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Auschwitz-Prozess: Der falsche Ruf nach Verbrüderung

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Eva Kor und Oskar Gröning während des Prozesses: Umstrittene Geste der Versöhnung Zur Großansicht
ARD

Eva Kor und Oskar Gröning während des Prozesses: Umstrittene Geste der Versöhnung

Die Holocaust-Überlebende Eva Kor hat sich mit dem ehemaligen KZ-Buchhalter Oskar Gröning versöhnt. Und empfiehlt allen Opfern und Tätern, sich die Hand zu reichen - statt einen Prozess gegen Gröning zu führen. Das ist aus mehreren Gründen falsch.

Es ist bedauerlich, dass der möglicherweise letzte Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg schon wenige Tage nach seinem Beginn überschattet wird von einem Zwist unter den Nebenklägern.

Auslöser war ein Vorfall am dritten Verhandlungstag, als eine der Nebenklägerinnen, die 80 Jahre alte Eva Kor, auf den 93-jährigen Angeklagten zuging und ihn umarmte - und zwar genau in dem Moment, als ohne Wissen des Gerichts ihr Anwalt medienwirksame Fotos von der Szene schoss, die anschließend weltweit im Netz auftauchten. Zwei Anwälte der Nebenklage haben im Namen ihrer Mandanten gegen Kors Verhalten protestiert.

Die Erleichterung der Überlebenden

Kor, das ist ihr gutes Recht, hat es sich zur Aufgabe gemacht, für Frieden und Freundschaft zu werben. In der TV-Sendung "Günther Jauch" erklärte sie den Prozess gegen Gröning für überflüssig. Besser wäre es ihrer Meinung nach, Opfer und Täter versöhnten sich und trügen die Botschaft von Auschwitz auf diese Weise hinaus in die Welt.

Sie erweckt durch ihre mit viel öffentlichem Beifall begleiteten Äußerungen den Eindruck, als stünde sie mit ihrer Kritik an dem Prozess nicht allein. Doch dieser Eindruck ist falsch. Nicht nur die in Lüneburg anwesenden Nebenkläger sind erleichtert über den Prozess. Es gibt unter den noch lebenden Holocaust-Opfern viele, die ihr Leben lang darauf gewartet haben, dass das unfassbare Unrecht, das in Auschwitz geschehen ist, vor einem deutschen Gericht verhandelt und als Unrecht verurteilt wird.

Im Übrigen stellt sich der Angeklagte Gröning als denkbar ungeeignet für die Verbrüderung zwischen Tätern und Opfern dar. Er sieht ganz offensichtlich seine Mitwirkung am Funktionieren einer Todesmaschinerie, wie sie von Auschwitz-Birkenau verbürgt ist, zwar moralisch als nicht in Ordnung an. Doch dass auch er sich am Massenmord beteiligt haben oder dazu Beihilfe geleistet haben könnte, will ihm nicht einleuchten.

Der falsche Ton

Wie soll er da aufrichtig um Vergebung bitten? Gröning scheint sich im Gegenteil in seiner Rolle als aufrechter Zeitzeuge des industriell organisierten Massenmords eingerichtet zu haben, um damit einer Reflektion seiner eigenen Handlungen zu entgehen. Vielleicht ist dies seinem hohen Alter geschuldet. Aber warum sollten sich die Angehörigen der Ermordeten mit ihm verbrüdern?

So hat sich ein falscher Ton in die Diskussion über Sinn und Notwendigkeit solcher späten Prozesse eingeschlichen. Der Lüneburger Prozess ist keine Verbrüderungsshow und auch keine Vergebungsparty, sondern vielleicht eine der letzten Gelegenheiten für die deutsche Justiz, mit den Mitteln des Rechtsstaats auf die Hölle Auschwitz zu reagieren.

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