Hells Angels in Hannover Die Höllenengel ducken sich weg

Er galt als mächtigster Hells Angel in ganz Europa - doch nun hat Frank Hanebuth seinen Rockerclub in Hannover geschlossen: "Ende im Gelände", sagt er. Die Sicherheitsbehörden vermuten hinter dem Manöver einen geschickten Schachzug.

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Hannover - Wenn es ernst wird, machen die Rocker nicht viele Worte: "Mit dem heutigen Datum", teilen sie am späten Mittwochabend auf einer einschlägigen Internetseite mit, hätten sich die Hells Angels Hannover "aufgelöst". Und ihr bisheriger Anführer, Frank Hanebuth, sagt auf Anfrage am Donnerstag lediglich: "Das war ein gemeinsamer Beschluss. Jetzt ist Ende im Gelände."

Für die Motorradgang-Szene ist die Schließung des Hells-Angels-Clubs in Hannover in etwa so bedeutend, als wenn Bayern München kurzfristig seine erste Mannschaft vom Spielbetrieb der Bundesliga abmeldete. Die hannoverschen Höllenengel waren nicht nur der größte Ableger des Clubs in Europa, sondern galten auch als der finanziell potenteste, der zudem lange Zeit über belastbare Kontakte in die bessere Gesellschaft der Landeshauptstadt verfügte.

Und das lag vor allem an ihm, dem Ex-Profi-Boxer Hanebuth, 47.

In den vergangenen Jahren war es ihm gelungen, in Hannover nicht nur die Konkurrenz weg-, sondern sich auch in einflussreiche Kreise vorzubeißen. Wenn der 1,96 Meter große glatzköpfige Hüne etwa anlässlich seines Geburtstags einlud, folgten Männer wie Staranwalt und Gerhard-Schröder-Intimus Götz von Fromberg dem Ruf des "Langen". Auch andere Honoratioren zeigten sich gerne mit dem Rocker, während bürgerliche Geschäftsleute dessen Durchsetzungsvermögen priesen, mit der er den Kiez an der Leine, das Steintorviertel, angeblich befriedet hätte.

Die Verbote hatten das Milieu in Aufruhr versetzt

Die Hells Angels hatten sich in Hannover gut eingerichtet. Sie waren in unterschiedlichen Konstellationen nicht nur an Bordellen und Bars, sondern auch an einem Immobilienunternehmen, einer Getränkevertriebsgesellschaft und mehreren Sicherheitsfirmen beteiligt. Es gab eine Zeit, da hatte die Landeshauptstadt wohl zwei Bürgermeister, einen für das Leben am Tag und einen, so könnte man sagen, für das Leben in der Nacht.

Doch nachdem der sogenannte Rockerkrieg Polizei und Politik auf die Gefährlichkeit der Motorradgangs aufmerksam gemacht hatte, standen Hannovers Höllenengel sehr schnell unter unangenehm intensiver Beobachtung. Ein öffentlich zelebrierter Friedensschluss brachte nur kurzzeitige Entlastung.

Vor einigen Monaten entschied Hanebuth deswegen, seine Türsteher aus dem Vergnügungsviertel abzuziehen. Das war der erste Schritt, um aus dem Fokus der Öffentlichkeit wieder zu verschwinden, doch er reichte offenbar nicht aus.

Denn die Verbote etablierter Hells-Angels-Clubs in Frankfurt, Kiel, Köln und Berlin hatten das Milieu in Aufruhr versetzt. In einer vertraulichen Lageeinschätzung des Bundeskriminalamts ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") heißt es dazu, die Schließung der Charter "dürfte weiter Unruhe in die Kreise dieser Organisation bringen und Maßnahmen hervorrufen, um zukünftige Verbote zu umgehen".

Wie ein Damoklesschwert schwebte seit geraumer Zeit die Schließung des Hannover-Ablegers über den Rockerköpfen. Der niedersächsische CDU-Innenminister bestätigte kürzlich noch öffentlich, dass die Polizei daran arbeite. Hinzu kamen in den vergangenen Wochen drastische Polizeiaktionen, unter anderem stürmte die GSG 9 Hanebuths Anwesen und erschoss in dessen Garten einen jungen Hund.

Die Rocker wittern eine Kampagne

Die Motorradgangs sehen sich seither einer angeblichen "Hetzkampagne" von Politik, Polizei und Medien ausgesetzt, wie der Sprecher der deutschen Hells Angels, Rudolf "Django" T. betont. Schon vor Wochen hatten sich die Bremer Höllengel, denen auch T. in führender Funktion angehörte, aufgelöst. Zu Details und Gründen der jüngsten Clubschließung in Hannover werde man sich äußern, "wenn der richtige Zeitpunkt" gekommen sei, so Django.

