Polen Historiker veröffentlichen Namensliste von Auschwitz-Wachleuten

Polnische Forscher haben Details über ehemalige SS-Männer des KZ Auschwitz ins Internet gestellt. Der Hintergrund ist wohl politisch - brisante Erkenntnisse erwarten deutsche Experten jedenfalls nicht.

Ehemaliges KZ Auschwitz
REUTERS

Ehemaliges KZ Auschwitz


Polen hat eine Datenbank mit den Namen von Tausenden SS-Männern des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz veröffentlicht. Die Namensliste sowie Fotos und Gerichtsurteile gegen Funktionäre der sogenannten Schutzstaffel wurden im Internet zugänglich gemacht, wie das Krakauer Büro der polnischen Behörde des Nationalen Gedenkens (IPN) mitteilte.

Es handelt sich demnach um das bisher umfangreichste Register dieser Art. Das Verzeichnis soll die Namen von mehr als 8500 SS-Wachleuten umfassen, außerdem biografische Angaben zu anderen Mitarbeitern des früheren Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sowie der der dazugehörigen Nebenlager. Insgesamt handelt es sich um die Namen von etwa 10.000 Menschen.

Auf der Website des Instituts sind unter anderem 350 Urteile gegen KZ-Wächter dokumentiert. Unter den aufgelisteten KZ-Mitarbeitern - fast alles Deutsche - sind laut der Forschungsstelle auch einige Ukrainer, Litauer und Letten, aber keine Polen. Die Namensliste der KZ-Wachleute geht zum großen Teil auf Forschungen des Historikers Aleksander Lasik von der Universität Bydgoszcz zurück, der seit 1982 daran arbeitet.

Im deutschen Vernichtungslager Auschwitz bei Krakau sind in der Zeit des Nationalsozialismus mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet worden - etwa eine Million Juden sowie mehr als 100.000 nicht-jüdische Lagerhäftlinge.

"Ein Instrument zum Kampf gegen die Lüge"

Die jetzt veröffentlichte Datenbank soll um weitere deutsche Lager ergänzt werden, wie der IPN-Vorsitzende Jaroslaw Szarek sagte. Die Publikation der 9686 Namen sei "der Beginn eines umfassenden Projekts", insgesamt seien bereits etwa 25.000 KZ-Mitarbeiter namentlich bekannt. "Wir zeigen die Besatzung und zeigen, wer die SS-Männer waren", sagte Szarek.

Szarek bezeichnete das Projekt als Antwort auf die historisch falsche Bezeichnung "polnische Todeslager". Die Initiative sei wichtig, um der falschen Berichterstattung über die deutschen Konzentrationslager entgegenzutreten: Die Datenbank, die in fünf Sprachen verfügbar ist, sei ein "Instrument zum Kampf gegen die Lüge".

Die nationalkonservative Regierung Polens setzt sich seit Längerem dafür ein, den Ruf des Landes auch mit Geschichtspolitik aufzubessern: So soll die Verwendung des historisch falschen Ausdrucks für NS-Vernichtungslager im besetzten Polen während des Zweiten Weltkrieges künftig mit bis zu drei Jahren Haft bestraft werden. Das Parlament arbeitet an einem entsprechenden Gesetzesentwurf, der jedoch äußerst umstritten ist.

"Uns dürften die Namen bekannt sein"

Bei der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung Nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg weiß man um die Veröffentlichung. "Wir haben das im Auge", sagte der stellvertretende Behördenleiter Thomas Will. Er geht aber nicht davon aus, dass die Datenbank für deutsche Ermittler viele Erkenntnisse bringt. "Uns dürften die Namen bekannt sein", so Will.

Dennoch werde die Behörde "noch einmal Kontakt zu unserem polnischen Kollegen aufnehmen", sagte Will. So solle geklärt werden, ob in die Datenbank neues Material eingeflossen sei. Sollte wider Erwarten ein unbekannter Name auftauchen, müsste die Zentrale Stelle zunächst in ihrem Zentralarchiv suchen. Über Abgleiche mit dem Bundesarchiv oder der Wehrmachtsauskunftsstelle ließen sich eventuell weitere Daten zu Personen gewinnen - Geburtsdaten und -orte etwa.

Selbst wenn diese Informationen ausfindig gemacht werden könnten, ist fraglich, ob daraus weitere Ermittlungen folgen würden: Teilweise wurden die aufgeführten Männer kurz nach Beginn des 20. Jahrhunderts geboren. Im vergangenen Sommer hatte Jens Rommel, Leiter der Zentralen Stelle, im Interview mit SPIEGEL ONLINE gesagt, älter als 99 Jahre sollten Personen bei Beginn der Vorermittlungen nicht sein. Betroffen wären demnach frühere SS-Leute, die frühestens 1918 zur Welt kamen.

mxw/ulz/dpa/AFP



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