Auf der Autobahn Polizei verhaftet neun "Höllenengel"

Schlag gegen die Rockerszene: Nur zwei Tage, bevor das Landgericht Münster in einem spektakulären Mordprozess urteilen wird und Hunderte harte Kerle durch die Domstadt donnern wollen, hat die Polizei einige gesuchte "Hells Angels" geschnappt. Die Stimmung könnte nun explosiver kaum sein.

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Hamburg - Selbst die "Münstersche Zeitung", die eher selten im Verdacht steht, übermäßig pointiert zu berichten, hat inzwischen den Ausnahmezustand entdeckt: "Rockerkrieg in Münster droht", schrieb das Blatt und erklärte gleichzeitig eine "Alarmstufe Rot" für die Polizei.

Hundertschaften aus "ganz Nordrhein-Westfalen" müssten am Dienstag nach dem Urteilsspruch des Landgerichts in einem spektakulären Rockerprozess "blutige Auseinandersetzungen" zwischen den verfeindeten "Hells Angels" und "Bandidos" verhindern - oder sogar, wie es in dem Bericht hieß, "im Keim ersticken".

Tausend Rocker auf ihren Motorrädern, mindestens ebenso viele Polizisten und das Urteil in einem Mordverfahren, das alles andere als eindeutig war und dessen Ausgang eine der beiden Parteien bitter enttäuschen wird. Als wäre die Ausgangslage nicht schon brisant genug, haben sich die Staatsanwaltschaft Verden, das Landeskriminalamt Niedersachsen und die Bremer Polizei entschieden, ausgerechnet in diesem sensiblen Augenblick erneut massiv gegen die "Angels" vorzugehen.

Überraschung auf der Heimfahrt

Nach einem Europatreffen der Rocker in Hannover mit 2000 Teilnehmern wurden am Sonntagnachmittag acht gesuchte "Höllenengel" verhaftet. Die Mitglieder des Clubs "Hells Angels Westside", sie sind zwischen 31 und 46 Jahre alt, befanden sich mit ihren Motorrädern auf der Rückfahrt vom "Eurorun" in der niedersächsischen Landeshauptstadt nach Bremen, als die Beamten auf der Autobahn 27 bei Walsrode zugriffen. Sie dirigierten die Rocker, die bereits längere Zeit observiert worden waren, auf einen abgesperrten Parkplatz. Dort warteten Spezialkräfte der Polizei auf sie.

Gleichzeitig durchsuchten Beamte der Abteilung 4 (Organisierte Kriminalität, Rauschgiftkriminalität, Strukturdelikte) des Landeskriminalamts Bremen das Clubheim "Angels Place" sowie fünf Privatwohnungen. Die Beamten stellten dabei nach eigenen Angaben Schusswaffen sicher, die bei einem Einbruch in ein ostwestfälisches Waffengeschäft erbeutet worden sein sollen. Auch Hieb- und Stichwaffen sowie Drogen konnten beschlagnahmt werden. Neben den acht "Angels" fasste die Polizei bei Walsrode noch einen gesuchten Rocker, der dem Club nicht angehört. Am Abend wurde in Bremen dann ein weiterer "Hells Angel" festgenommen.

"Die Verdächtigen bestreiten die Vorwürfe", sagte Oberstaatsanwältin Silke Streichbier SPIEGEL ONLINE. Vorwürfen, der Zugriff sei zur Unzeit erfolgt, trat sie entgegen: "Für unsere Ermittlungen war es der richtige Moment." Mit dem Urteil am Dienstag habe die Maßnahme nichts zu tun. Vier oder fünf Gesuchte seien noch flüchtig, so Streichsbier.

Niedergeschlagen, gefesselt, misshandelt

Die zehn Gefassten, nach denen seit dem 3. Juni gefahndet worden war, sollen laut Staatsanwaltschaft Verden in einen Überfall auf ein Clubheim der rivalisierenden "Bandidos" in Stuhr (Landkreis Diepholz) verwickelt sein. Im Mai 2006 wurden dort sechs Rocker niedergeschlagen, gefesselt und schwer misshandelt. Unter ihnen befand sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch der angeklagte Heino B., 48, über den nun in Münster geurteilt werden soll. Die dortige Staatsanwaltschaft wirft dem gelernten Dachdecker vor, mit seinem Clubkameraden Thomas K., 36, unter anderem aus Rache für den Übergriff im Mai 2006 ein Jahr später den "Hells Angel" Robert K., 47, in Ibbenbüren erschossen zu haben.

Beide weltweit vernetzten Motorradgruppen liefern sich seit Jahren einen blutigen Bandenkrieg um die Vorherrschaft in einzelnen Regionen. Das Bundeskriminalamt geht davon aus, dass Teile der Szene in der Organisierten Kriminalität aktiv sind.

Die Polizei in Münster hat sich zur Urteilsverkündung auf einen Ansturm Hunderter Rocker beider Lager eingestellt und Kräfte aus ganz Nordrhein-Westfalen angefordert. Bereits zum Auftakt des reinen Indizienprozesses im vergangenen Dezember waren einige der rund 600 Rocker aneinandergeraten. "Wir sind vorbereitet", sagte Polizeisprecher Markus Kuhlmann SPIEGEL ONLINE. Die jüngsten Maßnahmen der Ermittlungsbehörden in Niedersachsen und Bremen flössen nun "in die Analyse der Gesamtlage" ein.

Auf die Frage, ob die Aktion nicht zu einem ungünstigen Zeitpunkt erfolgt sei, antwortete Kuhlmann knapp: "Kein Kommentar."



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