Ausbeutung: Wie Kinder weltweit versklavt werden

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Sie schuftete bis zu 20 Stunden am Tag, bekam Arrest und Prügel: Jahrelang wurde ein Hausmädchen in Brasilien wie eine Sklavin behandelt - kein Einzelfall. Weltweit arbeiten 165 Millionen Kinder. Tausende verlieren bei gefährlichen Jobs ihr Leben.

Rio de Janeiro - Als sie elf Jahre alt war, sah Gabriela de Jesus aus dem brasilianischen Cansanção im Bundesstaat Bahia ihre Eltern zum letzten Mal.

Damals wurde Gabriela zu ihrem neuen Arbeitgeber in die 350 Kilometer entfernte Stadt Salvador geschickt. Dort sollte sie der Lehrerin Maria Helena S. und ihrem Mann, dem Unternehmer José Carlos, als Hausmädchen dienen - und das im wahrsten Sinne des Wortes, sozusagen als Leibeigene.

Protest: Kambodschanische Kinder demonstrieren gegen Ausbeutung durch Arbeit in ihrem Land
AFP

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"Ich wurde mit Besen und Gürtel verprügelt, und von Maria Helena und ihrem Ehemann auch ins Gesicht geschlagen", berichtete Gabriela de Jesus der Zeitung "O Globo" nach ihrer unerwarteten Befreiung aus dem Sklavengefängnis. 14 Jahre lang habe sie täglich von vier Uhr morgens bis spät in die Nacht arbeiten müssen. Niemals habe sie Lohn für ihre Arbeit erhalten, so die heute 25-Jährige. Auch ein Schulbesuch sei ihr bis auf wenige Monate verweigert worden.

Gabriela habe sich neben der Hausarbeit um die Hunde und die siebenjährige Enkelin der Lehrerin kümmern müssen, schreibt "O Globo". Geschlafen habe sie auf dem Fußboden.

Die inzwischen festgenommene 55-jährige Lehrerin bestritt die Vorwürfe und beteuerte, sie habe Gabriela nie für die Hausarbeit bezahlt, weil diese "wie eine Tochter behandelt" worden sei. Die Polizei bleibt unbeeindruckt von den Beteuerungen - das Paar wurde wegen Freiheitsberaubung angezeigt. Die für den Fall zuständige Kommissarin Francineide Moura erklärte: "Das war ein Fall von wahrer Sklavenhaltung im 21. Jahrhundert." Durch einen anonymen Hinweis war die Polizei dem Ehepaar am Dienstag auf die Schliche gekommen und hatte de Jesus befreit.

Gegen ihre mittellosen Eltern hegt das Opfer keinen Groll: "Sie wohnen auf dem Land und wollten mir eine bessere Zukunft bieten, deshalb haben sie mich damals diesem Ehepaar übergeben", sagte Gabriela de Jesus.

Minderjährige Hausmädchen sind in den brasilianischen Metropolen Salvador, São Paulo und Rio de Janeiro keine Seltenheit. Experten schätzen, dass mehr als eine Million Mädchen im Alter zwischen 5 und 17 Jahren in Brasilien als Haushaltshilfen arbeiten. Die meisten haben keinen Urlaub und erhalten einen Lohn weit unterhalb des Mindestgehalts von 415 Real (umgerechnet etwa 165 Euro) im Monat. Viele werden zudem Opfer sexueller Übergriffe.

Zwar hat Brasilien, wo über 28 Prozent der Bevölkerung jünger sind als 15 Jahre, die wichtigsten internationalen Konventionen zum Schutz der Kinder vor Ausbeutung unterzeichnet. Dennoch arbeiten hier laut einem Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO insgesamt etwa 2,2 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 14 Jahren.

Kinderprotest in Kambodscha

Eine erschreckende Zahl, die im internationalen Vergleich bei Weitem nicht die höchste ist: In Kambodscha sind mit 45 Prozent aller Jungen und 44,6 Prozent der Mädchen fast die Hälfte aller Kinder in Lohn und Brot - 1,52 Millionen Minderjährige, die für ihr tägliches Überleben schuften müssen. Längst regt sich in dem Land Protest.

So demonstrierten am Donnerstag in der Hauptstadt Phnom Penh Hunderte Schüler gegen die Ausbeutung von Kindern. Die ILO hatte in Zusammenarbeit mit der kambodschanischen Regierung den Protestmarsch organisiert. "Kinderarbeit ist ungerecht" oder "Kinder brauchen keine Arbeit, sondern Unterricht", war auf ihren Plakaten zu lesen.

Der Druck auf die Kinder, Geld verdienen zu müssen, ist in den Familien häufig groß. Fast immer ist bittere Armut die Ursache für Kinderarbeit: In dem asiatischen Land lebt rund ein Drittel der Bevölkerung von weniger als 32 Cent am Tag. "Viele meiner Freunde können nicht zur Schule gehen, weil ihre Eltern Geld von ihnen fordern", sagte der 15-jährige Schüler Roeun Ra. Er selbst sei von seinen Eltern zum Müllsammeln gezwungen worden.

In vielen armen Familien hängt das Überleben tatsächlich wesentlich vom Einkommen der Kinder ab. In einer solchen Situation ist an Schulbesuche nicht zu denken - der Kreislauf der Armut wird nicht durchbrochen. Doch selbst wenn die Eltern Wert auf Bildung legen, haben sie häufig kein Geld für Schulgebühren oder Lernmaterialien übrig. Besonders die vielerorts benachteiligten Mädchen geraten ins Hintertreffen, wenn es ums Lernen und notwendige Abschlüsse geht.

Ausgebeutet in Armee, Steinbruch oder Silbermine

Die Ausbeutung von Kindern zeigt viele Facetten: "Was die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten betrifft, ist Burma sicherlich das brutalste Land der Welt", berichtet Michael Heuer von der Kinderschutzorganisation "Terre des Hommes" SPIEGEL ONLINE.

In der Vergangenheit habe Indien den schlechtesten Ruf gehabt, wo Kinder bei lebensgefährlicher Arbeit in Steinbrüchen eingesetzt wurden. Dort habe sich allerdings einiges zum Besseren gewendet. Auch in den Silberminen von Bolivien wurden jahrelang Kinder geschunden. Dann schloss man die Anlagen - mit dem Ergebnis, dass nun viele Kinder mit ihren Geschwistern auf eigene Faust versuchen, auch noch den letzten Krümel Silber aus den vollkommen maroden Stollen herauszuholen.

Die gesundheitlichen Folgen der Kinderarbeit sind verheerend. "Man kann sich vorstellen, was mit einem Fünfjährigen geschieht, der jeden Tag schwere Steine schleppt", so Heuer. Viele Kinder verlören bei Arbeitsunfällen Gliedmaßen - "ganz zu schweigen von den psychischen Folgen, über die wir bisher sehr wenig wissen."

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