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Auschwitz-Prozess: "Wer nicht arbeiten konnte, wurde entsorgt"

Von , Lüneburg

Oskar Gröning: "Wir waren euphorisch" Zur Großansicht
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Oskar Gröning: "Wir waren euphorisch"

Oskar Gröning war in Auschwitz Buchhalter, nun muss er sich vor Gericht verantworten. Der Greis bekennt eine moralische Mitschuld - und macht doch den Eindruck, als habe er sich kaum distanziert von den Gedanken der NS-Zeit.

Auf die Frage, was sie im Prozess von dem Angeklagten Oskar Gröning hören wolle, der bisher stets die Verantwortung für die Millionen Verbrechen in Auschwitz zurückgewiesen hatte, antwortet die alte Dame leise, und doch klingt es wie ein Aufschrei: "Was will man von einem SS-Mann aus Auschwitz-Birkenau hören? Der Herrgott war ein Niemand gegen ihn! Wenn er sagt, er habe nichts getan, sondern sei nur dabei gestanden - was soll ich dazu sagen?" Sie hat Auschwitz überlebt.

Die Überlebenden und ihre Angehörigen, die nach Lüneburg gekommen sind, wo am Dienstag vor der 4. Strafkammer des Landgerichts der Strafprozess gegen den 93 Jahre alten Gröning begann, verlangen nicht eine möglichst hohe Strafe für den Angeklagten. Sie wollen, dass das an ihnen und ihren Angehörigen, ja an der ganzen Menschheit begangene Unrecht von einem deutschen Gericht festgestellt und verurteilt wird. Sie erwarten, dass die deutsche Justiz nicht länger Personen "wegen geringer Schuld" ungeschoren lässt, die an der Rampe standen, die "selektierten", die Menschen ins Gas schickten oder zum Arbeiten einteilten, wissend, dass sie dies auch nicht lange überleben würden.

Verhandlungssaal in Lüneburg: Kein böses Wort von Überlebenden Zur Großansicht
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Verhandlungssaal in Lüneburg: Kein böses Wort von Überlebenden

Die Gesichter derer, die überlebt haben. Gelassene Mienen, erleichtert, freundlich lächelnd. Und doch scheint durch jedes Lächeln eine große Traurigkeit hindurch. Die Opfer und ihre Angehörigen sitzen in zweiter Reihe hinter den Anwälten, die die Nebenklage für 65 Überlebende vertreten. Endlich ist es so weit. Endlich dürfen die hochbetagten Zeugen aus Kanada, den USA, aus Ungarn und Israel in einem deutschen Gerichtssaal Platz nehmen, in dem über das Grauen von Auschwitz verhandelt wird.

Sie sprechen geduldig und zugewandt mit den Töchtern und Söhnen, mit den Enkeln derer, die vielleicht Täter waren oder Auschwitz zumindest zugelassen haben. Ihre eigenen Enkelinnen und Töchter sitzen neben ihnen, fassen sie an den Händen und um den Hals. Kein böses Wort fällt, noch nicht einmal, wenn die Bedrängnis durch die Medien zu heftig wird. "Ich habe meine ganze Kraft zusammengenommen, um hier zu sein", sagt eine weißhaarige Dame.

Der Saal in der Lüneburger Ritterakademie ist an der Stirnwand, wo das Gericht sitzt, mit schwarzen Tüchern verhängt. Davor eine riesige Leinwand, auf der an den kommenden Verhandlungstagen die Bilder des Schreckens zu sehen sein werden. Die Tische der Anwälte, der Zeugentisch, der Platz des Angeklagten - schwarz verkleidet wie in einem Theater, in dem ein trauriges Stück gegeben wird.

Oskar Gröning: "Ich bekenne meine moralische Schuld" Zur Großansicht
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Oskar Gröning: "Ich bekenne meine moralische Schuld"

Dann öffnet sich rechts die Tür nach draußen. Gleißendes Sonnenlicht dringt in den Saal. Ein Rollator wird von zitternder Hand hereingeschoben. Zwei Justizbeamte stützen einen gebrechlichen Greis. Sein Gesicht ist kalkweiß. Oskar Gröning, der Angeklagte, der in Auschwitz die Habseligkeiten der Todgeweihten zu bewachen, zu sortieren und Wertsachen in Berlin abzuliefern hatte. Und der auch an der Rampe gewesen sein soll. Fotos von Gröning, die seit Anklageerhebung in den Medien wiederholt zu sehen waren, gaben seine Hinfälligkeit nicht wieder. Er tastet sich zu seinem Stuhl, lässt sich schwer atmend nieder. Ist der bald 94-Jährige wirklich so wach, wie seine Augen vermuten lassen, die im Saal umherschweifen?

Er hört schlecht. Den Vorsitzenden, der sich um eine sehr deutliche Sprache bemüht, versteht er nicht immer. Geboren am 10. Juni 1921 in Nienburg, verwitwet, Rentner. "Haben Sie Kinder?", fragt der Vorsitzende. Ja, zwei, 65 und 70 Jahre alt. Gröning muss nach Kriegsende schnell in ein normales Leben zurückgefunden haben.

