Attentäter Breivik vor Gericht Ein fast unerträglicher Auftritt

Wahnsinns-Show aus einer anderen Welt: Seinen ersten öffentlichen Auftritt vor Gericht bestritt Anders Behring Breivik mit dem Versuch, seine grausamen Taten vor den Opfern und Hinterbliebenen zu rechtfertigen. Dabei wirkte der Massenmörder auf verstörende Weise souverän.

Aus Oslo berichtet

REUTERS/ Scanpix Sweden

Als er in den Gerichtssaal kommt, schaut er zunächst nach hinten. Da sitzen auf der rechten Seite die Medien und auf der linken Seite die Menschen, die seine Grausamkeit überlebt haben.

Er hat seine schütteren blonden Haare zu einem ordentlichen Scheitel nach rechts gekämmt. Die drei Knöpfe seines Jackets lässt er geschlossen. Sein wuchtiger Krawattenknoten ruht auf einer durchtrainierten Brust.

Ruhig will er wirken, besonnen und stolz. Und fast gelingt es ihm, diese Fassade im Raum 828 des Osloer Justizgebäudes zu wahren.

Doch dann fordert der Richter Anders Behring Breivik auf, sich von seinem Sitz zu erheben, sich zu erklären. Der Mann, der 77 Menschen getötet hat, will überlegen wirken, höflich sein. "Wenn sich Menschen treffen, stellen sie sich einander vor", sagt er in gesetztem Norwegisch. Dann aber nestelt er an seinen Manschettenknöpfen. Nur einen kleinen Moment, ehe er selbst seine Nervosität bemerkt, damit aufhört und sagt: "Ich bin Kommandeur im norwegischen Widerstand."

Das sind seine ersten Worte, die er direkt vor der norwegischen Öffentlichkeit ausspricht.

Was ist das für ein Mensch?

Er klingt jetzt so, als spreche er aus einer anderen Welt zu den Anwälten, den Richtern, den fast zweihundert Zuschauern. "Ich bestreite meine Taten nicht, aber ich akzeptiere nicht, dafür in Haft zu sein", sagt der Massenmörder und greift mit leiser Stimme den Richter an: "Sie sind ein Vertreter des Multikulturalismus, das ist eine Ideologie des Hasses, die die norwegische Gesellschaft zerstört."

Anders Behring Breivik versucht, sich als Kämpfer gegen den Islam zu inszenieren, der in Norwegen nach der Macht greife, und der heimliche Verbündete besitze: die Multikulturalisten der regierenden Sozialdemokraten. Und Breivik, er hält sich für einen Heilsbringer, für den Retter Norwegens.

Der oberste Gerichtshof hatte ihm die Gelegenheit geschaffen, seine wirren Verschwörungstheorien öffentlich zu präsentieren. Am letzten Freitag entschieden die Richter, dass die Verhandlung, mit der über Breiviks weiteren Verbleib in Isolationshaft entschieden werden sollte, öffentlich zu führen sei.

Das Interesse der Medien war entsprechend groß: Die norwegischen Zeitungen berichteten live auf ihren Webseiten über den Morgen, an dem Breivik aus seinem Gefängnis im Nordwesten von Oslo ins Rampenlicht geholt wurde. TV-Stationen hatten ihre Kameras und Schweinwerfer vor dem Gebäude aus Granit aufgebaut, das nur ein paar hundert Meter entfernt ist von der Stelle, wo Breivik am 22. Juli seinen mit fast einer Tonne Sprengstoff beladenen Mietwagen detonieren ließ. Zwei Dutzend Journalisten waren aus dem Ausland dafür angereist, einen ersten Blick auf diesen sonderbaren Mann zu werfen, der mit scheinbar grenzenloser Kaltblütigkeit in einem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation 69 Menschen erschossen hat.

