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Überlebende im Auschwitz-Prozess: "Den einen Wunsch, noch einmal die Sonne zu sehen"

Von , Detmold

Erna de Vries: Sie bat die Gestapo, mit ihrer Mutter nach Auschwitz fahren zu dürfen Zur Großansicht
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Erna de Vries: Sie bat die Gestapo, mit ihrer Mutter nach Auschwitz fahren zu dürfen

Zweiter Verhandlungstag im Prozess gegen Reinhold Hanning, der Wachmann in Auschwitz war. Zwei Überlebende berichten, was sie im KZ erlebten. Sie fassen Unfassbares in Worte. Im Saal wird es totenstill.

Was an diesem Freitag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold zur Sprache kam, dürfte ganz im Sinn Fritz Bauers gewesen sein.

Dem hessischen Generalstaatsanwalt war es gegen massive Widerstände in den Sechzigerjahren gelungen, die Geschehnisse im Konzentrationslager Auschwitz vor Gericht zu bringen.

Sein Ziel war es, den Deutschen die Verbrechen des Holocausts zur Kenntnis zu bringen, damit sie ihnen eine Lehre seien. Bauer wollte mithilfe von Strafprozessen die historische Wahrheit über die NS-Verbrechen kund tun, vor allem aber auch den Deutschen ihr Handeln in den Jahren 1933 bis 1945 vor Augen führen.

Im Detmolder Prozess gegen den 94 Jahre alten Rentner Reinhold Hanning, der von Januar 1943 bis Juni 1944 als SS-Wachmann Beihilfe zum Mord an mindestens 170.000 Menschen geleistet haben soll, haben nun zwei weitere Überlebende der Hölle Auschwitz Zeugnis abgelegt. Was sie dem Gericht zu sagen hatten, übersteigt an Grauen alles, was üblicherweise vor Gericht verhandelt wird.

Hatte am Vortag schon Leon Schwarzbaum, auch er im Alter des Angeklagten, seine Erinnerungen geschildert, rief das Gericht am zweiten Verhandlungstag den 91 Jahre alten Justin Sonder und die 92 Jahre alte Erna de Vries in den Zeugenstand. Beide sind in beeindruckender Weise fähig, das Unsagbare in Worte zu fassen.

"Kinder schrien nach ihrer Mama"

Sonder, ein zierlicher Herr, leicht gebeugt, mit verschmitzt blitzenden Augen - "ich war 40 Jahre lang Kriminalist" - stammt aus Chemnitz. Seine Eltern waren im Januar 1943 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert worden, wo seine Mutter im Alter von 42 Jahren sofort an der Rampe in die Gaskammer geschickt wurde. Sein Vater, der Zwangsarbeit hatte verrichten müssen, überlebte Auschwitz nur um vier Jahre. Als er starb, war er 50 Jahre alt.

Sonder berichtet von seiner Ankunft in Auschwitz nach einer zweitägigen Fahrt in einem Waggon ohne Licht und Luftzufuhr, in dem es bestialisch stank, da der einzige Eimer für die Notdurft rasch überquoll: "Kinder schrien nach ihrer Mama, Frauen nach ihren Männern. Die eigene Identität war schon an der Rampe verloren gegangen." Er bestätigt, wovon auch andere Überlebende berichtet hatten: Dass ein SS-Mann ihm eine Postkarte in die Hand drückte, die er nach Hause schicken sollte mit dem Text "Bin gut angekommen im Arbeitslager Monowitz." So sollte die Bevölkerung über den wahren Zweck der Transporte nach Auschwitz und in andere Konzentrations- und Vernichtungslager getäuscht werden.

Sonder sagt: "Wenn man in Auschwitz drei oder vier Monate überlebt hatte, gehörte man schon zu den älteren Häftlingen." Er schildert die Angst vor den Selektionen, die Todesangst während des Wartens, die Ungewissheit, ob der Daumen des SS-Arztes nach oben oder nach unten zeigen würde, wenn man sich nackt von allen Seiten zu präsentieren hatte. "Ich habe in Auschwitz 17 Selektionen überlebt", sagt Sonder und beschreibt, wie er am Knie operiert wurde ohne Narkose, wie ihm ein "Dr. Fischer, der nach dem Krieg in der DDR untertauchte und 20 Jahre lang als Kinderarzt praktizierte", mit Jod ein Hakenkreuz auf das Knie gemalt habe. Und wie dann für den Frischoperierten die Selektion anstand: "Diese Stunden möchte ich im Leben nicht noch einmal erleben!"

