Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Lange Haftstrafe für Autobahnschützen: 112 unerklärliche Verbrechen

Von , Würzburg

Lkw-Fahrer K. (r.), Anwalt Krichel in Würzburg: Zehneinhalb Jahre Haft Zur Großansicht
DPA

Lkw-Fahrer K. (r.), Anwalt Krichel in Würzburg: Zehneinhalb Jahre Haft

Michael Harry K. führte einen privaten Feldzug: Jahrelang schoss der 58-Jährige aus seinem Lkw auf andere Autofahrer. Für zehneinhalb Jahre muss er nun ins Gefängnis. Seine Taten sind aufgeklärt - und bleiben doch ein Rätsel.

Von seinem Ritual rückte Michael Harry K. nicht ab. Als er Saal C017 des Würzburger Landgerichts betrat, führte sein erster Weg wie an jedem Verhandlungstag zum Tisch der Staatsanwaltschaft. Dort gab er Boris Raufeisen die Hand - dem Ankläger, der dem Autobahnschützen vorwarf, mit anderer Menschen Leben Roulette gespielt zu haben.

Das Urteil gegen K. zeigt, dass die Kammer mit dem Vorsitzenden Burkhard Pöpperl die Sicht der Anklage teilt: Sie verurteilte K. zu zehneinhalb Jahren Haft, wegen vierfachen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung, unerlaubten Führens von Schusswaffen, Sachbeschädigung und gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr. Der Schuldspruch umfasst insgesamt 112 Taten.

"Wir können keine Selbstjustiz auf unseren Autobahnen dulden", sagte Pöpperl. Das Urteil sei die "angemessene Reaktion des Rechtsstaats auf eine einzigartige Beschussserie". K. habe über Jahre die Polizei in Atem gehalten, das Leben unzähliger anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet, Verletzungen und Todesfälle billigend in Kauf genommen. "Jedem intelligenten Menschen musste diese tödliche Gefahr klar sein", sagte Pöpperl. K. habe auch heimtückisch gehandelt - die Betroffenen hätten weder mit den Angriffen rechnen noch sich dagegen wehren können. Die Schüsse seien "nicht die Tat eines Wahnsinnigen" gewesen - der 58-Jährige ist voll schuldfähig.

Die Kammer ordnete keine Sicherungsverwahrung an. Von K. werde nach Ende der Haft keine Gefahr mehr ausgehen. Der Schütze zeige Schuldeinsicht und Reue, "soweit das seine Persönlichkeitsstruktur zulässt", sagte Pöpperl. "Sie haben Ihre Lektion gelernt."

Verteidigung kündigt Revision an

Die Verteidiger hatten auf sechs Jahre Haft plädiert. Sie hielten die massenhafte Erfassung von Kennzeichen, die letztlich zu K.s Festnahme führte, für rechtswidrig und deshalb als Beweismittel für ungeeignet. Das Gericht sah das anders. Die Kennzeichenerfassung sei als "Ultima Ratio" zum Einsatz gekommen, sagte Pöpperl. Zuvor sei die Fahndung mit Presseaufrufen, Plakaten, einem Lock-Lkw und einer "Aktenzeichen XY..ungelöst"-Sendung erfolglos geblieben.

Ob die Nummernschilderfassung rechtmäßig war, könnte ein Fall für den Bundesgerichtshof werden. K.s Verteidiger Franz-Josef Krichel kündigte an, auch deswegen Revision einlegen zu wollen. Sein Mandant, ein schwergewichtiger, biederer Mann, hatte den Schuldspruch mit gefalteten Händen ohne erkennbare Regung hingenommen, den Blick auf Pöpperl gerichtet.

Zeugen beschrieben K. als stur, fleißig, unauffällig. Der 58-Jährige hat eine gebrochene Biografie. In der DDR saß er zehn Jahre im Knast, 1989 floh er über Ungarn nach Westdeutschland. Er arbeitete als Lkw-Fahrer, zuletzt viele Jahre für ein Unternehmen in der Eifel.

"Das Warum bereitet großes Kopfzerbrechen"

Ein Beinahe-Unfall mit einem Autotransporter soll der Auslöser für seinen privaten Kreuzzug gewesen sein. Es gibt wohl kaum einen Autofahrer, der sich noch nie über das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer geärgert hat. Aber so krasse Konsequenzen wie K. zog niemand.

Letztlich bleibt die Tat für das Gericht unfassbar. "Das Warum bereitet der Kammer und allen Außenstehenden großes Kopfzerbrechen", sagte Richter Pöpperl. K.s Aussagen könnten nicht einmal ansatzweise "mörderische Taten erklären, rechtfertigen, entschuldigen" - zumal es "nicht die Verursacher ihres Frustes, sondern vollkommen Unbeteiligte traf". K. habe durch seine Schüsse das Gefühl der Macht über andere gehabt. Dies habe ihm "ein gesteigertes Selbstwertgefühl" gegeben.

Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass K. zuerst aus Frust schoss - und allmählich Lust am Schießen fand. Wie oft er genau feuerte, weiß der Verurteilte selbst nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft geht von mindestens 762 Schüssen aus. Sie beschränkte sich in der Anklage aber auf eine juristisch handhabbare Zahl. Und selbst die wurde nochmals reduziert.

