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Prozess gegen früheren KZ-Wachmann: "Vernichtung durch Lebensverhältnisse"

Von , Detmold

Reinhold Hanning war Wachmann in Auschwitz und steht in Detmold vor Gericht. Bereits am ersten Prozesstag wird deutlich, wie in dem KZ auch jenseits der Gaskammern systematisch Menschen vernichtet wurden.

Angeklagter Reinhold H.: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen Zur Großansicht
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Angeklagter Reinhold H.: Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen

In der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft Dortmund gegen Reinhold Hanning, der als Wachmann der SS von Januar 1943 bis Mitte Juni 1944 im KZ Auschwitz stationiert gewesen sein soll, ist erstmals in der Justizgeschichte der Nachkriegszeit von mehr als der perfiden Organisation des Lagerbetriebs die Rede.

Es geht nicht nur um die willkürlichen Selektionen an der berüchtigten Rampe, wo Menschen in noch brauchbares und nicht mehr brauchbares Material eingeteilt wurden; wo entschieden wurde, ob sie gleich oder erst etwas später zu sterben hatten.

Es ist nicht nur vom Einsatz und der Wirkungsweise des Schädlingsbekämpfungsmittels Zyklon B die Rede, von Gaskammern und Verbrennungsöfen, in denen Hunderttausende verschwanden, denen die Nazis das Lebensrecht verweigerten. Nicht nur von Zahlen, die das Unbegreifliche noch unfassbarer machen.

Sondern es wird erstmals von einer Staatsanwaltschaft auch die "Vernichtung durch Lebensverhältnisse" benannt und beschrieben. Selbst wer nicht in eine Gaskammer getrieben wurde, war in Auschwitz ein Todgeweihter. Denn keiner der Deportierten sollte das Lager lebend verlassen. Die Menschen sollten zugrunde gehen an Auszehrung, an Seuchen, sie sollten verhungern oder unter der Last schwerster körperlicher Arbeit zusammenbrechen.

In der Anklageschrift sind etwa die Phasen chronischer Unterernährung mit ihren Folgen aufgeführt: die fortschreitende Zerstörung des Organismus und der Psyche in wenigen Monaten bis zu einem Punkt, an dem eine Umkehr auf dem Weg in den Tod nicht mehr möglich war.

Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen

Angeklagter Hanning, Verteidiger Scharmer: Zwei Stunden verhandlungsfähig Zur Großansicht
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Angeklagter Hanning, Verteidiger Scharmer: Zwei Stunden verhandlungsfähig

Reinhold Hanning "waren sämtliche Tötungsarten und -methoden bekannt", trägt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel vor. "Ihm war bewusst, dass sämtliche Tötungsmethoden ständig bei einer hohen Zahl von Menschen angewandt wurden und dass auf diese Art und Weise und mit der geschehenen Regelmäßigkeit nur getötet werden konnte, wenn die Opfer durch Gehilfen wie ihn bewacht wurden. Er wollte mit seiner Wachdiensttätigkeit die vieltausendfach geschehenen Tötungen der Lagerinsassen durch die Haupttäter fördern oder zumindest erleichtern."

Reinhold Hanning muss sich wegen Beihilfe zum Mord an 170.000 Menschen vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold verantworten. Schon am ersten Prozesstag kommt es zu der Begegnung mit dem Auschwitz-Überlebenden Leon Schwarzbaum. Auch er ein Mann im Greisenalter, von etwa gleicher Gestalt wie der Angeklagte und gebrechlich wie dieser. Hanning sitzt mit tief gesenktem Kopf da.

Derzeit wolle Hanning nichts sagen, tragen seine Anwälte vor und widersprechen der Verwertung von Angaben, die Hanning im Ermittlungsverfahren gemacht hatte: dass er zwar in Auschwitz gewesen sei als Wachmann, vom Vergasen und Verbrennen und vom tausendfachen Sterben aber nichts mitbekommen habe. Aufgrund einer "kognitiven Schwäche", so die Verteidiger, sei Hanning nicht in der Lage gewesen, sich mit der Belehrung auseinanderzusetzen, als die Strafverfolger vor seiner Haustür gestanden hätten.

Verteidiger Johannes Salmen trägt nun in dürren Worten den Lebenslauf des Angeklagten vor: Geboren am 28. Dezember 1921 in Helpup, Kreis Lemgo-Lippe, zwei Schwestern, die verstorben sind. Acht Jahre Volksschule, dann Arbeiter in einer Fahrradfabrik. "Ab 1940 beim Militär, bis er 1944 in englische Kriegsgefangenschaft kam", zählt der Verteidiger auf, ohne das Wort Auschwitz in den Mund zu nehmen. Entlassung 20. Mai 1948. Ein Jahr lang Koch bei der Standortverwaltung, dann als Verkäufer und Ausfahrer in einem Molkereibetrieb, den er 1969 übernahm und bis zur Pensionierung 1984 führte. Verwitwet seit 2008.

