Zeugen des Attentats von London "Diese Typen waren wie wahnsinnig"

Der grausame Mord an einem Soldaten in London spielte sich vor den Augen entsetzter Passanten ab. Bevor die Polizei eintraf, standen sich Unbeteiligte und Mörder gegenüber. Manche dokumentierten das Geschehen, eine zweifache Mutter zeigte Courage.


London - Ingrid Loyau-Kennet saß im Bus Richtung Parliament Square, sie wollte ihre Kinder treffen. Graham Wilders war fast zu Hause, er lebt um die Ecke. James wollte seine Lebensgefährtin zur Arbeit fahren. Drei Menschen, ein Tag wie jeder andere. Bis sie zum Artillery Place kamen, in Woolwich im Südosten Londons.

Sie wurden Augenzeugen eines grausamen Mordes, gerieten in eine unwirkliche Szenerie. Ihre Beschreibungen fügen sich zu einem verstörenden Bild des Terroranschlags zusammen.

Die Täter rammten einen Soldaten mit ihrem Auto und töteten ihn anschließend auf bestialische Weise mit Messern und einem Fleischerbeil.

"Ich dachte, sie würden ihn wiederbeleben"

Als Wilders das beschädigte Auto auf dem Bürgersteig sah, ging er von einem Unfall aus. So beschreibt er es im BBC Radio. Dann wanderte sein Blick weiter. "Zwei Menschen hatten sich über einen anderen gebeugt. Ich dachte, sie würden ihn wiederbeleben." Wilders parkte seinen Wagen in der Garage und ging zurück zum Ort des Geschehens.

Auch James, der nur seinen Vornamen nannte, dachte zunächst, die zwei Männer würden dem Opfer helfen. Dann erkannte er, was wirklich passierte. "Sie haben auf ihn eingehackt. Diese Typen waren wie wahnsinnig, wie Tiere", schilderte er mit bewegter Stimmte dem lokalen Sender LBC.

Er und seine Frau seien aus dem Wagen gestiegen und hätten geschrien. Einer der Täter habe eine Pistole geholt und ihnen befohlen, wieder einzusteigen. "Sie haben den armen Kerl vom Bürgersteig geschleift und mitten auf der Straße abgelegt."

James rief eigenen Angaben zufolge die Polizei. Bis bewaffnete Beamte eintrafen, dauerte es rund 20 Minuten. Ziemlich viel Zeit, womöglich wäre bei einem anderen Verlauf eine große Debatte über das Versagen der Polizei gefolgt. Doch die Täter liefen nicht weg. Das Verhalten nach dem Mord spielte in ihrem Plan offenbar eine wichtige Rolle.

"Ich dachte, ich spreche besser mit ihm"

Ingrid Loyau-Kennet, 48, hat zwei Kinder, seit ihrer Zeit bei den Pfadfindern ist sie in Erster Hilfe geschult. Als ihr Bus nahe des Tatorts zum Stehen kam, stieg sie aus. Sie wollte helfen, doch sie spürte keinen Puls mehr bei dem Mann. Eine andere Frau hatte bereits eine Jacke über den Kopf des Opfers gelegt.

Der Soldat war tot, seine Mörder blieben am Tatort. Einer von beiden warnte Loyau-Kennet aufgebracht, sie solle der Leiche fernbleiben. So erzählte sie es dem "Guardian" und dem "Telegraph". Was sie dann tat, machte sie in Großbritannien berühmt. "Ich dachte, ich spreche besser mit ihm, bevor er weitere Menschen angreift", erinnert sich Loyau-Kennet. Der Mann sei nicht betrunken oder auf Droge gewesen. Sie habe keine Angst gehabt und mehr als fünf Minuten mit ihm gesprochen.

"Ich fragte ihn, warum er das getan hat", sagte Loyau-Kennet. Das Opfer sei Soldat und habe Muslime in Afghanistan und im Irak getötet, habe der Mann geantwortet. Er werde auch Polizisten töten. Loyau-Kennet fragte, ob das vernünftig sei. "Es wurde klar, dass er wirklich davon überzeugt war." Sie habe versucht, ihn weiter in ein Gespräch zu verwickeln, doch der Täter sei weggegangen. Sie habe daraufhin versucht, auch mit dem Komplizen zu diskutieren.

Ein Bild des Dialogs verbreitete sich rasant im Internet: Loyau-Kennet steht dem Mann gegenüber, sie hat die Hände in ihren Jackentaschen, wirkt aufrecht, sieht ihn ein wenig von der Seite an. Seine Arme hängen herunter, links hält er ein großes Messer.

Täter forderten Passanten zum Filmen auf

Immer mehr Menschen kamen zum Tatort. Auch Schulkinder näherten sich. "Ich habe zu den Lehrern gesagt: 'Bringt die Kinder zurück in die Schule, da ist jemand mit einer Pistole'", erinnert sich Graham Wilders.

Doch die Täter machten keine Anstalten, weitere Menschen anzugreifen oder zu fliehen. James berichtet, sie seien zu Bussen gegangen, hätten Insassen aufgefordert, Fotos zu machen.

