AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2012

NSU Aussagen belasten früheren NPD-Funktionär Wohlleben

Sechs der insgesamt 13 Beschuldigten stützen nach SPIEGEL-Informationen mit ihren Aussagen die Ermittlungen über die Terror-Zelle "Nationalistischer Untergrund". Eine zentrale Rolle soll demnach der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben gespielt haben.

Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben: In der NPD fand er 1998 Anschluss
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Der ehemalige NPD-Funktionär Ralf Wohlleben: In der NPD fand er 1998 Anschluss


Hamburg - Vor Erhebung der Anklage gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe haben die Ermittler nach SPIEGEL-Informationen in wichtigen Punkten Klarheit über Hintergründe der Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" gewonnen. Die Ermittlungen werden vor allem durch die Aussagen von 6 der insgesamt 13 Beschuldigten gestützt. Unter anderem konnte so geklärt werden, wie das Zwickauer Trio vor seinem Abtauchen an Sprengstoff kam.

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Heft 34/2012
Warum Introvertierte zu oft unterschätzt werden

Einer Aussage zufolge hat das Neonazi-Netzwerk "Blood&Honour" entsprechendes Material an die spätere Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) geliefert, der neben Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angehörten. Der mutmaßliche NSU-Helfer und frühere "Blood&Honour"-Aktivist Thomas S. gestand gegenüber Beamten des Bundeskriminalamts, Ende der neunziger Jahre rund ein Kilo TNT an Mundlos übergeben zu haben. Darüber hinaus soll "Blood&Honour" das Terror-Trio beim Abtauchen unterstützt haben.

Thomas S., der zeitweise mit Zschäpe liiert war, räumte ein, eine der ersten Unterkünfte im Untergrund organisiert zu haben. Auch die Beschaffung der schallgedämpften Mordwaffe - jener Ceska 83, mit der die Terrorzelle neun Migranten ermordete - haben die Ermittler rekonstruieren können. Eine zentrale Rolle soll der mitbeschuldigte frühere NPD-Funktionär Ralf Wohlleben gespielt haben. So gab der Zeuge Andreas S. zu, die Ceska im Auftrag Wohllebens von einem Bekannten gekauft zu haben. "Ja, ich hab' dem die scheiß Knarre besorgt", so S. in seiner Vernehmung. Der Deal sei über einen Jenaer Szene-Laden eingefädelt worden.

Der Mitbeschuldigte Carsten S. holte, seinem Geständnis zufolge, die Waffe in Jena ab und brachte sie nach Chemnitz, wo er sich mit dem Trio traf. Auch Zschäpe sei dabei gewesen, bevor er die Waffe in einem Abbruchhaus an ihre Komplizen übergab. Beide Aussagen belasten vor allem den in Untersuchungshaft sitzenden Ralf Wohlleben, der mit einer Anklage wegen Beihilfe zum Mord rechnen muss. Seine Anwältin wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Wacklig ist die Beweislage gegen den Neonazi André E., der bis zuletzt Kontakt zu dem Trio im Untergrund gehabt haben soll. Aufgrund der dünnen Indizienkette und bereits verjährter Vorwürfe ist derzeit unklar, ob überhaupt Anklage gegen ihn erhoben wird.

Bis spätestens Mitte November will die Bundesanwaltschaft gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe Anklage erheben. Bis dahin soll die 37-Jährige in Untersuchungshaft bleiben.

Diese Meldung kommt aus dem neuen SPIEGEL.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
bebbi72 19.08.2012
1. Raf - nsu
Wie kann es sein, dass RAF Terroristen noch nach Jahrzehnten Verurteilt werden, obwohl sie mit der direkten Tat gar nichts zu tun haben? Auf der anderen Seite werden NSU-Terroristen die offensichtlich die Terrorgruppe unterstuetzt haben einfach freigelassen. Der Junge hat dem NSU geholfen Menschen zu toeten!!! Hallo RECHTS-staat?
ratxi 19.08.2012
2. Schwierig?
Zitat von bebbi72Wie kann es sein, dass RAF Terroristen noch nach Jahrzehnten Verurteilt werden, obwohl sie mit der direkten Tat gar nichts zu tun haben? Auf der anderen Seite werden NSU-Terroristen die offensichtlich die Terrorgruppe unterstuetzt haben einfach freigelassen. Der Junge hat dem NSU geholfen Menschen zu toeten!!! Hallo RECHTS-staat?
Wenn eine Beihilfe so geartet ist, dass eine Straftat ohne sie so wohl nicht haette ausgefuehrt werden koennen, gibt das halt Aerger. Wenn Sie einem zukuenftigen Taeter ein paar Mal Pommes nach Hause bringen, ist das auch eine Beihilfe---die dann aber wohl doch eben keine Anklage zur Folge hat. Was ich damit sagen will: Beihilfe ist eben nicht gleich Beihilfe. Ist das so schwierig?
chrispo81 19.08.2012
3. Live-Stream
Ich bin etwas verwundert, dass der SPIEGEL eine Live-Stream zu den Verfahrensunterlagen hat. Öffentlich ist ein Verfahren normalerweise ab dem Zeitpunkt der Anklageerhebung. Hier sticht aber jemand fleißig die Vernehmungen durch, die die Ermittlungsbehörden erstellen. Egal ob es das BKA oder die Bundesanwaltschaft tat, es ist meines Erachtens nicht Teil eines rechtsstaatlichen Verfahrens. Auch wenn die Öffentlichkeit eine berechtigtes Interesse am Verfahrensverlauf hat, so halte ich die Kundgabe von derartigen Details für problematisch. Sie nutzen eigentlich auch nicht der Öffentlichkeit. Künftigen Verfahren jedoch werden sie schaden, da jeder damit rechnen muss, dass seine Aussagen im Detail in der Öffentlichkeit landen. Wie sich das auf künftige Aussageverhalten auswirken werden, kann sich jeder vorstellen. Kurzfristiges, auf Effekthascherei ausgerichtetes Denken wird den Ermittlungsbehörden die Arbeit nicht erleichtern.
esnike 19.08.2012
4. ähem..
meiner Ansicht nach wird in der Berichterstattung viel zu wenig Wert auf die Tatsache gelegt, das laut Gesetz zu einer terroristischen Vereinigung mindestens drei Personen gehören müssen. Inwieweit der Untersuchungshäftling Beate Zschäpe in die Mordtaten der beiden Selbstmörder Mundlos und Böhnhardt verwickelt ist bleibt zur Zeit noch sehr unklar. Die Beweislage scheint sehr dürftig zu sein, mehr als ein Dutzend zwischenzeitlich als "Unterstützer" festgenommene Neonazis mussten jedenfalls unterdessen wieder auf freien Fuss gesetzt werden. Es ist deshalb durchaus möglich, das Mundlos und Bönhardt Einzeltäter waren, die ihre ekelerregenden Taten aus purem Hass und purer Mordlust begangen haben. Formulierungen wie "die spätere Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) geliefert, der neben Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt angehörten" haben mit journalistischer Sorgfaltspflicht nichts zu tuen, sind vorverurteilend und bestenfalls Kampagne. Nix für Ungut......
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