Attentat in Norwegen Breivik soll jeden Mord einzeln vor Gericht erklären

76 Menschen tötete Anders Breivik - und jeden seiner Morde soll er einzeln vor Gericht erklären. Bis die Anklageschrift gegen den geständigen norwegischen Attentäter fertig ist, wird es noch einige Zeit dauern - der Prozess soll erst 2012 beginnen.

Blumen und norwegische Flaggen vor der Insel Utøya: Prozess im kommenden Jahr
REUTERS

Blumen und norwegische Flaggen vor der Insel Utøya: Prozess im kommenden Jahr


Oslo - Anders Breivik kommt nach der Ermordung von 76 Menschen erst im kommenden Jahr vor Gericht. Dabei solle er jeden Mord einzeln erklären, sagte Norwegens Generalstaatsanwalt Tor-Aksel Busch am Donnerstag in Oslo: "Aus Respekt vor den Toten und den Angehörigen muss der Täter für jede einzelne Tötung Rechenschaft ablegen."

Das stelle entsprechende Anforderungen an die Beweisführung, sagte der Staatsanwalt. Der Fall mit den zwei Terroranschlägen vom letzten Freitag sei so umfassend, dass die Ausarbeitung einer Anklageschrift längere Zeit dauern werde. "Ich hoffe, die Leute haben Verständnis dafür."

Deshalb werde auch erst 2012 Anklage erhoben. "Wir hoffen, dass die Hauptverhandlung im Lauf des kommenden Jahres angesetzt werden kann", sagte Busch. Als Vertreter von Opfer-Angehörigen hatte der Anwalt Brynjar Meling betont, seine Mandanten, die meisten von ihnen Eltern getöteter Teenager, hofften auf einen Prozess im Herbst.

Busch bestätigte Überlegungen, den 32-jährigen Breivik möglicherweise wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzuklagen. Das würde eine Verurteilung zu 30 Jahren Haft ermöglichen, während bei dem vor dem Haftrichter angewandten Terrorparagrafen nur eine Verurteilung zu maximal 21 Jahren Haft möglich wäre. "Wir prüfen das natürlich sehr genau", sagte Busch dazu.

Bei dem seit 2008 in Norwegen geltenden Paragrafen des Strafgesetzbuches zählen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit auch Angriffe auf eine Gruppe wegen deren politischer Orientierung. Als Motiv für seine Anschläge gibt Breivik an, er habe den Sozialdemokraten "größtmöglichen Schaden" zufügen wollen.

"Jetzt bin ich fertig" - laut Zeitung Breiviks erste Worte nach der Festnahme

Am Donnerstag beendete die Polizei die Suche nach Opfern auf der Insel Utøya, nicht aber im umliegenden Tyrifjord. Wie die Zeitung "Verdens Gang" am Donnerstag in ihrer Online-Ausgabe berichtete, "präzisierten" die Behörden mit dieser Mitteilung frühere Angaben, wonach die Suche ganz beendet worden sei. Man sei sich völlig sicher, dass auf der Insel keine weiteren Opfer des Massakers vom letzten Freitag seien.

Auf Utøya hatte Breivik am vergangenen Freitag mindestens 68 Teilnehmer eines sozialdemokratischen Sommerlagers für Jugendliche getötet. Zuvor hatte er eine Bombe vor dem Osloer Regierungshochhaus platziert, bei deren Explosion acht Menschen starben. Geir Lippestad, der Verteidiger des nach dem Massaker festgenommenen und geständigen Täters, hält Breivik für geisteskrank.

Am Donnerstag berichtete "Verdens Gang", die ersten Worte Breiviks nach der Festnahme auf Utøya seien "jetzt bin ich fertig" gewesen. Das Blatt beruft sich auf anonyme Quellen. Nach der Festnahme habe er geredet "wie ein Wasserfall". Die Zeitung machte keine Angaben, worüber er sprach. Die Polizei wollte den Bericht nicht bestätigen.

Die Beamten hatten am Mittwoch detailliert über die Festnahme Breiviks informiert. Zuvor war Kritik an der Polizei laut geworden, weil zwischen dem ersten Notruf und der Festnahme rund eine Stunde verging.

Nach Angaben des Leiters des Einsatzkommandos, Haavard Gaasbakk, konnten die Polizisten, die in zwei Privatbooten zur Insel eilten, bei ihrem Einsatz ständig im Wasser einschlagende Kugeln sehen. Das Polizeiboot konnte wegen eines Motorschadens nicht eingesetzt werden. "Wir sind auf der Insel angekommen und direkt zur Südspitze gerannt", sagte Gaasbakk. "Wir mussten 300 bis 350 Meter rennen. Als wir uns den Schüssen genähert haben, haben wir gerufen: 'Polizei, wir sind bewaffnet.'"

Plötzlich sei Anders Breivik mit erhobenen Händen aufgetaucht, berichtete Gaasbakk. Seine Waffe hatte er demnach rund 15 Meter weiter entfernt abgelegt. Er ließ sich ohne Widerstand festnehmen.

ulz/dpa/AFP

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Kalaharry 28.07.2011
1. so geht es
Zitat von sysop76 Menschen tötete Anders Breivik - und jeden seiner Morde soll er einzeln vor Gericht erklären. Bis die Anklageschrift gegen den geständigen norwegischen Attentäter fertig ist, wird es noch einige Zeit dauern - der Prozess soll erst 2012 beginnen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,777140,00.html
Er sollte für jeden Mord einzeln verurteilt werden und zwar zur Höchststrafe. Also 21 Jahre jetzt und in 20 Jahren der nächste Prozess. Bis dass uns der Tod von ihm scheidet.
-C3 28.07.2011
2. Jeden einzelnen Mord?
Zitat von sysop76 Menschen tötete Anders Breivik - und jeden seiner Morde soll er einzeln vor Gericht erklären. Bis die Anklageschrift gegen den geständigen norwegischen Attentäter fertig ist, wird es noch einige Zeit dauern - der Prozess soll erst 2012 beginnen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,777140,00.html
Da wird sich Breivik aber mit Sicherheit nicht an alle Morde erinnern können, so viele wie es sind!
Leser161 28.07.2011
3. Seltsam
Wie ist das zu verstehen? Wird der Killer jetzt zu jedem einzelnen Mord hochnotpeinlich befragt. Und was passiert wenn er verschiedene Opfer miteinander verwechselt, könnte bei der Anzahl ja vorkommen. Sie sollen den Typen einfach seiner gerechten Strafe zuführen. Basta. PS: War das jetzt eine krude Meinung? Komm ich jetzt auf die LISTE?
wika 28.07.2011
4. Schützenhilfe …
… wird er für diese Aufgabe brauchen … Zitat: „Breivik soll jeden Mord einzeln vor Gericht erklären“ vielleicht wäre es hilfreich mit den Fotos der getöteten Opfer bis zum Prozess seine Zellenwand zu dekorieren, damit er die nötige Erinnerung an die Einzelfälle hat, Albträume könnten dabei auch die Erinnerung wachhalten …
postbote101 28.07.2011
5. ...
Zitat von -C3Da wird sich Breivik aber mit Sicherheit nicht an alle Morde erinnern können, so viele wie es sind!
Das muss er auch gar nicht. Wichtig ist doch nur, dass man ihm alle Morde nachweisen kann. Und wer weiss, vielleicht schafft Norwegen ja doch die Möglichkeit, dass dieser Typ für jeden einelnen die 21 Jahre kassiert.
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