Auschwitz-Prozess Nebenkläger fechten Gröning-Urteil an

Für seine Tätigkeit im KZ Auschwitz wurde Oskar Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt. Zu milde, finden Angehörige von Holocaust-Opfern. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wollen sie den Fall vor den Bundesgerichtshof bringen.

Oskar Gröning vor Gericht: Nebenklägern ist Urteil zu milde
AP/dpa

Oskar Gröning vor Gericht: Nebenklägern ist Urteil zu milde

Von


Das Urteil gegen den "Buchhalter von Auschwitz" soll vom Bundesgerichtshof geprüft werden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat eine Gruppe amerikanischer Angehöriger von Holocaust-Opfern Revision gegen das Urteil gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning eingelegt. Per Brief machte der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz am Donnerstag Rechtsmittel gegen das Urteil des Landgerichts Lüneburg geltend, das eine vierjährige Haftstrafe gegen den 94-Jährigen vorsieht.

Aus Sicht der Nebenkläger aus Chicago, Las Vegas, New York und Israel hat das Landgericht die Taten Grönings im Vernichtungslager Auschwitz nicht korrekt bewertet. "Nach unserer Rechtsauffassung hätte eine Verurteilung wegen Mords und nicht nur wegen Beihilfe erfolgen müssen", sagte der Rechtsanwalt der Angehörigen. Diese sind mit dem Urteil nicht zufrieden.

"Die Rechtsfolge einer Verurteilung wegen Mords wäre eine lebenslängliche Haftstrafe gewesen", sagt Schulz. Deswegen solle der Bundesgerichtshof (BGH) den Fall erneut prüfen. Aus Sicht der Angehörigen habe der viel beachtete Fall rechtshistorische Bedeutung für mögliche weitere Gerichtsverfahren gegen Mittäter beim Holocaust. Allein deswegen solle der BGH das Urteil, für das noch keine ausführliche Begründung vorliegt, ausführlich prüfen.

Das Landgericht Lüneburg hatte Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Gröning ist gesundheitlich angeschlagen - ob er haftfähig ist, muss die Staatsanwaltschaft prüfen, wenn das Urteil rechtskräftig ist.

Wegen der schlechten Gesundheit des 94-Jährigen stand der Prozess mehrmals auf der Kippe, mehrere Verhandlungstage fielen aus. Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt, durch seine Tätigkeit in der Häftlingsgeldverwaltung habe er sich am Holocaust mitschuldig gemacht.

Gröning ist international als "Buchhalter von Auschwitz" bekannt. Weil er eine Banklehre absolviert hatte, wurde der Freiwillige der Waffen-SS 1942 in dem Konzentrationslager dafür eingeteilt, Geld der Verschleppten zu zählen und an die SS in Berlin weiterzuleiten. Der 94-Jährige hatte dies gestanden. Er sagte auch aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, um dort Gepäck zu bewachen.

In der mündlichen Urteilsverkündung hatte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch die Schuld Grönings klar benannt. Gröning habe sich bewusst für den Dienst im Lager entschieden. Auschwitz sei "eine insgesamt auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie" gewesen. Grönings Beitrag sei rechtlich eindeutig Beihilfe zum Mord gewesen, auch wenn der Angeklagte als "Rad im Getriebe" für das Funktionieren des Lagers nicht von kausaler Bedeutung gewesen sei.

Nach dem Krieg kam Gröning zunächst in britische Gefangenschaft, dann lebte er mit Frau und Kindern ein bürgerliches Leben in der Lüneburger Heide. Gegen ihn war bereits 1977 ermittelt worden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt stellte das Verfahren im März 1985 aber mangels Beweisen ein. Eine Wiederaufnahme wurde damals abgelehnt.

Das Lüneburger Verfahren war wohl einer der letzten großen Auschwitz-Prozesse. Die meisten anderen Beschuldigten sind verstorben oder verhandlungsunfähig.

Zum Thema im SPIEGEL



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.