Ausbrecher festgenommen Schwerverbrecher Michalski über Handy geortet

Im hochtechnisierten Alltag fand sich der flüchtige Schwerverbrecher nicht zurecht: Über ein Handy, das er bei sich hatte, wurde Peter Paul Michalski von der Polizei geortet - und gefasst. Die Leitung der JVA muss nach dem spektakulären Ausbruch wohl keine Konsequenzen fürchten.

Michalskis letztes Fluchtfahrzeug: Ein silberfarbenes Damenfahrrad
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Michalskis letztes Fluchtfahrzeug: Ein silberfarbenes Damenfahrrad

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Hamburg - Fünf Tage lang hielt die Flucht der Schwerverbrecher Peter Paul Michalski und Michael Heckhoff Deutschland in Atem. Hört man Details, wie unüberlegt die Ausbrecher während ihrer kopflosen Odyssee durch das Ruhrgebiet handelten, nimmt es Wunder, dass sie überhaupt so lange auf freiem Fuß blieben.

So hatte Michalski, der am Dienstagmorgen zwei Tage nach seinem Komplizen Heckhoff der Polizei in die Hände fiel, ein Handy im Gepäck - offenbar wusste er nicht oder hat zumindest nicht bedacht, dass man ihn damit würde orten können. Der 46-Jährige sei mittels "neuer Überwachungsmaßnahmen" lokalisiert worden, erklärte der Einsatzleiter Dieter Klinger auf einer Pressekonferenz in Köln.

Ein silberfarbenes Damenfahrrad war Michalskis letztes Fluchtfahrzeug - auf der Bundesstraße von Mülheim an der Ruhr Richtung Wesel wurde er gefasst, eine auffällige, vermummte Erscheinung, auf seinem Gepäckträger transportierte er einen Schlafsack.

Bei seiner Festnahme um 9.50 Uhr habe Michalski keinen Widerstand geleistet, nachdem er von zwei Polizeiautos eingekeilt worden war. Er habe sich sofort ergeben und nicht geleugnet, dass er der Gesuchte sei. Er habe sich willig auf den Boden gelegt und den Polizisten gesagt, wo er seine Waffe versteckt halte.

"Wohin er wollte, wissen wir nicht. Er hat versucht, möglichst weit von Mülheim wegzukommen", berichtete der Polizist. Dort war der Verbrecher den Fahndern zuvor nur knapp entkommen. Möglicherweise plante Michalski die Flucht in die nahen Niederlande. Die 50 Kilometer lange Strecke zwischen Mülheim an der Ruhr und Schermbeck legte der Verbrecher nach Einschätzung der Polizei wahrscheinlich auf dem Rad zurück.

Nun sitze Michalski erneut im Hochsicherheitstrakt einer Justizvollzugsanstalt - ebenso sein Komplize Heckhoff, der bereits am Sonntag in Mülheim an der Ruhr gefasst worden war und nun in der JVA Bochum inhaftiert ist.

Polizeipräsident Klaus Steffenhagen zeigte sich auf der Pressekonferenz erleichtert über den unblutigen Ausgang der tagelangen Verfolgungsjagd. Dass sich die beiden zu Sicherungsverwahrung verurteilten Schwerverbrecher auch beim Zugriff nicht wehrten, ist wohl einerseits ihrem Erschöpfungszustand zuzurechnen, zudem scheinen ihnen die wenigen Tage in einer ihnen fremd gewordenen Freiheit gezeigt zu haben, wie aussichtslos ihr Unterfangen war.

"Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet"

Sowohl Michalski als auch Heckhoff sind zu lebenslanger Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt - wegen Geiselnahme, Mordes und versuchten Mordes. Sie standen mehrfach vor Gericht und haben mehr Jahre ihres Lebens in Gefängnissen verbracht als in Freiheit.

Das erschwerte ihnen die Flucht immens. Von einem Ehepaar, in dessen Villa in Essen sie am Samstag eingedrungen waren, ließen sie sich eine Stunde durch das Ruhrgebiet chauffieren - offensichtlich ohne Plan, wie sie weiter verfahren wollten. "Nach knapp 20 Jahren haben sich auch die Örtlichkeiten stark verändert", sagte Einsatzleiter Klinger. Dementsprechend orientierungslos seien die Ausbrecher umhergeirrt.

Dennoch war Michalski immerhin fünf Tage lang auf freiem Fuß. Wenige Tage vor dem Ausbruch habe Michalski starke Medikamente verschrieben bekommen, so Einsatzleiter Klinger. Daher waren im Rahmen der Fahndung auch Apotheken aufgefordert, wachsam zu sein. Nach der Festnahme des 46-Jährigen habe sich jedoch herausgestellt, dass er eine Ration bei sich hatte, die noch bis Sonntag ausgereicht hätte.