Die Anklage. Die Vorwürfe sind bekannt - Beihilfe zum Mord an 300.000 ungarischen Juden. Und doch erzeugen die Worte, die Zahlen, die Bilder, die selbst die nüchterne Juristensprache hervorrufen, immer wieder neues Entsetzen. Gröning war dabei. Die überlebende Eva Pusztai-Fahidi sagte am Vortag: "Man weiß etwas, was sonst niemand wissen kann, der nicht dort gewesen ist." Der Angeklagte und das Opfer, beide wissen es.

Überlebende Eva Pusztai-Fahidi (l.) und Hedy Bohm: "Man weiß etwas" Zur Großansicht
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Überlebende Eva Pusztai-Fahidi (l.) und Hedy Bohm: "Man weiß etwas"

Aber bei Gröning klingt es anders. Er erzählt beiläufig. Wenn ihm Worte bisweilen fehlen, dann aus Altersgründen. Er beginnt einen Satz, schweift ab, weil offensichtlich Erinnerungsinseln dazwischen kommen. Er verliert den Faden, redet oft kaum verständlich. Aber dann kommt wieder ein Satz, dessen Ungeheuerlichkeit ihm auf seiner Reise durch seine Erinnerungen nicht auffällt.

Was hat er sich gemerkt? Die Szene, als eine jüdische Mutter ihr Baby im Koffer versteckte, "weil sie sich ausrechnete, dass es dann nicht zur Sortierung kommt". Und wie ein "Kamerad" das weinende Kind gegen einen Müllwagen schleuderte, bis es still war. "Da blieb mir das Herz stehen", sagt Gröning. "Ich ging zu dem Mann und sagte: Das geht doch nicht!" Dann fügt er hinzu, offenbar um sich zu exkulpieren: "Dazu war ich gar nicht berechtigt. Am nächsten Morgen bat ich um meine Versetzung. Denn ich dachte, wenn das hier immer so zugeht..." Der Rottenführer habe dann gesagt, er finde den Vorgang auch nicht "besonders glücklich".

Er schildert, wie er 1942 nach Auschwitz kam, "in eine Stube, die mit dem Holocaust zu tun hatte". Da sei Wodka in Mengen aufgefahren worden, und Essen habe es in Fülle gegeben, Speck, Ölsardinen, "was man gar nicht mehr kannte". Juden hätten zu arbeiten, habe es geheißen. "Und wer das nicht konnte, wurde entsorgt." Dann erwähnt er das "schöne schmiedeeiserne Tor" am Eingang mit den Worten "Arbeit macht frei".

Oskar Gröning in jungen Jahren (undatiert): "Die Juden brauchten das Geld ja nicht mehr" Zur Großansicht
AP/Museum Auschwitz-Birkenau

Oskar Gröning in jungen Jahren (undatiert): "Die Juden brauchten das Geld ja nicht mehr"

Sein Mund ist offenbar trocken. "Ich mach es jetzt wie in Auschwitz mit dem Wodka", sagt er und nimmt einen Schluck aus einer Wasserflasche.

Dann kommt er auf die vielen Diebstähle und die Korruption in Auschwitz zu sprechen, und dass diesem Treiben unbedingt ein Riegel habe vorgeschoben werden müssen. "Diese Quelle haben wir verstopft", sagt er heute noch in zufriedenem Ton.

Er sagt, dass es in Krematorien "besser passte" mit der Leichenbeseitigung. Und dass sein Vater geholt worden sei, als er, der Sohn, an Flecktyphus erkrankt war. "Das sind Szenen, die man nicht vergisst."

Sein Lebenslauf. Die Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Der Vater, der im Ersten Weltkrieg ein Auge verlor und später ein Stoffgeschäft betrieb ("Plünnen auf Platt", sagt er). Mittlere Reife, Lehre bei der Sparkasse. "Ich bin Sohn einer Familie, die im Geist von Kaisertreue, Uniform, militärischem Drill... Und dann die Jahre nach 33 mit fünf Millionen Arbeitslosen, die der Adolf von der Straße bekam." Wie Kraut und Rüben schießen ihm die Erinnerungen in den Kopf.

"Dann konnten wir endlich mal die Polacken verhauen und kurz danach die Franzosen. Wir waren euphorisch." Er habe als junger Mensch einer "zackigen" Truppe angehören wollen, "die immer vorn dabei ist und ruhmvoll zurückkommt".

Wenn man Gröning zuhört, entsteht der Eindruck, dass er sich kaum distanziert hat von der Gedankenwelt von damals. Immer wieder verfällt er in den Jargon der Nazis. "Wir haben das für vernünftig gehalten, dass die Feinde des deutschen Volkes ausgerottet werden. Nur dass das dann solche Ausmaße annahm...", sagt er. Er spricht von "Häftlingen" und sagt beiläufig, die Juden hätten ja nichts verbrochen, außer Juden zu sein. "Haben Sie mal überlegt", fragt der Vorsitzende, "wem das Geld gehörte, das Sie zur Hauptkasse nach Berlin brachten?"

"Dem Staat", antwortet Gröning ungerührt. "Denn die Juden brauchten es ja nicht mehr." Und dann laut und deutlich: "Es steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe. Das bekenne ich voller Reue und Demut. Über die strafrechtliche Schuld", er schaut zur Richterbank, "müssen Sie entscheiden." Diese Sätze hat ihm wohl sein Verteidiger Hans Holtermann aufgeschrieben.

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