Wo etwas passiert, zücken Schaulustige oft ihre Smartphones, filmen statt zu helfen, es ist inzwischen ein bekanntes Phänomen. In Woolwich ereignete sich jedoch etwas, das kaum fassbar scheint: Augenzeugen nehmen Mörder auf, die blutverschmierten Hände, die Tatwaffen. Manche werden wohl den Befehlen der Täter gefolgt sein, andere scheinen von größerer Entfernung fotografiert zu haben.

"Im Moment geht es mir gut"

Manche Passanten schrien die Täter an, doch die nahmen das laut James gar nicht wahr. Sie seien auf der Straße auf und ab gegangen und hätten sich fotografieren lassen.

Jemand folgte dem Wunsch der Täter, er war kein Beobachter mehr, sondern Teil des Geschehens: Er filmte einen der beiden wie er, das blutige Fleischerbeil in der Hand, von Allah spricht, von "Auge um Auge, Zahn um Zahn".

Kurz bevor die bewaffneten Polizisten eintrafen, kehrte Loyau-Kennet zurück zu ihrem Bus. Als die Beamten in die Straße bogen, stürmten die Täter auf sie zu und wurden mit mehreren Schüssen gestoppt.

Ingrid Loyau-Kennet wird nun den britischen Medien für ihre Tapferkeit und ihren Mut gefeiert. "Ich bin glücklich, dass ich möglicherweise mehr Schaden verhindern konnte", sagte sie. "Im Moment geht es mir gut, aber ich denke, der Schock könnte mich später noch treffen."

hut



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emmerot 23.05.2013
1. eine unbewaffnete Frau...
eine unbewaffnete Frau stoppt zwei islamistische Mörder - wenn das nicht in gewissen Kreisen einschlägt.Und wer ist erneut Schuld an den wachsenden Minderwertigkeitskomplexen? Der böse Westen, in dem Frauen Fanatiker aufhalten dürfen!
smoothways 23.05.2013
2. von wegen wahnsinnig
Schon wieder eine dieser reisserischen Schlagzeilen! Ich habe mir das Video mit Ton des einen Moerders angehoert. Da war es eher erschreckend wie kuehl und "rational" der Mann war (welcher Wahnsinnige entschuldigt sich vor laufender Kamera bei den Frauen fuer die grauenhaften Bilder??!). Der hat sich furchtbarer Weise so angehoert wie der ein oder andere den ich schon begegnet bin - in akzentfreiem Englisch. Das ist kein Auslaender - wohl ein Fanatiker, aber eben ein Englaender und einer, der ohne Zweifel unter uns zu finden ist. Aber da wird natuerlich die Verantwortung unter den Extremisten gesucht, um hier so zu tun also ob das niemand aus unserer Mitte sein kann. FALSCH! Und jetzt vielleicht fuer den ein oder anderen als Schock: das haben wir auch sehr lange von den Nazitaetern gedacht bis wir eines Tages eines besseren belehrt wurden. Und was tut die englische Staatsmacht? Es als Terrorismusakt darstellen! Damit man seinen Suendenbock hat, der nicht aus der eigenen Gesellschaft stammt und man nicht vor seiner eigenen Haustuere kehren muss!
colophonium 23.05.2013
3. Arbeit gegen Extremismus und Diskriminierung
Zu gerne würde ich behaupten können, dass es die Tat von verwirrten Einzeltätern war. Da spricht aber schon die Begehungsweise zu zweit gegen einen schuldausschließenden psychischen Zustand. Und zwar handelt es sich zum Glück um die Taten einer fundamentalistischen Minderheit. Aber wir dürfen usnere Augen nicht davor verschließen, dass es sich hier um eine geschürte gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit / Diskriminierung gegenüber Soldaten und Polizisten handelte. Es sind hier weltweite Erfahrungen auszuwerten, wie dagegen am wirksamsten vorgegangen werden kann. Ein gutes Beispiel bildet Norwegen bei der Arbeit gegen Diskriminierugnen. Aber auch Deutschland mit seinen Programmen von EXIT Deutschland oder speziell gegen den Salafismus (in NRW) bilden gute Beispiele. DIe Ausgaben sind unglaublich niedrig und der Nutzen sehr hoch.
gonger 23.05.2013
4. Nicht auf Droge
"Der Mann sei nicht betrunken oder auf Droge gewesen"... widerlegt die politisch-korrekte These vom "zufälligen" Einzeltäter. Medien, die diesen Einzeltäter-Schwachsinn weiter verbreiten müssen sich fragen lassen wie glaubwürdig sie noch sind. Statt dessen sollte man lieber recherchieren wer und was dahinter steckt auch wenn die Wahrheit unangenehm sein könnte.
Ich_sag_mal 23.05.2013
5. Verfolgungswahn
Nichts anderes ist das. Wenn jemand einen Muslim angreift, so greift er alle an, so eine der vielen Argumente. Das sollte mal jemand anders formulieren. Personen die morden, das sind Mörder, nichts anderes!
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