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Attentäter von Norwegen: Wahnsinn schützt vor Strafe nicht

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Anders Breivik tötete mindestens 76 Menschen - perfide und hinterhältig. Er räumte die Taten ein, hält sich aber für nicht schuldig. Reicht das, um ihn als geisteskrank einzustufen? Mitnichten. Denn Wahnsinn macht die Täter nicht zu schuldunfähigen Opfern ihrer eigenen seelischen Gestörtheit.

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Gedenken in Oslo: Unmenschlichkeit schützt nicht vor Strafe

Wer so perfide und grausam ist, der kann doch nicht normal sein. Wer mit solcher Raffinesse vorgeht, dass er erst die Hauptstadt durch einen Anschlag erschüttert, um die Polizeikräfte dorthinzulocken, und dann wenig später auf einer Insel, verkleidet als Polizist, umso ungestörter Kinder und Jugendliche zu töten: Der muss einfach verrückt sein. Und wenn es so abgelaufen wäre, wie er es sich wohl ausgemalt hatte, dann hätte es noch viel mehr Tote geben sollen. Nein, so ein Mensch ist nicht normal.

Doch die Gleichung, die in Tagen unvorstellbar schrecklicher Ereignisse stets gern aufgestellt wird - je grausamer die Tat, desto gestörter, irrer, psychisch kränker der Täter - geht nicht so leicht auf.

Anders Breivik mag ein verblendeter Mensch sein, einer der sich im Leben nicht zurecht fand, sondern in die Irre ging und sich dabei in krude Phantasien verstieg. Doch seine kaltblütige Unmenschlichkeit allein, die dazu verleitet, in ihm sogleich einen Wahnsinnigen zu sehen, ist zunächst noch kein Beleg dafür, dass er keine Schuld trägt an dem, was er angerichtet hat - wie sein Verteidiger zu argumentieren versucht.

Denn dann wären zum Beispiel auch die NS-Schergen, die Tausende und Abertausende von Frauen, Kindern und Greisen massakrierten und in Gaskammern trieben - und ihnen voran jene, die sich diesen Wahnsinn ausgedacht und befohlen hatten - schuldunfähige Opfer ihrer seelischen Gestörtheit gewesen. Hitler, Stalin und Konsorten - die Geschichte ist voll von Blutsäufern und Menschen, die gern Monster oder Bestien oder Tiere genannt werden, weil ihnen alles Menschliche zu fehlen scheint: Napoleon und andere ruhmvolle Kriegshelden, die ihre Soldaten in einen sinnlosen, grausamen Tod trieben, die Schuldigen am Kindermord von Bethlehem, die missionierenden Kreuzritter, die heilige Inquisition, die Hexenverbrenner, die Selbstmordattentäter von heute, die Amokläufer - kein Tier verhält sich so, wie es der Mensch bisweilen tut.

Die Grausamkeit der Tat führt nicht per se zur Schuldunfähigkeit des Täters

Die Attentäter der RAF, die grausam töteten, verbrämten ihre Verbrechen mit vermeintlich hehren politischen Absichten, um die Menschheit aus ihrer gegenwärtigen Misere in eine angeblich bessere Welt zu führen. Als sie in Stammheim vor Gericht standen, war viel von der Grausamkeit ihrer Taten die Rede, nicht aber von Schuldunfähigkeit. Dazu hatten sie zu überlegt geplant und gezielt gehandelt.

Die Grausamkeit einer Tat per se führt nicht zur Schuldunfähigkeit des Täters. Aber sie kann Anlass geben zur Frage, was den Betreffenden zu seiner Tat bewogen hat. Sie kann Anlass sein für eine psychiatrische Erkundung, ob der Täter vielleicht im Zustand einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung, also einem schweren Affekt, gehandelt hat.

Oder ob er nachweisbar zur Tatzeit in seinen geistigen Fähigkeiten vielleicht so schwer beeinträchtigt war, dass er nicht zur Verantwortung gezogen werden kann. In Deutschland wird der Begriff der "schweren anderen seelischen Abartigkeit" für Störungen verwandt, die, wenn sie entsprechend gravierend und ausschlaggebend für die Tat sind, die Schuld mindern oder aufheben können. Nicht jede beliebige Störung aber erfüllt schon diese Kriterien.

