Detmold Angeklagter im Auschwitz-Prozess schweigt weiter

Vor dem Landgericht Detmold haben erneut Holocaust-Überlebende vom Schrecken in Auschwitz berichtet. Im Saal wurden dabei auch die letzten Bilder einer Familie gezeigt.

Reinhold Hanning: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen
DPA

Reinhold Hanning: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen


Auch am vierten Tag im Auschwitzprozess vor dem Landgericht Detmold hat der Angeklagte geschwiegen. Zusammengesunken im Rollstuhl hielt der 94-jährige Reinhold Hanning den Kopf während der Berichte mehrerer Holocaust-Überlebender gesenkt.

Hanning ist angeklagt, als Auschwitz-Wachmann Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen geleistet zu haben. In einer Vernehmung vor dem Prozess hatte er eingeräumt, in dem Vernichtungslager tätig gewesen zu sein, aber eine Beteiligung an Tötungshandlungen bestritten. Seine Verteidiger widersprachen zum Prozessauftakt einer Verwertung dieser Aussage: Ihr Mandant sei aufgrund einer "kognitiven Schwäche" nicht in der Lage gewesen, sich mit der Belehrung auseinanderzusetzen, als die Strafverfolger vor seiner Haustür gestanden hätten.

Als erste Zeugin wurde am vierten Verhandlungstag erneut die 85 Jahre alte Irene Weiss in den Zeugenstand gerufen. Die aus Ungarn stammende Jüdin, die jetzt in den USA lebt, hatte bereits am Donnerstag geschildert, wie sie an der Rampe von Eltern und Geschwistern getrennt worden war. Nur sie und ihre Schwester überlebten.

Später hatte sie sich selbst und ihre Familie auf Fotos aus dem KZ wiederentdeckt. "Meine Familie zu sehen, wie sie auf dem Weg in die Gaskammer ist, ist für mich zerstörend zu sehen", sagte sie, als im Saal Bilder gezeigt wurden.

Schreiende Kinder, schlagende Soldaten

Wie sehr ihn die Erfahrungen aus Auschwitz bis heute verfolgen, schilderte auch der 85-Jährige William Glied. Er war als 13-Jähriger mit seiner Familie nach Auschwitz deportiert worden.

Die Ankunft an der Rampe des Konzentrationslagers blieb ihm als Chaos voller Brutalität in Erinnerung: Er berichtete von schreienden Kindern, weinenden Frauen, schlagenden SS-Soldaten. Am schlimmsten sei die Willkür der Selektion gewesen: "Diese herzlosen Mörder entschieden mit einem Fingerschnippen, wer leben durfte und wer sterben musste."

Eingeprägt habe sich auch das Gefühl der Erniedrigung, als sein Vater von einem SS-Mann geschlagen und beschimpft wurde, weil er die Mütze nicht abgenommen hatte. Zu sehen, wie sich sein Vater demütig entschuldigte, sei eine schlimme Erfahrung gewesen, die er immer mit sich tragen werde.

Als weiterer Zeuge sagte der Israeli Mordechai Eldar aus. Eindrücklich schilderte er die Gewalttätigkeit der zu Aufsehern gemachten Blockältesten unter den Gefangenen. Sie hätten die Häftlinge bei jeder Gelegenheit drangsaliert, geschlagen, gequält oder getötet. Er sprach von sexuellem Missbrauch an Kindern sowie Schaukämpfen zwischen Gefangenen.

Die Verhandlung wird am 26. Februar fortgesetzt. Auf der Zeugenliste stehen weitere Nebenkläger, die über ihr Schicksal oder das ihrer Angehörigen berichten sollen. Aus Rücksicht auf den Gesundheitszustand des Angeklagten ist jeder Prozesstag auf zwei Stunden begrenzt.

hut/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.