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24. Oktober 2007, 18:08 Uhr

Auftakt des Kevin-Prozesses

Duell der Gutachter

Von , Bremen

Wer ist schuld am Tod des kleinen Kevin, dessen Leiche Polizisten vor einem Jahr im Kühlschrank einer Bremer Wohnung fanden? Der Fall wird jetzt vor Gericht verhandelt - eine Schlacht der Gutachter steht bevor, das Schicksal des Jungen wird womöglich in den Hintergrund geraten.

Bremen - Über den Tod des zweieinhalbjährigen Kevin aus Bremen scheint alles gesagt und geschrieben. Die Polizei hatte die Leiche des Jungen, der eigentlich unter staatlicher Obhut stand, am 10. Oktober 2006 im Kühlschrank einer Wohnung gefunden, in der der Junge mit dem drogenabhängigen Freund seiner ebenfalls rauschgiftsüchtigen verstorbenen Mutter gelebt hatte. Seit dem erschütternden Fund nahmen die Vorwürfe gegen die Behörden und deren Mitarbeiter kein Ende. Sie hatten das Kind entgegen vielstimmigem Rat immer wieder seiner Mutter oder deren Lebengefährten überlassen.

Angeklagter K.: Bei der Festnahme "verwirrt und orientierungslos"
AP

Angeklagter K.: Bei der Festnahme "verwirrt und orientierungslos"

Bisweilen hatte es den Anschein, die Mängel der sozialpolitischen Ideen wären in einer Stadt mit langer liberaler Tradition allein dadurch zu beseitigen, einen Sündenbock auszumachen - zum Beispiel jenen Sachbearbeiter des Bremer Jugendamts, der immer wieder nur nach Aktenlage entschied.

Der Mann wurde mittlerweile versetzt. Jetzt lauert man auf seinen nächsten Fehler, damit man sich seiner endgültig entledigen kann. Die Bremer Sozialsenatorin nahm bei Bekanntwerden des Falls sofort ihren Hut, was zumindest aller Ehren wert ist.

Heute begann vor der Großen Strafkammer IV als Schwurgericht II der Prozess gegen Bernd K., 42, der lange Zeit als der leibliche Vater von Kevin galt. Erst anlässlich der Obduktion des Kindes stellte sich heraus, dass er es nicht ist. Seitdem wird er in den Medien "Ziehvater" genannt. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn wegen Mordes angeklagt.

Die Kammer mit dem Vorsitzenden Richter Helmut Kellermann aber reduzierte diese Anklage auf Totschlag (weil "zurzeit ausreichende Anhaltspunkte für eine grausame Handlungsweise nicht ersichtlich sind") und schwere Misshandlung Schutzbefohlener. Dem Prozess schickte Kellermann eine Vorbemerkung voraus, in der es hieß:

"Die große Beachtung des Strafverfahrens im Fall Kevin beruht aus Sicht des Gerichts in erster Linie auf der Erwartung, dass nach Abschluss des Verfahrens Feststellungen zu Verantwortlichkeiten der mit der Fürsorge von Kindern befassten öffentlichen Stellen und Einrichtungen im Lande Bremen getroffen werden. Das Gericht möchte hiermit klarstellen, dass es Aufgabe dieses Verfahrens ist, unvoreingenommen erstens die unmittelbaren Ursachen des Todes von Kevin aufzuklären, zweitens eine etwaige strafrechtlich zurechenbare Verantwortung des Angeklagten und dessen Ausmaß zu erforschen sowie im Fall der Verantwortlichkeit drittens eine gerechte und angemessene Strafe zu finden."

Es wird also nur noch dann um Behördenversagen gehen, wenn dieses zum Beispiel Straftaten des Angeklagten förderte. Doch zunächst müssen ihm diese erst einmal nachgewiesen werden.

Wieweit ist der Angeklagte strafrechtlich verantwortlich?

Die Bremer Strafverteidiger Thomas Becker und Jörg Hübel ließen bereits am ersten Verhandlungstag ihre Zweifel an der Anklage erkennen. Sie haben eine Fülle von medizinischen Sachverständigen benannt, die ihrer Überzeugung nach die Behauptungen der Staatsanwaltschaft widerlegen könnten, wie Kevin gestorben ist.

Laut Anklage ist Kevin nach mehreren Knochenbrüchen durch eine Öffnung der Markhöhlen ums Leben gekommen, die eine Ausschwemmung von Fetttröpfchen in die Blutbahn bewirkte, so dass es zu einer Fettembolie der Lunge mit Pumpversagen des rechten Herzens kam.

In der Tat ist die Frage der Todesursache zentrales Thema dieses Strafprozesses, von dem sich große Teile der Öffentlichkeit ein möglichst hartes Urteil erhoffen. Gelingt es aber der Verteidigung nachzuweisen, dass Kevin auch einem Nieren- oder Multiorganversagen erlegen sein könnte - allein die Nicht-Ausschließbarkeit würde genügen -, wäre einer Mordanklage schon der Boden entzogen. Es steht also möglicherweise eine Gutachterschlacht bevor, die das beklagenswerte Schicksal des Zweijährigen durchaus in den Hintergrund drängen könnte. Doch es ist Aufgabe der Verteidigung, Schwachstellen einer Anklage mit ihren Mitteln anzugreifen, auch wenn die vorverurteilende Öffentlichkeit sich darüber empören mag.

Als zweites Thema des Prozesses wird die Frage der strafrechtlichen Verantwortlichkeit des Angeklagten zu behandeln sein. K. hat sich dem Vernehmen nach gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen Gunther Kruse zwar über seine Biografie geäußert und seine Rauschgiftsucht. Doch verweigerte er Angaben über seinen Zustand zu der Zeit, als der Junge vermutlich ums Leben gekommen ist - laut Anklage zwischen dem 20. April und Juni 2006.

Ausgang völlig offen

Da der Angeklagte schweigt, wurden als erste Zeugen heute die Polizisten vernommen, die am 10. Oktober vor einem Jahr morgens um 7.14 Uhr K.s Wohnung mit einer Ramme aufbrachen. Das Kind war vor Monaten verschwunden, und K. hatte immer wieder neue Ausreden dafür gefunden. Den Beamten kam K. "verwirrt und orientierungslos" vor. Er leistete keinen Widerstand, als er gefesselt und mehrfach nach dem Verbleiben Kevins gefragt wurde.

Erst habe er gesagt, Kevin sei nicht da. Dann: Kevin sei woanders. Nach "intensiver Befragung" sei er in einen Redeschwall geraten, habe erzählt, dass seine Lebensgefährtin gestorben sei und - in einem Nebensatz - auch das Kind tot sei. Die Verteidigung wandte sogleich ein, K. hätte sofort belehrt werden müssen. Ohne Belehrung seien seine Angaben nicht verwertbar. Das Gericht aber entschied anders. Es hält die ersten Aussagen K.s für verwertbar, weil es den Polizeibeamten allein um das Verbleiben Kevins gegangen sei; ein Anfangsverdacht für eine Straftat habe zunächst nicht vorgelegen. Die Bemerkung allerdings, auch das Kind sei tot, habe möglicherweise eine andere Situation geschaffen. Das Gericht will weitere Zeugen dazu hören.

Eine äußerst akribisch geführte Beweisaufnahme hat begonnen. Der Ausgang des Prozesses ist völlig offen. Er könnte anders ausgehen, als es zunächst den Anschein hatte.

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