Anhörung zum Aurora-Massaker "Er sah mich nur an und grinste"

Eine Gerichtsanhörung im US-Bundesstaat Colorado soll klären, ob James Holmes, der Kino-Amokläufer von Aurora, zurechnungsfähig ist. Erstmals legten Polizisten grausige Details des Blutbads offen, bei dem zwölf Menschen starben. Sie verdeutlichen dabei erneut die Probleme des US-Waffenrechts.

REUTERS

Von , New York


Die Szene bringt selbst harte Cops bis heute aus der Fassung. Polizeiveteran Justin Grizzle kämpft mit den Tränen, als er erzählt, wie er in den Blutlachen des Kinos "fast ausgerutscht" sei. Er allein habe sechs teils schwer Verletzte mit dem Streifenwagen ins Krankenhaus gefahren. Einem Mann, der nur noch geröchelt habe, habe er zugerufen: "Stirb mir nicht!"

Als einer von mehreren Polizisten spricht Grizzle am Montag erstmals über das Entsetzen, mit dem sie in jener Sommernacht konfrontiert waren. "Da war so viel Blut", erinnert er sich stockend im Zeugenstand. "Ich konnte hören, wie es hinten in meinem Wagen herumschwappte."

Jene Sommernacht war die Nacht zum 20. Juli vorigen Jahres: Zwölf Menschen starben und 58 wurden verletzt, als ein vermummter Mann bei einer Mitternachtsvorführung des Batman-Films "The Dark Knight Rises" im Denver-Vorort Aurora wild um sich schoss. Die Polizei nahm den mutmaßlichen Täter James Holmes noch auf dem Parkplatz fest, in voller Kampfmontur, mit orange gefärbtem Haar. "Er sah mich nur an", sagt Grizzle, "und grinste."

Die Fakten sind bekannt, viele grausige Details nicht. Sie werden erst jetzt publik, mehr als ein halbes Jahr später. Bisher streng geheim gehalten, kommen diese Einzelheiten seit Montag in all ihrer Unmenschlichkeit ans Licht, bei einer Gerichtsanhörung, die über die Zurechnungsfähigkeit Holmes' und die spätere Aufnahme eines Prozesses entscheiden soll.

Horror von Aurora trifft Schmerz von Newtown

Die Prozedur, die die ganze Woche dauern wird, ist mehr als eine Justizshow. Anders als die meisten US-Amokläufer hat Holmes seine Untat überlebt. Er könnte also Einsicht bieten in das, was in solchen Massenmördern vorgeht.

Zugleich aber reißt das auch Wunden auf, alte wie neue. Das Timing ist prekär: Seit Aurora hat es weitere Blutbäder gegeben, zuletzt im Dezember das Schulmassaker von Newtown in Connecticut. Der vielerorts fast vergessene Horror von Aurora, nunmehr wieder auferweckt, trifft so auf den noch frischen Schmerz von Newtown - während die Debatte um das laxe US-Waffenrecht kaum weitergekommen ist.

Und so gewinnt diese reine Justizroutine im US-Bundesstaat Colorado eine landesweit emotionale Tragweite.

Die Gerichtszeichner dokumentieren, wie Holmes reglos auf der Anklagebank hockt, sein Haar nicht länger orange, sondern buschig-braun. Auch hat er sich inzwischen einen Bart wachsen lassen. Nicht länger sieht er aus wie der "Joker", jener berüchtigt-blutrünstige Batman-Schurke. Er sieht aus wie der stille Student von nebenan.

Die 40-seitige Anklageschrift ist ebenso karg wie klar. Die Staatsanwaltschaft hat 166 einzelne Straftatbestände aufgelistet: Morde, Mordversuche, illegaler Besitz von Sprengstoff und Schusswaffen. Die Nachnamen der Opfer hat sie dabei alphabetisch dokumentiert, von B (Jonathan Blunk) bis W (Rebecca Wingo).

Zeugen schildern das wahre Grauen

Das wahre Grauen aber entspringt den Zeugenaussagen. Die sind umso ergreifender, da sie von sonst so abgebrühten Einsatzkräften kommen, die als Erste am Tatort eintrafen. Einige müssen ihre Schilderungen mehrmals unterbrechen.

"Ich sah eine Blutspur, die zu einem der Kinoausgänge führte", sagt der Polizist Jason Oviatt, der Holmes direkt hinter dem Gebäude Handschellen anlegte. Er habe Holmes - in kugelsicherer Weste, Helm und Gasmaske - erst selbst für einen Cop gehalten. Holmes habe einfach nur dagestanden, "sehr gelassen" gewirkt und sich nicht gewehrt: "Als hätte er überhaupt keine normalen Gefühlsreaktionen." Schließlich hätten die Polizisten Holmes bis auf die Unterwäsche ausgezogen. Unter seiner Vermummung sei er schweißnass gewesen.

Oviatts Kollege Aaron Blue berichtet, er habe eine junge, sterbende Frau im Arm gehalten: "Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, hörte sie zu atmen auf." Die Frau hieß Jessica Ghawi, sechs Wochen zuvor hatte sie eine Schießerei in einem Einkaufszentrum in Toronto überlebt. In Aurora erlag sie ihren Kopfverletzungen.

Die Aussagen der Polizisten füllen die Lücken der Medienberichte zuvor. Einer der Verletzten, den Grizzle ins Krankenhaus fuhr, sei fast aus dem Streifenwagen gesprungen: "Er fragte immer nur, wo seine siebenjährige Tochter sei." Kollege Jerald Jonsgaard ergänzt, er habe das Mädchen im Kino gefunden: "Sie war tot." Ihre schwangere Mutter Ashley Moser überlebte, hatte jedoch noch in der Nacht eine Fehlgeburt und ist heute teilweise gelähmt.