Was ist das für ein Mensch, was geht in seinem Kopf vor? Das fragen sich vor allem die Überlebenden. Einer von ihnen ist Adrian Pracon, ein erfolgreicher Jungpolitiker, der schon zwei Stunden vor der Verhandlung frierend vor dem Gerichtsgebäude steht.

Breivik hatte zwei Mal auf den jungen Mann geschossen. Pracon lag auf dem Boden, stellte sich tot, aber Breivik ging herum und schoss jedem am Boden liegenden in den Kopf, sicherheitshalber. Bei Pracon zielte er daneben, traf nur seine Schulter. "Ich habe ihn gesehen, jetzt will ich ihn wiedersehen", sagt der 21-jährige, "aber mit Schellen an Füßen und Händen."

Ratlose Gesichter, überall

Aus der Rekonstruktion der Polizei geht hervor, dass Pracon die letzten Schüsse abbekam, bevor Breivik endlich verhaftet wurde. Er hat Breivik aus nächster Nähe sehen müssen und wird diesen Anblick nicht mehr los. Genauso geht es seinem Parteifreund Erik Kursetgjerde, der mit ihm im Saal sitzt. "Keine 15 Meter war er auf Utøya von mir entfernt", erzählt der blasse 18-jährige.

Jetzt, im Gerichtssaal, ist der Abstand zu Breivik wieder in etwa der gleiche. Und er lässt ihn nicht aus den Augen. Er strahle wieder diese seltsame Ruhe aus, die ihm auch damals schon aufgefallen war. "Auf der Insel wirkte er nur ein wenig gestresster", erzählt Kursetgjerde: "Ich kann nicht begreifen, was hinter diesem Gesicht vor sich geht."

Niemand kann das. Und Breivik scheint zu spüren, dass sie alle in diesem Raum mehr oder weniger ratlos sind. Staatsanwalt Pål-Fredrik Hjort Kraby spricht von der "besonderen Schwere" seiner Verbrechen und Breivik huscht ein unscheinbares Lächeln über das Gesicht. Die Anzahl der Toten spreche für sich, sagt die Polizei und das erfordere unbedingt, dass Breivik in Haft bleibe. "Schon wegen dem Gerechtigkeitsempfinden der Gesellschaft", wie er hinzufügt. Der Richter Torkjell Nesheim ist streng bemüht, Breivik nicht unnötig viel Redezeit zu überlassen.

Und dennoch wirkt es auf eine unerträgliche Weise so, als sei der Täter selbst in Handschellen der Souveränste im Raum - oder zumindest will Breivik sich so inszenieren. Aus seinen tiefliegenden, schmalen Augen beobachtet er das Geschehen. Mit Blick auf seine Haftbedingungen sagt er überheblich, Norwegen könne sich von Saudi-Arabien noch effektivere Foltermethoden abschauen.

Sein Anwalt Geir Lippestadt fragt ihn, wie er die Isolation erlebe, und Breivik antwortet: "Ich habe keine Probleme damit". Es sei nur ein wenig schwer, schlagartig von einem sehr aktiven Lebensstil plötzlich zu einem derart passiven Leben zu wechseln. In diesem Moment geriert sich der Mann wie ein Märtyrer.

Seine Opfer auf der Besucherbank leiden in diesem Moment große seelische Qualen. "Mein Herz hat sich zusammengekrampft", berichtet der Überlebende Erik Kursetgjerde später.

"Ich will meine grausamen Taten erklären"

Breivik greift mit links zu einem Pappbecher, trinkt fast mechanisch einen kleinen Schluck Wasser. So wie er es in den 130 Stunden gemacht hat, während derer er verhört wurde. Er hört mit ungerührter Miene zu, wie sein Anwalt für die Lockerung seiner Haftbedingungen plädiert. Sogar internationale Menschenrechtsorganisationen hätten schließlich die Isolations-Praxis in Norwegen schon häufig gerügt, so Lippestadt.