Die Psychiatrie ist nicht unbedingt angenehmer als der Strafvollzug

Die Frau, die Oskar Lafontaine niedergestochen hat, war von Wahnvorstellungen besessen, die sie zu der Tat trieben, so dass sie nicht verurteilt werden konnte, sondern in die Psychiatrie einzuweisen war. Täter, die aufgrund einer schweren sadistischen Perversion grausame Straftaten begehen, wie einst Jürgen Bartsch, der Jungen bei lebendigem Leib die Haut abzog, ehe er sie tötete, werden meist nicht oder nicht so hart bestraft wie "normale" Straftäter. Das gilt auch für an einer Psychose leidende Menschen, die innere Stimmen hören oder von Wahnideen erfüllt sind und - diesen folgend - töten oder verletzen.

Ihre Einweisung in die Psychiatrie bedeutet jedoch nicht, dass sie es dort angenehmer haben als im Strafvollzug. Und es gibt vor allem kein festes Datum, an dem sie wieder in die Freiheit entlassen werden müssen wie bei einem voll schuldfähigen Verurteilten.

Der als "Kannibale von Rotenburg" bekannt gewordene Mann wurde trotz seiner schweren Sexualstörung und obsessiv anmutenden Tat von Gerichtspsychiatern als voll schuldfähig eingestuft und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Inzwischen sitzt er bereits acht Jahre im Gefängnis, irgendwann wird er verbüßt haben. Eine Therapie schien den Gerichtsgutachtern seinerzeit wenig erfolgversprechend, was die Aussicht einer Unterbringung in der Psychiatrie beträchtlich verminderte. Was wird sein, wenn seine Entlassung ansteht? Wird er, der bis dahin als Gesunder galt, dann zum Kranken umdefiniert werden, damit er hinter Schloss und Riegel bleibt?

Falls der norwegische Attentäter für voll schuldfähig erklärt werden sollte, erwartet ihn eine Freiheitsstrafe von 21 Jahren. Das ist in Norwegen die Höchststrafe, die durch die sogenannte "Verwahrung" um je fünf Jahre verlängert werden könnte. Sollte er wegen psychischer Störungen unzurechnungsfähig sein, käme er auf Dauer in eine psychiatrische Einrichtung.

Zunächst aber muss er rechtspsychiatrisch untersucht werden, damit geklärt wird, ob sein grausames Handeln pathologische Ursachen hat - oder ein Charakterzug von ihm ist.

