Prozess gegen Autobahnschützen "Ich war der Annahme, jeder Schuss ein Treffer"

Michael Harry K. schoss über Jahre vom Fahrerhaus seines Lkw auf andere Lastwagen, die Schalldämpfer baute er sich selbst. Verkehr war für ihn wie Krieg, er habe "andere bestrafen" wollen, sagte der Autobahnschütze nun vor Gericht.

Angeklagter Fernfahrer im Landgericht Würzburg: "Inneren Schweinehund beruhigen"
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Angeklagter Fernfahrer im Landgericht Würzburg: "Inneren Schweinehund beruhigen"

Von , Würzburg


Als die Tatwaffen einer der außergewöhnlichsten Verbrechensserien der vergangenen Jahre gezeigt werden, wird auch der Angeklagte Michael Harry K. an den Richtertisch gebeten. "Ich wollte in meinem Leben eigentlich keine Waffe mehr in die Hand nehmen", sagt der 58-Jährige. Manche Beobachter im Landgericht Würzburg schauen sich ungläubig an.

Denn laut Staatsanwaltschaft hat K. in den Jahren 2008 bis 2013 Hunderte Male Waffen in die Hand genommen. An seinem Arbeitsplatz, dem Lkw-Führerhaus. Die Pistolen versteckte er unter einem Getränkehalter und im Airbag-Fach. Er schoss während der Fahrt auf andere Fahrzeuge, traf Lastwagen, Autos, Gebäude und auch Menschen. Eine 40-Jährige wurde 2009 schwer verletzt: Auf der A3 bei Würzburg durchschlug eine Kugel die Frontscheibe ihres Wagens; die Fahrerin wurde im Nacken getroffen, das Auto prallte gegen die Leitplanke.

Jetzt steht K. am Richtertisch und erklärt, wie er einen Schießkugelschreiber baute, eine Pistole des Kalibers .22, einen Schalldämpfer für diese Waffe und für eine weitere Pistole des Kalibers 9 Millimeter. Stolz schwingt in seiner Stimme mit.

Fast dreieinhalb Stunden haben die Staatsanwälte gebraucht, um die Vorwürfe gegen den Angeklagten vorzutragen. Die Tage, Zeitpunkte, Autobahnen und Geschädigten wechseln, das Prinzip bleibt: K. schoss während der Fahrt aus seinem Fahrerhaus. Meist auf den Gegenverkehr, manchmal auch auf Fahrzeuge, die in seiner Fahrtrichtung unterwegs waren. Laut Staatsanwaltschaft ging er skrupellos vor, nahm in Kauf, dass es Unfälle, Verletzte oder gar Tote geben könnte. Einmal, gibt er in einer von seinem Anwalt Franz-Josef Krichel verlesenen Erklärung zu, fuhr er auch in seinem privaten Audi 80 im Raum Köln umher und schoss auf geparkte Autos.

Michael Harry K. ist wegen versuchten Mordes in fünf Fällen, gefährlicher Körperverletzung, unerlaubten Führens von Schusswaffen, Sachbeschädigung und gefährlicher Eingriffe in den Straßenverkehr angeklagt. Die Worte der Staatsanwaltschaft nimmt er - hochgewachsen, stämmig, Schnauzbart, weißes Polohemd und einen Goldring im linken Ohr - äußerlich ungerührt hin, tuschelt mit seinen Anwälten.

Denkzettel verpassen

Die Verteidiger haben beschlossen, ihren Mandanten reden zu lassen. "Wenn er sich vergaloppiert, fangen wir ihn ein", sagt Anwalt Guido Reitz. Den Vorwurf des versuchten Mordes bestreitet K. vehement. "Für das, was ich gemacht habe, stehe ich gerade. Aber was ich nicht gemacht habe, sehe ich nicht ein."

Er habe "weder eine Gefährdung der Fahrer oder anderer Verkehrsteilnehmer durch die Schüsse gewollt" und vorwiegend auf Autotransporter gezielt, auf die oben und hinten geladenen Fahrzeuge. Nie im Leben habe er "auf Menschen oder Tiere geschossen." Er habe auch nie "nur in die Nähe des Führerhauses gezielt oder geschossen". Bei den geparkten Wagen habe sich "jedes Mal vergewissert, dass keine Personen darin waren." Ebenso bestreitet er den Vorwurf, auch im Ausland geschossen zu haben.

Als der Angeklagte befragt wird, geht es vor allem um eine Frage: warum? Was treibt einen Mann dazu, über Jahre auf Autobahnen in Wildwest-Manier herumzuschießen?

Die Staatsanwaltschaft ist sicher, dass K. sich auf seinem ganz privaten Kreuzzug befand. Er habe anderen Fahrern "Denkzettel" verpassen wollen. Auslöser soll ein Vorfall vor vielen Jahren gewesen sein. Damals habe ihn ein Autotransporter auf der Autobahn abgedrängt und ausgebremst, es hätte beinahe einen Unfall gegeben, sagte K. in Vernehmungen. Es herrsche "Krieg auf deutschen Autobahnen". Zudem sei er mehrmals überfallen, bestohlen - und auch selbst beschossen worden. "Das wird ja immer schlimmer mit den Überfällen auf Lkw-Fahrer."