Dazu, dass Hanning sich 1940 offenbar freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte, 1942 zum SS-Totenkopfsturmbann Auschwitz versetzt wurde und dort bis zum SS-Unterscharführer befördert wurde, sagt der Verteidiger kein Wort.

"Man ahnte, was in Auschwitz geschah"

Holocaust-Überlebender Schwarzbaum: Das Gebrüll an der Rampe noch immer im Kopf Zur Großansicht
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Holocaust-Überlebender Schwarzbaum: Das Gebrüll an der Rampe noch immer im Kopf

Leon Schwarzbaum hingegen, ein gebürtiger Hamburger, will reden. Und sich erinnern. An seiner Seite der ehemalige Richter und heutige Opferanwalt Thomas Walther, dem das Verdienst zukommt, die deutsche Justiz zum Umdenken und einer anderen - überfälligen - Rechtsanwendung gebracht zu haben. Walther spielte eine entscheidende Rolle bei der Anklage des früheren SS-Mannes John Demjanjuk. Seit dessen Verurteilung gilt die Anwesenheit in einem Vernichtungslager der Nazis, gleich in welcher Funktion, schon als Beihilfe zum Mord.

Den Dienst als Wachmann in Auschwitz bewertet die Staatsanwaltschaft Dortmund nun als "faktische Solidarisierung mit den Haupttätern", selbst wenn der Angeklagte "die Mordtaten insgeheim abgelehnt haben sollte".

Schwarzbaums bewegende Worte malen das Bild einer glücklichen Kindheit und Jugend mit Musik und Sport im polnischen Bedzin, wohin die Familie wegen des Heimwehs der Mutter zog, nur 40 Kilometer von Auschwitz entfernt.

"Dann brach das Unheil über uns herein", sagt der alte Mann. "1943 wurde ich mit meiner Familie von Polizei und SS zur Deportation bestimmt. Aus einem mir nicht bekannten Grund wurde ich am 22. Juni von meinen Eltern getrennt, die mit einer großen Zahl Bedziner Juden nach Auschwitz-Birkenau transportiert wurden, wo sie beide an einem der drei folgenden Tage vergast wurden."

Er beschreibt, wie er zum ersten Mal mitansehen musste, wie ein SS-Mann einer 17-Jährigen in den Kopf schoss. Es kommen ihm fast die Tränen. "Man ahnte", fährt er fort, "was in Auschwitz geschah. Die Maurer, die dort Gaskammern bauten, erzählten davon. Eltern warfen daraufhin ihre Kinder aus den Zügen in der Hoffnung, dass wenigstens diese überlebten."

"Schnell, schnell, raus, weiter"

Schwarzbaums Stimme überschlägt sich nun fast. Wie so manche Überlebenden hat auch er noch immer das Gebrüll an der Rampe im Kopf: "Schnell, schnell, raus, weiter..." Der Lärm, das Hundegebell. "Viele der Opfer", heißt es dazu in der Anklageschrift, "standen von der Fahrt noch unter Schock. Lethargisch und apathisch waren sie vor allem von dem Gedanken beherrscht, etwas zu trinken zu erlangen und frische Luft zu atmen. Die körperliche Schwäche ließ die Menschen nur bedingt die Realität um sie wahrnehmen."

Schwarzbaum wurde Laufbursche des Lagerältesten, eines Kriminellen. Dann Arbeit für Siemens im Nebenlager Bobrek. Die Erinnerungen kommen schubweise: wie Juden aus Saloniki Ringkämpfe vor den SS-Leuten aufführen mussten zu deren Belustigung; wie jene erschossen wurden, die die Juden in die Gaskammern trieben; wie die Angst vor dem Verhungern und Ermordetwerden allgegenwärtig war.

"Jeden Tag verfolgen mich die Bilder aus Auschwitz. Die SS war grausam und sadistisch", fährt der alte Herr fort. Wer fliehen wollte, sei von den Hunden zerfleischt worden. "Im Lager setzte man diese Toten dann auf Stühle, und wir sollten vorbeigehen. Zwecks Abschreckung."

Seine Stimme wird nun laut. Er dreht sich zum Angeklagten: "Herr Hanning, wir sind fast gleich alt. Wir stehen bald vor dem gleichen Richter. Sprechen Sie darüber, was Sie erlebt haben! Was ich auf der anderen Seite erlebt habe!"

Verteidiger Salmen unterbricht: "Die Verhandlungszeit für meinen Mandanten ist abgelaufen." Hanning sei zwei Stunden lang verhandlungsfähig. Davon müsse man die Fahrt zum Gericht abziehen und 15 Minuten vor Verhandlungsbeginn. Man sei schon fünf Minuten drüber.

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