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1. Wer ist nicht wahnsinnig?...
natterngesicht 26.07.2011
Zitat von sysopAnders Breivik tötete mindestens 76 Menschen - perfide, hinterhältig. Er räumte die Taten ein, hält sich aber für nicht schuldig. Reicht das, um ihn als geisteskrank einzustufen? Mitnichten. Denn Wahnsinn macht die Täter nicht zu schuldunfähigen Opfern ihrer eigenen*seelischen Gestörtheit. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776807,00.html
... Es gibt Wahnideen, und zwar menschenfreundliche und menschenfeindliche, liebevolle und hasserfüllte. Die Wandlung von Wein in Jesu Blut und Brot in Jesu Leib ist eine Wahnidee wie die Jungfrauengeburt und die Auferstehung. Diese Gedanken tun niemandem weh. Auch die Idee, dass Indianer, Schwarze, Tutsi, Juden etc keine Menschen sind, tun für sich niemandem weh. Weh tut er sich in Taten ausdrückende Hass der Wahnideeninhaber. Wer meint, alle töten zu müssen, wer die Auferstehung, Wandlung, Jungfrauengeburt und Göttlichkeit Jesu ablehnt, handelt im Wahnsinn. Seine Steuerungsfähigkeit ist dadurch aber nicht gemindert, denn die Gedanken sind frei. Das Tötungstabu gilt bei allen Menschen aller Kulturen. Auch die Tricks, Ethnien nicht als Menschen anzuerkennen, mindern nicht die Steuerungsfähigkeit. Denn das sind Selbstsuggestionen von Menschen, denen das Tötungstabu wohl bewußt ist. Das Bewußtsein, sich irren zu können, ist bei all diesen Wahnsinnigen vorhanden. Dieses Bewußtsein reicht.
2. Nicht wahnsinnig
gl11 26.07.2011
Zitat von natterngesicht... Es gibt Wahnideen, und zwar menschenfreundliche und menschenfeindliche, liebevolle und hasserfüllte. Die Wandlung von Wein in Jesu Blut und Brot in Jesu Leib ist eine Wahnidee wie die Jungfrauengeburt und die Auferstehung. Diese Gedanken tun niemandem weh. Auch die Idee, dass Indianer, Schwarze, Tutsi, Juden etc keine Menschen sind, tun für sich niemandem weh. Weh tut er sich in Taten ausdrückende Hass der Wahnideeninhaber. Wer meint, alle töten zu müssen, wer die Auferstehung, Wandlung, Jungfrauengeburt und Göttlichkeit Jesu ablehnt, handelt im Wahnsinn. Seine Steuerungsfähigkeit ist dadurch aber nicht gemindert, denn die Gedanken sind frei. Das Tötungstabu gilt bei allen Menschen aller Kulturen. Auch die Tricks, Ethnien nicht als Menschen anzuerkennen, mindern nicht die Steuerungsfähigkeit. Denn das sind Selbstsuggestionen von Menschen, denen das Tötungstabu wohl bewußt ist. Das Bewußtsein, sich irren zu können, ist bei all diesen Wahnsinnigen vorhanden. Dieses Bewußtsein reicht.
Nicht wahnsinnig ist, wer Fantasie und Realität auseinander halten kann. Und anscheinend kann Breivik das nicht, zumal er ein fürchterlich primitives, verschwörerisches Weltbild hat. Ein paar Stichproben seines Pamphlets genügen, um zu erkennen, dass da jemand in einer in einer World-Of-Warcraft-Fantasie-Welt lebt und die Realität in ihrer Vielschichtigkeit und Komplexität zu begreifen nicht imstande ist.
3. Warum die Ehre?
bsgbsg 26.07.2011
Sie sind doch seiner wahnhaften Propagande-Idee auch schon selbst auf den Leim gegangen, indem Sie ihn in einen Zusammenhang mit Hitler und Stalin bringen. Das würde ihn bestimmt stolz und glücklich machen, wäre er nicht in Isolationshaft und könnte er es erfahren. Er ist ein namenloses Nichts, ein Niemand. Die schlimmste Strafe für ihn würde sein, würde er weggesperrt werden - ganz gleich ob in Psychiatrie oder Knast - ohne jede Chance der Kommunikation. Kein TV, Radio, Internet, Zeitungen, Besuche, Mitgefangene, nur mal ab und zu sein Rechtsanwalt oder ein Vertreter von amnesty international. In 6 Monaten würde über ihn keiner mehr reden. Und Norwegens community würde sich langsam regenerieren und auf ihre alten Werte besinnen. So wie bei uns gerade mit dem Bremer Kindermörder verfahren wird. Keine News mehr und er ist faktisch tot. Keine Todesstrafe, keine Folter, das wäre doch nur eine nicht angemessene Gnade für alle solchen Menschen.
4. Schuld als Wahnidee
aotearoa! 26.07.2011
Der Artikel ist von dem verbreiteten, naiven Versuch geprägt, für auf den ersten Blick unverständliche Grausamkeiten einen Verantwortlichen zu finden, "Schuld" zuzuweisen. Aber Schuld existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft, es ist eine vom Menschen zur Bewältigung solcher Ereignisse geschaffene Kategorie. Darum ist es auch völlig müßig, hier darüber zu diskutieren, ob der eine oder andere Täter "schuldig" oder "schuldfähig" ist. Es gibt keine allgemeingültige Definition von Schuld. Das kann jeder für sich selbst ausmachen - oder eben auch nicht (siehe Nietzsche). Anders ist es bei den Juristen. Da Schuld eine zentrale Voraussetzung des staatlichen Strafanspruchs ist, können sich Juristen nicht um eine Entscheidung drücken. Die juristische Schuld ist aber wie gesagt auch nur ein abstraktes Gebilde, eine Zuschreibung, die das Rechtssystem vornimmt.
5.
Fion 26.07.2011
Zitat von aotearoa!Der Artikel ist von dem verbreiteten, naiven Versuch geprägt, für auf den ersten Blick unverständliche Grausamkeiten einen Verantwortlichen zu finden, "Schuld" zuzuweisen. Aber Schuld existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft, es ist eine vom Menschen zur Bewältigung solcher Ereignisse geschaffene Kategorie. Darum ist es auch völlig müßig, hier darüber zu diskutieren, ob der eine oder andere Täter "schuldig" oder "schuldfähig" ist. Es gibt keine allgemeingültige Definition von Schuld. Das kann jeder für sich selbst ausmachen - oder eben auch nicht (siehe Nietzsche). Anders ist es bei den Juristen. Da Schuld eine zentrale Voraussetzung des staatlichen Strafanspruchs ist, können sich Juristen nicht um eine Entscheidung drücken. Die juristische Schuld ist aber wie gesagt auch nur ein abstraktes Gebilde, eine Zuschreibung, die das Rechtssystem vornimmt.
Well said.
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Anschläge in Norwegen: Ein Rosenmarsch gegen den Terror

Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe "Ruger Mini 14", die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15 Mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische "Glock 17" scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.

Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.
"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

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