Eigene Fähigkeiten überschätzt

Die Einzelstrafen für jedes Vergehen zusammengenommen ergäben 171 Jahre und neun Monate Haft, addierte Pöpperl auf. Selbst wenn man den versuchten Mord herausnehme, blieben immer noch 152 Jahre übrig. Das Rechenspiel soll zeigen, "dass das Urteil auch nicht anders ausgefallen wäre, wenn wir zu einer anderen juristischen Würdigung gekommen wären".

Positiv rechnete der Richter Geständnis und Kooperation im Prozess an. K. hatte direkt nach seiner Festnahme die Taten zugegeben und die Ermittler zum Waffenversteck geführt. Aber immer blieb er dabei, er habe niemanden töten wollen. "Ich bin kein Mörder."

Denn was seine Fähigkeiten als Waffenbauer und Schütze anging, war K. selbstbewusst und nicht nur zum Prozessauftakt auskunftsfreudig. Mit links lenkte er seinen Lkw, mit rechts schoss er - nach seiner Überzeugung so genau, dass Fehlschüsse quasi ausgeschlossen waren.

Tatsächlich überschätzte K. seine Schießkünste deutlich. Er traf Häuser, Anhänger, Baustellenfahrzeuge. Dass er kein Menschenleben auf dem Gewissen hat, ist nur Zufall. "Es war nur eine Frage der Zeit, wann Unschuldige zu Tode gekommen wären", sagte der Richter. K. schoss oft bei Dunkelheit, oft über sechs Fahrstreifen hinweg in den Gegenverkehr. Überhol- und Bremsmanöver, Wind, Schlaglöcher - K. mussten die zahlreichen Unwägbarkeiten klar gewesen sein, sagte Pöpperl. "Er hat die möglichen Konsequenzen verdrängt, anders kann ich es mir nicht erklären", sagte Anwalt Krichel.

Zwei Insassen eines Kleintransporters bekamen sie zu spüren. Anfang Februar 2010 durchschlug eine von K.s Kugeln bei Magdeburg die Fahrerkabine. Die Männer hatten Glück, nur durch Glassplitter verletzt zu werden, die Kugel flog nur wenige Zentimeter an ihrem Kopf vorbei. Schlimmer erwischte es die Geschäftsfrau Petra B. Sie wurde am 10. November 2009 auf der Autobahn 3 bei Würzburg lebensgefährlich verletzt, als K.s Schuss die Frontscheibe ihres Autos zerstörte. Der Wagen prallte gegen eine Leitplanke, Ärzte entfernten zwei Geschosssplitter aus B.s Nacken. "Hier ist um ein Haar ein Leben ausgelöscht worden", sagte Pöpperl. Dennoch habe K. weitergemacht. Der Krieg des Lkw-Fahrers endete erst, als er festgenommen wurde.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Unfassbar!
sebastian.teichert 30.10.2014
10 1/2 Jahre? Das ist doch ein Witz! Jemand der so mit dem Leben anderer Menschen umgeht und spielt gehört aus Prinzip für immer weggesperrt! Wieso kann die eigentliche Strafe bei 170 Jahren liegen aber man begnügt sich hier mit 10? Wovon er wenn er sich gut anstellt nur 7 absitzen muss? Ich hoffe die Staatsanwaltschaft legt Revision ein und schraubt das Strafmaß gehörig hoch! Jeder Schuss ist ein verdammter Mordversuch gewesen! Ob er das bestreitet oder nicht. Würde den Richter gern sehen wenn seine Tochter oder Sohn die unglückliche Person gewesen wäre, die gestorben wäre!
2. ???
Leser161 30.10.2014
Wieso ein ein Rätsel? Der Mann hatte halt einen Hass. Kann ich nachvollziehen. Warten wir mal ab, bis der erste DHL-Paketbote durchdreht.
3. Viel zu wenig !
Megx 30.10.2014
Zehn Jahre und in sieben Jahren ist dieser Wahnsinnige, dem Menschenleben total egal sind, wieder draußen. Ich bin mit diesem Urteil -im Namen des Volkes- nicht einverstanden!
4. Auf Details achten, bitte!
dietmarsen 30.10.2014
"Jahrelang schoss der 58-Jährige aus seinem Lkw auf andere Autofahrer." Er schoss nicht auf Autofahrer, sondern auf Autotransporter. Erst daraus entstandene Querschläger haben u.a. auch Menschen getroffen. Kleiner, aber im Strafrecht äußerst feiner Unterschied.
5. In dem Fall,
pollasto 30.10.2014
Zitat von sebastian.teichert10 1/2 Jahre? Das ist doch ein Witz! Jemand der so mit dem Leben anderer Menschen umgeht und spielt gehört aus Prinzip für immer weggesperrt! Wieso kann die eigentliche Strafe bei 170 Jahren liegen aber man begnügt sich hier mit 10? Wovon er wenn er sich gut anstellt nur 7 absitzen muss? Ich hoffe die Staatsanwaltschaft legt Revision ein und schraubt das Strafmaß gehörig hoch! Jeder Schuss ist ein verdammter Mordversuch gewesen! Ob er das bestreitet oder nicht. Würde den Richter gern sehen wenn seine Tochter oder Sohn die unglückliche Person gewesen wäre, die gestorben wäre!
wäre er nicht der Richter von K.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: