Auschwitz-Prozess Auch als Buchhalter ein Mordgehilfe

Vor Gericht stellt sich der ehemalige SS-Mann Oskar Gröning als kleines Rädchen in der Tötungsmaschine dar. Doch nur mit Helfern wie ihm konnte der Massenmord in Auschwitz so perfekt organisiert werden.

Angeklagter Oskar Gröning: "Jeder hatte seine Rampe sauber zu halten"
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Angeklagter Oskar Gröning: "Jeder hatte seine Rampe sauber zu halten"

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Es verdient Anerkennung, dass Oskar Gröning sich trotz seines hohen Alters dem Strafprozess vor dem Landgericht Lüneburg stellt, vor dem er wegen Beihilfe zur Ermordung von 300.000 ungarischen Juden in Auschwitz angeklagt ist. Auch sein Bemühen, die Gräueltaten der SS nicht allzu sehr zu beschönigen, verdient Respekt, wenn er auch seine eigene Rolle als KZ-Buchhalter herunterspielt, indem er hartnäckig darauf verweist, an seinen Händen klebe kein Blut. Und doch stellt sich nach den ersten Verhandlungstagen Unbehagen ein.

Da sitzt kein Mann, der um Vergebung bittet oder dem einer der Überlebenden die Hand reichen könnte. Sondern er überdeckt seine dunkle Vergangenheit mit dem Bild des einfachen Sparkassenbeamten, der das den Juden von der SS gestohlene Geld getreulich beim Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Berlin ablieferte. Und vor allem stellt er sich als aufrechter Aufklärer und Zeitzeuge dar, der den Holocaust-Leugnern den Mund stopft. In dieser Rolle kommt er offenbar mit seinen Erinnerungen und Albträumen besser zurecht. Darin hat er sich eingerichtet.

Genau wie die Opfer erzählt er, wie Babys an der Rampe von Birkenau den Armen ihrer Mütter entrissen und gegen eine Kante geschleudert wurden, damit sie zu schreien aufhörten. Und wie sie dann auf den Müllwagen geschmissen wurden. Er sagt: "Die Schrecklichkeit des Tuns - nicht des Tötens - hat mich durcheinandergebracht." Als ein Anwalt von Überlebenden nachfragt, präzisiert er: "Die Art und Weise des Tötens war zwar schrecklich. Aber genauso schrecklich wäre Erschießen gewesen. Das Kind überlebte doch sowieso nicht."

"Jeder hatte seine Rampe sauber zu halten"

Er macht keinen Hehl daraus, dass jeder SS-Mann wusste, was mit den erschöpften, aus den Viehwagen heraustaumelnden Menschen geschah, wenn sie nicht den Eindruck von Arbeitstauglichkeit erweckten. Zu Fuß wurden sie zu den Gaskammern getrieben und dort "versorgt", wie er es nennt. Hauptsache, sie waren ruhig, und ihr Gepäck lag nicht lange herum. Denn der nächste Transport musste ja "abgefertigt" werden. "Jeder hatte seine Rampe sauber zu halten."

Die Aussage, er selbst sei nur dreimal an der Rampe gewesen, in Vertretung von Kameraden, dürfte eher mit seinem Selbstbild als mit der Realität zwischen Mai und Juli 1944 zu tun haben, als die Ungarn-Transporte im Vernichtungslager Birkenau eintrafen und alle Mann an den drei Bahnrampen gebraucht wurden. Für seine Behauptung, er habe mehrfach um seine Versetzung nachgesucht, weil er so "erschüttert" gewesen sei, gibt es keinen Beleg.

Viele Fragen, die nach Grönings Aussage offen geblieben sind, werden die Überlebenden beantworten können und die Dokumente, die die Staatsanwaltschaft in ihrer fast historisch zu nennenden Anklage aufführt. Denn bei der Bewertung von Grönings Tatbeitrag wird auch das zum Teil skandalöse Verhalten der Staatsanwaltschaften früherer Zeiten zur Sprache kommen.

