Akt schon vorprogrammiert. Politiker ahnen das zumindest instinktiv - und daß es sich nicht ändern läßt, darum marschieren sie in Richtung volle Kontrolle des Individuums. Denn in der seutschen U-Bahn rennen eine Menge Typen herum, die nur zu matt oder besoffen sind, uzm richtig durchzuladen... also, wer will sich hier weiter in elegischer Entrüstung beweisen und dann nach "mehr Freiheit" schreien ? Nicht logisch ? As you like it...
5.
Petra Raab 17.04.2012
Mal davon abgesehen, dass es "Al-Qaida" nicht gibt, sondern diese lediglich eine Erfindung der CIA ist, damit man dem Volk, das man noch mehr knechten will einen "Schwarzen Mann" präsentieren kann, gegen den man natürlich noch mehr Sicherheitsmaßnahmen im Volk installieren muss, damit es vor diesem beschützt wird, wobei es dabei nicht um das beschützen, sondern um das Kontrollieren des Volkes geht, das sich immer weiter auflehnt gegen seine Versklavung durch die Eliten, für welche die CIA arbeitet, ist "Al-Qaida" genau das Gegenteil von dem was Breivik für gut empfindet, nämlich der islamische Feind, der sich Europa immer weiter einverleiben will, wenn es ihn denn überhaupt geben würde.
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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.
Fotostrecke
Breivik-Prozess: Befangenheitsantrag gegen Laienrichter

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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