Ausbrecher Heckhoff "Wir hatten ja gar keinen Plan"

Drei Tage war der Geiselnehmer Michael Heckhoff auf der Flucht. Jetzt sind erstmals Details seines Ausbruchs mit dem noch immer gesuchten Schwerverbrecher Peter Paul Michalski an die Öffentlichkeit gelangt. Die Schilderungen sind fast schon filmreif.

AP/ Polizei Aachen

Mülheim - Ausführlich berichtet der 50-jährige Michael Heckhoff in der "Bild"-Zeitung, wie er und sein Komplize Peter Paul Michalski aus der JVA Aachen flohen. Abenteuerlich ist die Erzählung des inzwischen gefassten Verbrechers, sie zeigt aber auch, dass die beiden Ausbrecher offenbar flüchteten, ohne eine klare Vorstellung von ihrem Leben in Freiheit zu haben. "Wir hatten ja gar keinen Plan", sagt Heckhoff laut dem Bericht.

Die Kölner Polizei geht davon aus, "dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die Bild-Zeitung gelangten". Ein Ermittlungsverfahren sei eingeleitet worden, hieß es in einer Mitteilung der Polizei Köln. Inwieweit die von "Bild" zitierten Äußerungen Heckhoffs den tatsächlichen Verlauf seiner Flucht wiedergeben, werde noch geprüft, ergänzte ein Sprecher.

Er habe den Schlüssel zu den Gefängnistüren von einem Wärter bekommen und auf einen Kopierer gelegt, sagt Heckhoff dem Blatt zufolge. Nach diesem Muster habe sein Komplize Michalski dann eine Kopie in der Schlosserei erstellt. Den Schlüssel hätten sie "in einem günstigen Augenblick genutzt": "Wir sind durch mehrere Türen, ließen einen Wärter vorbeigehen und sind dann zur Pforte", sagte Heckhoff.

An der Pforte angekommen machten die beiden Ausbrecher dem Wachmann demnach unmissverständlich klar, dass er ihren Anweisungen Folge zu leisten habe. "Wir hatten eine Pistole, die hatten wir von einem Mitarbeiter im Knast gekauft." Man habe außerdem einen Gefängnisangestellten als Geisel genommen.

Dem Pförtner nahmen die beiden Ausbrecher laut Heckhoff zwei Dienstwaffen und Handschellen ab, mit denen sie ihre Geisel fesselten. Dann flüchteten sie aus der JVA Aachen, offenbar selbst erstaunt, dass kein Alarm ausgelöst wurde. "Auf einmal waren wir frei!", erzählt Heckhoff. Dutzende von Kameras seien vor dem Gefängnis auf sie gerichtet gewesen, er habe seinem Kumpel gesagt: "Wink mal, damit die sehen dass wir weg sind."

Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Heckhoff und Michalski waren am Donnerstagabend gemeinsam nach dem Ausbruch aus dem Aachener Gefängnis über Köln und Essen nach Mülheim geflohen. Bei seiner Flucht aus der Aachener Justizvollzugsanstalt war das Duo offenbar von einem Aufseher unterstützt worden. Die Leiterin der Justizvollzugsanstalt, Reina Blikslager, mutmaßte, der Justizmitarbeiter sei womöglich erpresst oder bestochen worden.

Mit einem Taxi, das gerade vor der JVA anhielt, flüchteten die beiden Kriminellen in Richtung Köln, hielten an einer Gaststätte und bestellten ein anderes Taxi. In Köln angekommen, habe man erst mal einen Weihnachtsmarkt besucht, so der Ausbrecher. Als sie den ersten Polizeihubschrauber über sich hätten kreisen sehen, seien sie unter eine Brücke geflüchtet und hätten sich dort die ganze Nacht versteckt, so berichtet Heckhoff weiter. In einem Kölner Krankenhaus habe man sich gewaschen und gefrühstückt, dann sei es weiter gegangen nach Essen, mit dem Auto einer jungen Frau, "die fuhr so ein altes Auto und meinte, dass sie keine Benzin mehr hat". Sein Kollege habe dem "Mädchen einen Zehner zum Tanken gegeben, die musste ja irgendwie nach Hause kommen", so Heckhoff.

Am Baldeneysee seien die beiden von der Polizei überrascht worden und hätten sich unter zwei Schubkarren versteckt. Die zweite Nacht habe man in einem Schrebergarten verbracht. In der nahe gelegenen Villa eines Ehepaares habe man geduscht, gegessen und ferngesehen: "Die wussten schon, wer wir sind." Auffallend an Heckhoffs Darstellung ist, dass er sich bemüht, im Rückblick harmlos und menschenfreundlich zu erscheinen. "Die Frau hatte echt Angst vor meiner Knarre, deswegen hab ich die immer weggesteckt."

Die Ausbrecher nahmen dem Ehepaar 200 Euro ab und fuhren zunächst mit beiden Geiseln in einem BMW angeblich in Richtung Holland los. Sie ließen das Paar frei und fuhren tatsächlich aber nach Mülheim an der Ruhr und übernachteten im Iduna-Hochhaus.