Briefkontakte, Besuchsrechte, einen Fernseher und Zeitungen? Als es im Gerichtssaal um diese pragmatischen Fragen geht, ringen selbst flammende Vertreter eines liberalen Rechtssystems um Fassung: Wie viel Menschenrechte besitzt ein Mörder?

Das war im Groben die Frage, um die es im achten Stock des Justizgebäudes zu Oslo ging.

Breivik hingegen verfolgte an diesem Tag ein ganz anderes Motiv. Schon am Wochenende hatte er es über seine Anwälte verkünden lassen: "Ich will meine grausamen Taten erklären." Immer wieder wollte er zu einer Ansprache ansetzen, wendete sich demonstrativ vom Richter ab und hin zu den Zuschauern.

Je länger die Verhandlung dauert, desto ungeduldiger wird Breivik. Schließlich bekommt er noch einmal das Wort. Vorher allerdings ermahnt der Richter ihn noch einmal, sich nur zu der Frage er Haftbedingungen zu äußern. Doch das ignorierte Breivik. "Ich habe gehört, es seien Opfer anwesend", sagt er und fragt: "Kann ich zu ihnen sprechen?"

Doch diesen Gefallen will ihm Richter Nesheim nicht tun: "Nein, nicht an diesem Punkt des Verfahrens", fährt er ihm in die Parade, schließt die Verhandlung und will den Saal verlassen. Fast scheint es, als habe Richter Nesheim heute für die Justiz einen Sieg errungen und Breivik seine Show gestohlen.

Doch der Massenmörder bekommt am Ende doch noch einen kleinen Erfolg gegönnt: Alle Anwesenden erheben sich, so wie es auch in Norwegen die Pflicht ist. Nur Breivik bleibt sitzen, verweigert dem Richter den Respekt.

Es gibt einen kurzen Wortwechsel zwischen Breivik und seinem Anwalt. Breivik bleibt sitzen und der Richter verlässt wortlos den Raum.

Mitarbeit: Espen A. Eik

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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
feuercaro1 14.11.2011
1. .
Haft bis zum Tod. Gern mit TV, Zeitungen und Radio - damit er merkt, was für eine Lebensführung in Freiheit er verwirkt hat. Was nicht passieren darf: Dass Breijvik in Dialog mit der Öffentlichkeit treten kann und möglicherweise Anhänger um sich schart.
höfats gratwanderung 14.11.2011
2. Ich frage mich,
welche Folgen eine totale mediale Ingnoranz hätte? Diese Leute wollen doch nur (weltweite) Aufmerksamkeit.
glchao 14.11.2011
3. .
Zitat von sysopWahnsinns-Show aus einer anderen Welt: Seinen ersten öffentlichen Auftritt vor Gericht*bestritt Anders Behring Breivik mit dem Versuch, seine grausamen Taten vor den Opfern und Hinterbliebenen zu rechtfertigen. Dabei wirkte der Massenmörder auf verstörende Weise souverän. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797671,00.html
Umso schwerer zu beantworten, je weniger nachvollziehbar die Tat ist.
Chris110 14.11.2011
4. eine Frage
Warum wird ständig die Frage gestellt, "was im Kopf dieses Mannes vor sich geht", wenn er doch selbst längst mitgeteilt hat, was in seinem Kopf vor sich geht? Also mir ist absolut klar, was in seinem Kopf vor sich geht.
DrSpast 14.11.2011
5. Wie bitte?
Zitat von glchaoUmso schwerer zu beantworten, je weniger nachvollziehbar die Tat ist.
Was ist das bitte für eine Frage? Gerade am Umgang mit solchen Tätern bemisst sich doch die Qualität und Reife eines Rechtsstaates und der Medien. Und eines sollte klar sein: Eine unqualifizierte, simplifizierende Verteufelung des Geschehenen und des Täters, wie es hier auch der Spiegel vormacht, hilft weder bei der Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse noch bei der Verhinderung zukünftiger Gewalttaten.
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