Die niedersächsische Polizei wiederum vermutet, Hannovers Höllenengel wollten mit der Selbstdemontage einem etwaigen Vereinsverbot und vor allem dem damit üblicherweise einhergehenden Einzug des Clubvermögens zuvorkommen. "Anders ist das nicht zu erklären", sagt ein Kriminalbeamter.

Die Ermittler rechneten jedoch nicht damit, dass die vielfach im Rotlichtgewerbe aktiven Angels nun "umschulten". "Für uns ist letztlich egal, ob auf deren Jacken A oder B oder gar nichts steht, wir behalten sie im Auge", so der Polizist. Zumal die Rocker durch ihren Sprecher Django selbst ankündigen: "Ich bleibe Hells Angel, wie alle anderen auch. Dafür brauchen wir kein Abzeichen, keinen Charter."

Beamte des Landeskriminalamts in Hannover prognostizieren, dass eine ähnliche Situation wie in Hamburg entstehen könnte. Dort gibt es die Hells Angels seit 1986 offiziell nicht mehr, dennoch machen sie auf der Reeperbahn munter ihre Geschäfte. Die Rocker verzichten zwar darauf, in der Hansestadt ihre Clubinsignien öffentlich zur Schau zu stellen und damit zwangsläufig die Staatsmacht herauszufordern. Doch wenn rund um den Hans-Albers-Platz von "Rot-Weiß" die Rede ist, wissen die meisten, dass damit keine Pommes Frites gemeint sind.

In dem Dienstzimmer eines hochrangigen Hamburger Ermittlers hing daher lange Zeit an einer Pinnwand hinter dem Schreibtisch unter anderem ein ausgeschnittener Artikel aus der "Bild"-Zeitung. Überschrift: "Der Kiez braucht uns." In dem Text ließ sich Frank Hanebuth mit den Worten zitieren: "Wir haben in Hamburg seit Jahrzehnten die Vorherrschaft, sehr großen Einfluss." Der Kriminalist hatte die Sätze gelb markiert und an den Rand geschrieben: "Seit 14 Jahren verboten."

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josian 28.06.2012
1. Führerschein
Das Thema würde sich bundesweit schnell erledigen, wenn den Radaubrüdern die Fahrerlaubnis entzogen würde. Bei Drogendelikten z.b. ist das heutzutage üblich !
raven_wolf 28.06.2012
2. Der
Zitat von sysopDPAEr galt als mächtigster Hells Angel in ganz Europa - doch nun hat Frank Hanebuth seinen Rockerclub in Hannover geschlossen: "Ende im Gelände", sagt er. Die Sicherheitsbehörden vermuten hinter dem Manöver einen geschickten Schachzug. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,841535,00.html
Herr Hanebuth scheint eh intelligent zu sein. Er agiert nicht sondern er plant Schachzüge voraus und die Polizei agiert. Nach seinen Verhaltensmuster könnte er sich sogar ganz Solide werden , das wäre ja mal was.
magellan11 28.06.2012
3. -
"In einer vertraulichen Lageeinschätzung des Bundeskriminalamts ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") heißt es dazu, die Schließung der Charter "dürfte weiter Unruhe in die Kreise dieser Organisation bringen und Maßnahmen hervorrufen, um zukünftige Verbote zu umgehen". " Liebe Spiegel-Online-Redaktion, wie kommen Sie an vertrauliche Lageeinschätzungen des BKA? Und warum veröffentlichen Sie diese?
joeyramone 28.06.2012
4. Wunderbar
Ab jetzt hält Recht und Ordnung wieder Einzug in Steitor Viertel, sowie in Berlin, Bremen... Als nächste Schlagzeile wünsche ich mir jetzt: Krimineller Miri- Clan aufgelöst.
themistokles 28.06.2012
5.
Zitat von sysopDPAEr galt als mächtigster Hells Angel in ganz Europa - doch nun hat Frank Hanebuth seinen Rockerclub in Hannover geschlossen: "Ende im Gelände", sagt er. Die Sicherheitsbehörden vermuten hinter dem Manöver einen geschickten Schachzug. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,841535,00.html
Öh...ja???? Natürlich ist das ein Schachzug, um den Ermittlerbehörden zu entkommen. Die Personen an sich (und ihre Machenschaften) sind ja noch da. Und die werden keine anderen Menschen, nur weil sich jetzt EIN Chapter "aufgelöst" hat und/ oder in ein paar Wochen unter anderem Namen auftritt. Neue Kutte an und weiter geht´s....
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