Lange war Gröning nur als Zeuge angehört worden in Verfahren gegen andere SS-Leute. 1985 - da war er 64 - stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main die Ermittlungen gegen Dutzende von Angehörigen aus der Häftlingsgeldverwaltung (HGV) ein, darunter auch Gröning. "Der Verfall des Judenvermögens zugunsten des Deutschen Reiches war nicht Auslöser und Zweck der so genannten Endlösung der Judenfrage", heißt es in der Einstellungsverfügung, "sondern ein lediglich wenn auch für die Kriegswirtschaft willkommenes Nebenprodukt." Frage: Funktionierte die Tötungsmaschinerie nicht auch deshalb so perfekt, weil daran nicht nur die Erfinder der "Endlösung" beteiligt waren, sondern auch ihre zahllosen willigen Helfer und Helfershelfer?

Hätte die Beseitigung von Abertausenden Menschen in kürzester Zeit auch so reibungslos funktioniert, wenn nicht die Täuschung der Ankommenden über das, was nun mit ihnen geschehen sollte, wozu auch die Bewachung und der Abtransport ihrer Koffer gehörte, penibel durchorganisiert gewesen wäre? War nicht das, was Gröning und Tausende andere Uniformierte mit Totenkopf-Emblem getan haben, die systematische Mitwirkung an der Mordmaschinerie?

Ein "zu spät" gibt es bei Mord nicht

In einer weiteren Entscheidung der Staatsanwaltschaft Frankfurt aus dem Jahr 2005, die Ermittlungen aus dem Jahr 1985 nicht wieder aufzunehmen, wird überlegt, ob die "Tätigkeit des Beschuldigten" - gemeint ist Gröning - "nicht hinweg gedacht werden könnte, ohne dass die erfolgte Vernichtungsaktion entfiele". Jedes Wort in diesem Dokument aus der Feder eines Staatsanwalts namens Galm verströmt den Unwillen des Verfassers, das wahre Geschehen in Auschwitz zur Kenntnis zu nehmen. Die Ausflüchte, die konstruiert wurden, um gegen Gröning nicht ermitteln zu müssen, muten geradezu grotesk an.

Cornelius Nestler, der 47 Überlebende anwaltlich vertritt, vergleicht die Haltung, die die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegenüber Gröning zu erkennen gab, gern mit der fast gleichzeitigen Entscheidung des 3. Strafsenats des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2006 im Fall Motassadeq. Dieser hatte unter anderem für Mohammed Atta und dessen Mittäter der Anschläge vom 11. September 2001 die Miete für deren Wohnung in Hamburg weiter gezahlt, um gegenüber den deutschen Behörden den Anschein aufrechtzuerhalten, diese Personen befänden sich weiterhin in Deutschland. Damit sollten Nachforschungen der Behörden nach Atta verhindert werden, der sich mit anderen Tätern in den Vereinigten Staaten aufhielt, um die Anschläge vorzubereiten. Die "konkrete Einzeltat" der Beteiligung an mehreren Morden des 11. September, wie die Gerichte sie forderten, war demnach das Einzahlen der Miete. Dafür erhielt Motassadeq eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren.

Im Fall Gröning hingegen zweifelte die Staatsanwaltschaft daran, dass dem früheren SS-Mann "subjektiv zum Beispiel die Grausamkeit des Todeseintritts durch qualvolles Ersticken an Blausäuredämpfen bewusst war oder die Gemeingefährlichkeit des Tötungsmittels".

Begangenes Unrecht wird nicht dadurch beseitigt, dass einfach weitergemacht wird wie bisher. Die Rechtslage war immer dieselbe, nur die Praxis war bis in die jüngste Zeit eine schändliche. Ein "Zu spät" gibt es bei Mord nicht. Auch nicht bei der Beihilfe in einem Vernichtungslager. Erst recht nicht in 300.000 Fällen.

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