Justin Sonder: "Die eigene Identität war schon an der Rampe verloren gegangen" Zur Großansicht
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Justin Sonder: "Die eigene Identität war schon an der Rampe verloren gegangen"

Er hatte Glück, überstand sogar seine Unterbringung in einem Block, in dem die an Fleckfieber erkrankten Häftlinge lagen. Dort ging die SS nicht hinein.

Bilder, die sich ihm eingebrannt haben: Wie jeden Mittag von der Zentrale der Buna-Werke ein Lkw mit Erschossenen, Erschlagenen, Zusammengebrochenen kam. Wie die Häftlinge die Nacht stehend verbrachten, wenn beim Appell die Zahlen nicht stimmten. Wie die Erschöpften aus dem Schlaf gerissen wurden, um auf Befehl der SS Sport zu machen. Der sechzehnjährige Grieche, der im Oktober 1944 gehängt wurde, weil er während eines Fliegeralarms ein Stück Brot gestohlen hatte. "Sein Wort war eines, das es in vielen Sprachen gibt: Mama", sagt Sonder. Im Saal ist es totenstill.

Erna de Vries, eine eloquente Dame mit klarer Stimme, stammt aus Kaiserslautern und lebt heute im Emsland. Sie ist Halbjüdin, "Mischling", wie es im NS-Jargon hieß. Ihr Vater starb früh, was dazu führte, dass sie zu ihrer Mutter ein besonders enges Verhältnis entwickelte. Die Erinnerungen, von denen sie berichtet, lassen den Atem stocken.

Als ihre jüdische Mutter 1943 deportiert werden sollte, bat sie die Gestapo, mitfahren zu dürfen. Als die Mutter ins Gefängnis kam, bat die Tochter, mit eingesperrt zu werden. Ein SS-Mann fragte sie: "Ihre Mutter kommt nach Auschwitz. Wollen Sie wirklich mit?" Sie wollte.

Verteidiger kündigen Erklärung an

Im Vernichtungslager Birkenau habe sie täglich stundenlang bis zu den Achseln in schmutzigem Wasser stehen und abgeschnittenes Schilf harken müssen. An ihren Beinen entwickelten sich eitrige Entzündungen, die das Gehen mühsam machten. Die Angst vor der nächsten Selektion wuchs. Sie kam, wie befürchtet, in den Block 25, den sogenannten Todesblock.

Zählappell. Aufstellen. Auf den Lkw. "Ich hatte nur den einen Wunsch: noch einmal die Sonne zu sehen. Es war wie ein Hoffnungsschimmer, als sie aufging. Ich lag am Boden, ins Gebet versunken. Da wurde meine Nummer gerufen. Ich stand auf und ging zu einem SS-Mann, der mich durch eine Tür schubste und sagte: Du hast mehr Glück als Verstand!" Himmler hatte gerade verfügt, dass 85 Frauen - "Mischlinge" wie Erna de Vriers - nach Ravensbrück gebracht werden sollten. Sie habe sich noch von ihrer Mutter verabschieden können, in dem Wissen allerdings, sie nie wieder zu sehen. Das sei der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen. Und dann fügt sie hinzu: "Meine Mutter hatte immer zu mir gesagt, ich würde überleben und solle erzählen, was in Auschwitz geschehen ist. Das tue ich seitdem."

Als der Angeklagte Hanning schließlich aus dem Saal geführt wird, ist er blasser als sonst.

Seine Verteidiger kündigten an, "im weiteren Verlauf des Verfahrens" eine Erklärung für ihren Mandanten abgeben zu wollen, "zu der er möglicherweise ergänzend Stellung nehmen wird". Man wolle dies so rechtzeitig bekannt geben, dass auch weitere Augenzeugen und Nebenkläger anwesend sein könnten.

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