Urteil im Auschwitz-Prozess Früherer SS-Mann Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt

Oskar Gröning muss für seine Taten im KZ Auschwitz ins Gefängnis. Das Landgericht Lüneburg hat den früheren SS-Mann wegen Beihilfe zum Mord in Hunderttausenden Fällen zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt.


Oskar Gröning hat sich bei den Verbrechen im KZ Auschwitz mitschuldig gemacht und muss dafür ins Gefängnis. Das Landgericht Lüneburg hat den 94-jährigen früheren SS-Mann wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt.

Gröning ist gesundheitlich angeschlagen. Ob er haftfähig ist, muss die Staatsanwaltschaft prüfen, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Wegen der schlechten Gesundheit des 94-Jährigen stand der Prozess mehrmals auf der Kippe, mehrere Verhandlungstage fielen aus.

"In Auschwitz durfte man nicht mitmachen", sagte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch in seiner Urteilsbegründung. Gröning habe sich bewusst für den Dienst im Lager entschieden. Auschwitz sei "eine insgesamt auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie" gewesen. Grönings Beitrag sei rechtlich eindeutig Beihilfe zum Mord gewesen, auch wenn der Angeklagte nur ein "Rad im Getriebe" und für das Funktionieren des Lagers nicht von kausaler Bedeutung gewesen sei.

Urteil geht über von Anklage gefordertes Strafmaß hinaus

Die Verteidigung hatte für Gröning einen Freispruch gefordert. Gröning habe den Holocaust im strafrechtlichen Sinne nicht gefördert. Die Staatsanwaltschaft hatte auf dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe plädiert. Davon sollten 22 Monate als verbüßt angesehen werden, weil eine Verurteilung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre.

Vertreter der Nebenkläger - mehr als 70 Auschwitz-Überlebende und Angehörige von Opfern - hatten darauf verzichtet, ein konkretes Strafmaß zu fordern. Sie sagten aber zugleich, die von der Staatsanwaltschaft geforderte Haftstrafe sei zu milde.

Nach dem Urteilsspruch zeigten sich die Nebenkläger zufrieden. "Es erfüllt uns mit Genugtuung, dass nunmehr auch die Täter Zeit ihres Lebens nicht vor einer Strafverfolgung sicher sein können", hieß es in einer Erklärung von Anwalt Thomas Walther. Erstmals habe sich in einem Prozess wegen NS-Verbrechen ein Angeklagter zu seiner Schuld bekannt und sich dafür entschuldigt. Walther vertritt mit einem Kollegen viele der über 70 Nebenkläger.

"Am Holocaust mitschuldig"

Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. In einer von seiner Anwältin verlesenen Erklärung hieß es: "Mir ist bewusst, dass ich mich durch meine Tätigkeit in der Häftlingsgeldverwaltung am Holocaust mitschuldig gemacht habe, mag mein Anteil auch klein gewesen sein."

Der 94-Jährige hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen.

Gröning gilt als "Buchhalter von Auschwitz". Weil er eine Banklehre absolviert hatte, wurde der Freiwillige der Waffen-SS 1942 in dem Konzentrationslager dafür eingeteilt, zurückgelassenes Geld der Verschleppten zu zählen und an die SS in Berlin weiterzuleiten. Im September 1944 wechselte er in eine Einheit, die an der Front kämpfte. Nach seinen Angaben geschah das erst nach dem dritten von ihm gestellten Versetzungsgesuch.

Nach dem Krieg kam Gröning zunächst in britische Gefangenschaft, dann lebte er mit Frau und Kindern ein bürgerliches Leben in der Lüneburger Heide. Gegen ihn war bereits 1977 ermittelt worden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt stellte das Verfahren im März 1985 aber mangels Beweisen ein. Eine Wiederaufnahme wurde damals abgelehnt.

Das Verfahren war einer der letzten großen Auschwitz-Prozesse. Viele andere Beschuldigte sind verstorben oder verhandlungsunfähig. Auch vor diesem Hintergrund stieß das Verfahren gegen Gröning auch im Ausland auf großes Interesse. Etliche Holocaust-Überlebende schilderten als Zeugen in erschütternden Details ihre Verschleppung sowie den Massenmord in dem Vernichtungslager.

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ulz/dpa/AFP

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