Am nächsten Morgen seien sie dort von einem Polizisten entdeckt worden. "Der Paul ist los. Aber ich bin da ausgerutscht und irgendwo hängengeblieben", berichtet Heckhoff. Er selbst habe seinem Komplizen geraten, abzuhauen. Michalski sei getürmt, während er selbst den Polizisten angesprochen habe. "Der hat sofort ein Gewehr gezogen und auf mich gezielt. Dann musste ich mich auf die Straße legen und wurde verhaftet."

Nach ZDF-Angaben hat sich Michael Heckhoff den Behörden als Vermittler angeboten. Dies habe der Anwalt des 50-Jährigen dem Sender bestätigt. Danach könnte Heckhoff beispielsweise helfen, zu deeskalieren, wenn Michalski sich vor einer drohenden Verhaftung mit Geiseln verschanzt haben könnte.

"Der Paul könnte nie einem was tun"

Über seinen wegen Mordes verurteilten Komplizen sagte Heckhoff in der "Bild": "Der Paul könnte nie einem was tun." Man habe vor dem Ausbruch ausgemacht, niemanden zu verletzten und nicht zu schießen. "Wie er reagiert, wenn es für ihn eng wird, weiß ich ja nicht." Über die Direktorin der JVA klagte Heckhoff: "Die hat mich voll schlecht behandelt."

Die Polizei setzte in der Nacht zu Dienstag die Großfahndung nach dem flüchtigen Peter Paul Michalski mit starken Kräften fort. Gesucht werde nicht nur im Raum Ostwestfalen, sondern bundesweit, sagte ein Sprecher der Kölner Polizei am Dienstagmorgen. Da der 46-jährige Schwerverbrecher aus Herford bei Bielefeld stammt, hatte sich die Fahndung der Polizei nach dem Mann zunächst auf den Raum Bielefeld konzentriert.

Am Montagabend hatten sich zwei Zeugen, die Michalski im Gütersloher Stadtteil Niehorst mit einer Waffe gesehen haben wollen, unabhängig voneinander bei der Polizei gemeldet. Die daraufhin gestartete Suchaktion verlief aber erfolglos.

Ein Polizeisprecher sagte, Michalski habe vermutlich mehrere Nächte nicht geschlafen. Daher sei von "einem hohen Gefahrenpotential" auszugehen. Er wiederholte die Aufforderung an Michalski, seine Flucht zu beenden und sich der Polizei zu stellen: "Wählen bitte auch Sie den Notruf 110 und teilen Sie uns bitte mit, wo Sie sind."

ala/dpa/ddp/AFP



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DJ Doena 30.11.2009
1.
Zitat von sysopSeit vier Tagen ist der Schwerkriminelle Peter Michalski auf der Flucht, die Polizei vermutet ihn jetzt in Bielefeld. Seine Flucht beschäftigt ganz Deutschland. Sind unsere Gefängnisse sicher genug?
Statistisch gesehen? Auf jeden Fall. Oder wie oft hört man im Jahr schon mal von einem Ausbruch bei wievielen hundertausend Insassen?
electricalengineer 30.11.2009
2. Eine Sache ist nur so sicher...
... wie ihr schwächstes Glied, im Gefängnis ist das der Mensch in Form des Strafvollzugsbeamten. Ist dieser erpressbar oder bestechlich ist das sicherste Gefängnis auch nicht sicherer wie ein einfacher Holzverschlag.
matthias schwalbe, 30.11.2009
3.
Unsere Gefängnisse sind schon sehr sicher. Der größte "Unsicherheitsfaktor" ist und bleibt aber der Mensch und zwar in allen seinen Variationen. Bei Justizminister angefangen über Richter+Staatsanwälten bis zum einfachen JVA-Beamten.
The Godfather 30.11.2009
4.
---Zitat--- die Polizei vermutet ihn jetzt in Bielefeld ---Zitatende--- Die Polizei gibt genau das bekannt, was die Presse schreiben soll. Soll sich der Flüchtige in Sicherheit wiegen? Ist er tatsächlich in Bielefeld? Läuft schon eine Fahndung in München? Tja, liebe Polizei, das wisst nur Ihr allein. Die Presse schtreibt jedenfalls fleissig Eure FakeNews
Direwolf 30.11.2009
5.
Zitat von The GodfatherDie Polizei gibt genau das bekannt, was die Presse schreiben soll. Soll sich der Flüchtige in Sicherheit wiegen? Ist er tatsächlich in Bielefeld? Läuft schon eine Fahndung in München? Tja, liebe Polizei, das wisst nur Ihr allein. Die Presse schtreibt jedenfalls fleissig Eure FakeNews
Und das ist auch gut so. Man denke mal an den wundervollen, unabhängigen und investigativen Journalismus, den wir im Zuge des Gladbecker Geiseldramas erleben durften. Und was die Frage des Sysop angeht. Ich würder sagen sie sind sicher genug. Das absolut ausbruchssichere Gefängnis gibt es nicht und die Zahl der Ausbrüche ist ja auch eher gering.
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