Warum sich beide Ausbrecher trotz durchgeladener Waffen bei ihren Festnahmen geradezu kooperativ zeigten, konnten sich die Ermittler nicht erklären. "Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet", sagte Einsatzleiter Klinger. Ausbrecher Heckhoff wird von der "Bild"-Zeitung dahingehend zitiert, dass er und sein Komplize sich vor dem Ausbruch vorgenommen hätten, "dass wir niemanden verletzen und erschießen." Es habe sich bei dem Ausbruch "eigentlich um eine Trotzreaktion gehandelt", da ihm in der JVA Aachen "der Ausgang gestrichen" worden sei.

Der mutmaßliche Fluchthelfer hüllt sich in Schweigen

Das Justizministerium von Nordrhein-Westfalen will nun die Sicherheitssysteme in Gefängnissen umfassend prüfen. "Menschlich, technisch und organisatorisch" werde alles "auf Herz und Nieren" untersucht, sagte Landesjustizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Düsseldorf. Der Gefängnis-Bedienstete, gegen den als mutmaßlicher Fluchthelfer der beiden Verbrecher Haftbefehl erging, schweige bislang. Wegen des Verdachts der Beihilfe ermittele die Staatsanwaltschaft auch gegen einen Mitgefangenen.

Müller-Piepenkötter widersprach der Darstellung, wonach den in der "Bild" zitierten Äußerungen Heckhoffs ein Interview des Blattes mit dem Ausbrecher zugrunde liegen soll. Vielmehr handele es sich wohl um illegal weitergegebene Aussagen aus einem Vernehmungsprotokoll. Heckhoffs Äußerungen stimmten aber nicht mit den polizeilichen Ermittlungserkenntnissen überein, sagte die Ministerin.

So sei es nach Einschätzung ihrer Sicherheitsexperten nicht möglich, die Gefängnisschlüssel auf einem Kopierer zu kopieren und nachmachen zu lassen, wie Heckhoff es schilderte.

Die Waffen der Gangster stammten nach Angaben der Ministerin aus einem Tresorraum an der Pforte - dort hätten sie gefehlt. Der 40 Jahre alte JVA-Bedienstete, gegen den als mutmaßlicher Fluchthelfer Haftbefehl erging, hatte zur Tatzeit nur vorübergehend an der Pforte ausgeholfen, während der regulär eingeteilte Pförtner eine Kontrollfahrt machte.

"Gott sei Dank ist ein solcher Ausbruch heute eine Seltenheit", sagte Müller-Piepenkötter. In den neunziger Jahren habe es noch 20 bis 45 Gefängnisausbrüche pro Jahr gegeben, in diesem Jahr nur einen.

"Keine Veranlassung", gegen führende JVA-Bedienstete vorzugehen

Dass ein Vollzugsbeamter einen Ausbruch ermögliche und auch noch Waffen gebe, sei "fast unvorstellbar". Dem verdächtigen JVA-Bediensteten habe klar sein müssen, dass er bei einem Fehlverhalten entdeckt werden würde.

Gegen führende Bedienstete der JVA Aachen vorzugehen, dazu gebe es "keine Veranlassung", sagte Müller-Piepenkötter. Aufgabe der Gefängnisleitungen sei zwar auch, darauf zu achten, dass es keine unangemessene Nähe zwischen Gefangenen und Bediensteten gebe, sagte Müller-Piepenkötter. Dass der Kontakt zwischen den Ausbrechern und dem JVA-Angestellten in Aachen wohl dennoch möglich wurde, begründete die Ministerin so: "Wir haben es mit dem Faktor Mensch zu tun. Und Menschen können auch täuschen."

SPD und Grüne beantragten eine Sondersitzung des Rechtsausschusses im Landtag zum Ausbruch vom Heckhoff und Michalski. Justizministerin Müller-Piepenkötter müsse erklären, wieso zwei gefährliche Verbrecher aus einer modernen Haftanstalt fliehen konnten. Zudem müsse geklärt werden, wieso einer der beiden Ausbrecher sich nach seiner Verhaftung per Zeitung zu den Umständen seiner Flucht äußern konnte.

Heckhoff und Michalski erwartet nun ein Strafverfahren unter anderem wegen Geiselnahme und schwerer räuberischer Erpressung. Sie würden künftig in unterschiedlichen Gefängnissen untergebracht, sagte der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller auf der Pressekonferenz in Köln. "Ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass sich die beiden außer bei einer Hauptverhandlung noch mal wiedersehen werden."

Mit Material von dpa

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