Überlebender im Auschwitz-Prozess "Dann trat er in Rage weiter auf den Mann ein"

Im Auschwitz-Prozess von Detmold haben Holocaust-Überlebende den Horror im KZ beschrieben. Max Eisen erzählte, wie er als Junge nur dank eines Tricks im Lager überlebte.

Holocaust-Überlebender Max Eisen: Bericht aus Auschwitz
DPA

Holocaust-Überlebender Max Eisen: Bericht aus Auschwitz


Die Grausamkeiten des Wachpersonals waren Thema des dritten Verhandlungstages im Auschwitz-Prozess in Detmold. Mehrere Überlebende des Lagers berichteten von Misshandlungen. Angeklagt ist der 94-jährige frühere SS-Mann Reinhold Hanning. Ihm wird vorgeworfen, Beihilfe zum Mord in 170.000 Fällen geleistet zu haben.

Max Eisen, 86 Jahre alt, schilderte, wie ihm ein Wachmann während der Arbeit vor dem Lager das Gewehr auf den Kopf geschlagen habe. Dabei sei er so schwer verletzt worden, dass eine Operation nötig gewesen sei. Eisen war damals 15. Wenige Tage später wäre er wie andere, die nicht laufen konnten, für die Gaskammer aussortiert worden. Ein anderer Gefangener habe ihm aber einen weißen Kittel übergezogen und ihn als OP-Helfer ausgegeben.

Dadurch habe er überlebt und dann monatelang als OP-Helfer gearbeitet. Mehrfach habe er in dieser Zeit den KZ-Arzt Josef Mengele gesehen. "Ich habe Mengele einige Male gesehen, wenn er aus der Experimentierbaracke kam", berichtete Eisen. Sein Vater und sein Onkel seien für medizinische Experimente eingeteilt worden. Das sei ihr Todesurteil gewesen.

Bereits kurz nach der Ankunft erlebte Eisen nach eigenen Worten mit, wie ein Wachmann unter der Dusche einen Häftling ermordete. Als der Häftling seine Brille auf dem Boden suchte, habe der SS-Mann ihm gegen den Kopf getreten, anschließend gegen den Brustkorb, dass man die Rippen habe brechen hören. "Dann trat er in Rage weiter auf den Mann ein, bis er tot war", schilderte Eisen, der nach dem Krieg nach Toronto auswanderte.

Der Angeklagte, der im Rollstuhl in den Gerichtsaal gefahren worden war, verfolgte die Aussagen der Zeugen mit gesenktem Kopf. Eine Frau aus den USA schilderte, wie sie bei der Ankunft im Güterwagen als erstes Rauch neben einigen Gebäuden gesehen hat. Das war das Krematorium, wie sich später herausstellte.

Irene Weiss, eine ungarische Jüdin, verlor als 13-Jährige bis auf eine Schwester ihre ganze Familie in Auschwitz. Auch sie schilderte die Gewalt der SS. Im Badehaus habe ein SS-Mann die nackten Frauen ausgepeitscht.

jal/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.