Sechs Polizisten und zwei Pathologen sagen aus. Sie berichten von der Panik der Überlebenden, von den ersten Augenzeugenberichten, von den Verletzungen der Opfer. Der 27-jährige Matthew McQuinn, der sich schützend über seine Freundin Samantha Yowler warf, wurde demnach von neun Kugeln getroffen, mehr als sonst einer. McQuinn starb, Yowler überlebte.

Ist Holmes zurechnungsfähig?

Für die Dutzenden Angehörigen, die all das im Saal und in zwei weiteren Gerichtsräumen über Video mitverfolgen, sind dies schwere Stunden. Doch die Anhörung ist ihre womöglich einzige Chance zur juristischen Aufarbeitung: Die Beweislage ist so erdrückend, dass sich Holmes noch vor einem Prozess für schuldig erklären könnte, auch um die Todesstrafe zu umgehen.

Solche Vorab-Anhörungen ("prelims"), die die Beweislage aktenkundig machen, "sind oft der erste Schritt zur Beendigung des Falls", weiß die Juraprofessorin und Ex-Staatsanwältin Laurie Levenson. "Ein Mini-Prozess, damit beide Seiten sehen können, woran sie sind."

Die einwöchige Anhörung soll klären, ob genügend Beweise gegen Holmes vorliegen und ob Holmes zurechnungsfähig ist. Der erste Punkt ist höchstwahrscheinlich gegeben, der zweite ist noch unklar. Die Verteidigung hat angedeutet, Holmes als geisteskrank zu porträtieren. Das dürfte jedoch schwierig sein: Der Staatsanwaltschaft zufolge hat der einstige Student der Neurowissenschaften die Tat über Monate hinweg geplant, unter anderem indem er Munition hortete. Auch die Kinokarte, so kommt am Montag heraus, habe er schon am 8. Juli gekauft.

Taktloser Aufruf der Waffenlobby

Die US-Waffendebatte scheint sich trotzdem kaum fortentwickelt zu haben. Newtown veranlasste Präsident Barack Obama zwar, härtere Gesetze anzupeilen. Die Waffenlobby hat sich nun aber umso fester eingegraben.

Die politischen Pietätfristen nach solchen Massakern werden immer kürzer. Zur selben Zeit, da der Schrecken von Aurora am Montag im Gerichtssaal wiederaufersteht, lädt eine breite Koalition aus Schießfreunden für kommende Woche zum "Gun Appreciation Day" ein - zum Tag der Waffenwertschätzung.

"Wir appellieren an Amerikaner im ganzen Land, massenhaft örtliche Waffenmessen, Schießstände oder Waffenläden aufzusuchen", heißt es in dem herz- und taktlosen Aufruf. Das solle der Obama-Regierung, die das Verfassungsrecht auf freien Waffenbesitz abschaffen wolle, einen Denkzettel verleihen.

Der Verletzte, dem Polizeiveteran Grizzle zurief nicht zu sterben, hat übrigens überlebt. Caleb Medley, 23, wurde im September als letztes Opfer aus dem Krankenhaus entlassen und in eine Rehaklinik verlegt. Dort erlernt er seither das Laufen und das Sprechen neu.

Mit Material der Agenturen

insgesamt 116 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
der_namenslose 08.01.2013
1. Taktlos?
Ist der Aufruf einiger weniger Vertreter der "Waffenlobby" taktlos - sicher. Aber auch die kommerzielle Ausweidung - und anders kann man diese "Berichterstattung" kaum nennen - ist takt- und geschmacklos. Photostrecken, Heldenkult - nachweislich ist solche Aufmerksamkeit ein Auslöser für Amoktaten! Der Täter ist schuldig - die "Waffenlobby" ist es nicht. Die "Journalisten" sollte die Frage nach ihrer Mitschuld selbst beantworten.
joG 08.01.2013
2. Massaker gibt es in fast jedem Land....
....der Welt, wie wir auch hier in Deutschland wissen. Es ist zwar wahr, dass es einfacher ist viele Leute zu töten, wo man effektive Waffen leicht kaufen kann. Es sind aber offensichtlich nicht die US Waffengesetze das Grundproblem. Das zeigen auch Statistiken, wenn man die weltweiten Zahlen aufbereitet. Da sind sicherlich Schusswaffen Tötungen häufiger, wo es viele Schusswaffen gibt. Man stellt aber auch fest, dass das nur ein Faktor offenbar ist.
alsterdorfkater 08.01.2013
3. Joker.
Holmes hat nie ausgesehen wie der Joker aus Batman. Der Joker hat grüne, keine orangen Haare. Warum wird diese Mär immer noch verbreitet? 2 Sekunden Bildersuche auf Google hätten genügt.
jujo 08.01.2013
4. ....
Zitat von sysopREUTERSEine Gerichtsanhörung im US-Bundesstaat Colorado soll klären, ob James Holmes, der Kino-Amokläufer von Aurora, zurechnungsfähig ist. Erstmals legten Polizisten grausige Details des Blutbads offen, bei dem zwölf Menschen starben. Sie verdeutlichen dabei erneut die Probleme des US-Waffenrechts. Aurora-Massaker: Polizisten schildern Details James Holmes' Morden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/aurora-massaker-polizisten-schildern-details-james-holmes-morden-a-876245.html)
Der Artikel spricht für sich! Er bedarf keiner weiteren Kommentierung! glaube ich, vor allem die pro Waffenfraktion sollten schweigen!
fritzlothar 08.01.2013
5. Jeder, absolut jeder...
...der sich auch nur ansatzweise gegen eine strenge Waffenkontrolle ausspricht, darf, nein MUß als Co-Mörder betrachtet werden. Und die Waffenlobby nennt man besser die "Waffen-Co-Mörder".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.