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Auschwitz-Prozess: Der alte Mann und der Massenmord

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Auschwitz-Birkenau (Januar 2015): "Den Herrgott bitte ich um Vergebung"

Oskar Gröning war als Buchhalter der SS in Auschwitz - er tötete nicht, aber half mutmaßlich dabei. Mehr als 70 Jahre später steht der Greis nun vor Gericht.

Eines Nachts hörte Oskar Gröning die Schreie derer, die um Luft und Leben rangen. Es sei "grauenhaft" gewesen, die Verzweiflung der Menschen, ihr Todeskampf in der Gaskammer. Nach einigen Minuten dann wurde es still. Und er, Gröning, betrank sich heftig an diesem Abend, er wollte alles vergessen. Doch Gröning hat nie vergessen können, nicht an diesem Abend und nicht in den 70 Jahren danach. Auschwitz ist geblieben.

Von diesem Dienstag an steht der ehemalige SS-Unterscharführer vor dem Landgericht Lüneburg. Es geht wieder um Auschwitz, um Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen. Das wirft die Staatsanwaltschaft Hannover dem mittlerweile 93-Jährigen vor. Gröning, eingesetzt als Buchhalter in dem Vernichtungslager, habe mit seinem Dienst ein reibungsloses Funktionieren der Tötungsfabrik erst ermöglicht, heißt es in der Anklageschrift. Als "Rädchen im Getriebe" sieht Gröning sich selbst, wenn er zurückdenkt. So hat er es vor zehn Jahren dem SPIEGEL geschildert.

Aus rechtlichen Gründen beschränkte die Staatsanwaltschaft ihre Anklage auf die sogenannte Ungarn-Aktion im Sommer 1944. Damals trafen in Auschwitz-Birkenau mindestens 137 Transporte aus Ungarn ein. Von den rund 425.000 Menschen in den Zügen ermordete die SS mindestens 300.000 in den Gaskammern. Insgesamt starben in dem Vernichtungslager mindestens 1,1 Millionen Juden sowie Zehntausende nichtjüdische Polen, Russen, Sinti und Roma.

Oskar Gröning hat sich nie versteckt oder aus seiner Vergangenheit einen Hehl gemacht. Im Gegenteil: Er war einer der wenigen, die sich in Interviews offen zu seiner moralischen Schuld bekannt haben. Er schrieb seine Erinnerungen an die Kriegsjahre nieder, um Holocaust-Leugnern entgegenzutreten. Aber er tat sich eben auch schwer mit der Einsicht, möglicherweise auch juristisch Verantwortung zu tragen. Er will kein Gehilfe der Massenmörder gewesen sein.

"Ich fühle mich schuldig gegenüber dem Volk der Juden, in einer Truppe gewesen zu sein, die diese Verbrechen begangen hat, ohne dass ich dabei Täter war", sagte Gröning 2005 dem SPIEGEL. "Das jüdische Volk bitte ich um Verzeihung. Und den Herrgott bitte ich um Vergebung."

Jahrzehntelang bestätigten ihn die Ermittlungsbehörden in dieser Auffassung, zwar dabei gewesen, aber eben nicht schuldhaft mitgewirkt zu haben.

Vorbereitungen in Lüneburg: Der Prozess wird in diesem Saal stattfinden Zur Großansicht
AP/dpa

Vorbereitungen in Lüneburg: Der Prozess wird in diesem Saal stattfinden

Ein Verfahren gegen Gröning und Dutzende weitere mutmaßliche Schreibtischtäter des Lagers stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main 1985 ein - mangels Tatverdachts. Der Dienst dieser Männer in Auschwitz, argumentierte die Behörde später, könne nicht als Beihilfe zum Mord gewertet werden. Doch die Rechtsauffassung dazu hat sich in weiten Teilen der deutschen Justiz seit dem Prozess gegen den SS-Schergen John Demjanjuk geändert. Dem Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor konnte das Gericht keine konkrete Einzeltat nachweisen und verurteilte ihn trotzdem.

Grönings Verteidiger bezweifelt dennoch, dass sein Mandant sich in Auschwitz strafbar gemacht hat. In einem Schreiben an die 4. große Strafkammer des Landgerichts Lüneburg verweist der Rechtsanwalt Hans Holtermann aus Hannover darauf, dass Gröning sich nie unmittelbar an Tötungen beteiligt habe. Die bloße Anwesenheit reiche jedoch nicht aus, um jemanden zum Gehilfen eines Mörders zu machen, so Holtermann.

Auf Anfrage wollten sich weder Holtermann noch Gröning zu den Vorwürfen äußern. Erwartet wird jedoch, dass der Angeklagte sich noch am Dienstag vor Gericht zur Sache einlassen wird.

Geht es in dem Prozess um Gerechtigkeit? Kann es die nach so langer Zeit noch geben? Geht es um Wahrheit? Der frühere Oberstaatsanwalt Günther Feld aus Köln, der nun als Vertreter der Nebenklage an dem Verfahren teilnimmt, sagte dem SPIEGEL: "Wir haben die moralische Pflicht, dieses Menschheitsverbrechen aufzuarbeiten." Und Juristen falle die Antwort auf diese eher philosophischen Fragen eben leicht: "Mord verjährt nicht."

Am Montag sagte die Auschwitz-Überlebende Eva Pusztai-Fahidi aus Budapest bei einer Pressekonferenz in Lüneburg, es gehe bei dem Prozess weniger um die Strafe als um das Urteil. "Wichtig ist, dass es die Gesellschaft zur Kenntnis nimmt." Die Überlebende Hedy Bohm aus Toronto sagte: "Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät - lieber spät als nie." "Hier Zeugnis abzulegen, ist das Beste, was wir tun können." Ähnlich äußerten sich weitere Überlebende.

Überlebende Hedy Bohm: "Es geht weniger um die Strafe, es geht um das Urteil" Zur Großansicht
AP/dpa

Überlebende Hedy Bohm: "Es geht weniger um die Strafe, es geht um das Urteil"

Gröning hielt Auschwitz im Oktober 1944 nicht mehr aus, sein Gewissen plagte ihn, er hatte zu viel gesehen, er sollte selbst mehr tun als bislang. Also ließ er sich zur kämpfenden Truppe versetzen. "Ich bin mit dem ganzen Ablauf der Dinge, der Judenvernichtung, nie richtig fertig geworden", offenbarte er im Februar 2014 einem Ermittler des niedersächsischen Landeskriminalamts. Und dann sagte Gröning: "Ich wollte auf keinen Fall in den Holocaust mit einbezogen werden."

27 Verhandlungstage bis Ende Juli hat die Lüneburger Kammer angesetzt, spannend wird der Prozess nur bedingt. Alle Fakten sind seit Jahrzehnten bekannt, es geht im Wesentlichen um eine juristische Bewertung der Tatsachen. Trotzdem wird das Auschwitz-Verfahren als eines der letzten seiner Art große Aufmerksamkeit erfahren. Aus der ganzen Welt haben sich Journalisten angemeldet, unter den mehr als 60 Nebenklägern sind Holocaust-Überlebende und Angehörige von Opfern. Sollte Gröning verurteilt werden, drohen ihm mindestens drei Jahre Haft.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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Mit Material von dpa

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