Er habe seinen "inneren Schweinehund beruhigen", Selbstjustiz üben und "andere bestrafen" wollen. Es ging ihm, besser kann er es nicht in Worte fassen, um das Gefühl der Genugtuung. Und die Gefahren für die anderen? Seien ihm damals egal gewesen.

"Habe ein paar Autos zerschossen"

Anscheinend reichten schon Lapalien. Auslöser für die Schüsse auf parkende Autos war laut K. ein Knöllchen, das seine Frau von der Stadt Köln bekommen hatte. "Ich bin dorthin gefahren und habe ein paar Autos zerschossen." Er habe den Ärger über die Kosten für den Strafzettel in sich "reingefressen und durch die Schießerei ausgeglichen". Zu seinem Kreuzzug gehörte auch, in 182 Fällen Metallplättchen mit Nägeln rund um seinen Wohnort Kall in der Eifel verteilt zu haben - aus Rache, weil seine Reifen einmal selbst durch Nägel zerstört wurden.

Der Angeklagte zeigt auch Reue. Aber die würde man ihm besser abnehmen, wenn nicht ein unverhohlener Stolz auf die Herstellung der Waffen durchscheinen wurde, ebenso wie ein Hang zu relativieren. Die Nagelplättchen etwa seien so konstruiert gewesen, dass die Luft nicht schnell habe entweichen können - keine Gefahr für einen Reifenplatzer also. Das könne man gerne ausprobieren, sagt er zum Richter. Zudem sei er "heute noch der Meinung, dass zu der Zeit noch jemand anderes geschossen hat." Richter Burkhard Pöpperl merkt an: "Nach Ihrer Festnahme gab es keine Beschüsse mehr."

K. hat keinen Waffenschein, hielt sich aber wohl für einen guten Schützen. "Ich war der Annahme, jeder Schuss ein Treffer", sagt er. Bei der großen Masse an Schüssen werde man eben firm. Er habe in seiner Garage und in Kiesgruben in der Eifel geübt.

Trotz großen Aufwands blieben die Ermittlungen einer Sonderkommission lange erfolglos. Zu K. führte schließlich eine massenhafte Datensammlung: An sieben Autobahn-Stellen erfassten Fahnder ab Dezember 2012 lückenlos millionenfach Kennzeichen, Datenschützer kritisierten das als unverhältnismäßig und vom Gesetz nicht gedeckt.

Am 23. Juni 2013 wurde K. in seinem Haus in Kall festgenommen. In einer Hecke am Haus fanden Ermittler die Tatwaffen und 1300 Schuss Munition. Die Frage, warum er schoss, wird das Gericht noch mindestens acht Verhandlungstage beschäftigen. Den Angeklagten vermutlich auch. "Heute weiß ich nicht mehr, was mich damals geritten hat."

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Seite 1
nebu670 11.08.2014
1. Eigentlich ein Wunder
...dass es "nur" einmal nicht ganz so glimpflich ausgegangen ist.
Thunder79 11.08.2014
2.
Möge die Datensammelei u.a. auch durch die Mautbrücken vielen als Ärgnis empfunden werden, ich finde das gut - siehe diesen Artikel. Wer nichts zu verbergen hat, kann sich frei bewegen, auch wenn Mutti weiß wo Du bist. Mich stört´s nicht.
höhenflieger 11.08.2014
3. An einer Stelle gebe ich ...
... dem Angeklagten Recht: Es herrsche "Krieg auf deutschen Autobahnen". Tonnenschwere LKW werden dort täglich als Waffe gegen andere gewichtsmäßig unterlegene Fahrzeuge gezielt eingesetzt. Der LKW als Waffe ... und die Regierung? Schaut weg !
archivdoktor 11.08.2014
4. Gut
Zitat von sysopDPAMichael Harry K. schoss über Jahre vom Fahrerhaus seines Lkw auf andere Lastwagen, die Schalldämpfer baute er sich selbst. Verkehr war für ihn wie Krieg, er habe "andere bestrafen" wollen, sagte der Autobahnschütze nun vor Gericht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/autobahnschuetze-lkw-fahrer-in-wuerzburg-vor-gericht-a-985577.html
Nur gut, dass die Fahnder nicht von den sogenannten Datenschützer ausgebremst werden konnten!
Hamberliner 11.08.2014
5. Und was ist mit dem Motorradfahrer-Mörder (Öllachen) im Allgäu?
Zitat von sysopDPAMichael Harry K. schoss über Jahre vom Fahrerhaus seines Lkw auf andere Lastwagen, die Schalldämpfer baute er sich selbst. Verkehr war für ihn wie Krieg, er habe "andere bestrafen" wollen, sagte der Autobahnschütze nun vor Gericht. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/autobahnschuetze-lkw-fahrer-in-wuerzburg-vor-gericht-a-985577.html
Ein vergleichbarer Fall ist nicht so glimpflich abgelaufen. Es hat schon einen Toten gegeben, und der Täter ist AFAIK immer noch nicht gefasst. Dabei handelt es sich um mutwillig gelegte Öllachen um Motorradfahrer zu töten. http://www.polizei.bayern.de/content/1/3/5/7/5/6/18._nachtrag_-_pm_vom_15.02.2013.pdf Das läuft schon seit Jahren. Es wäre nett, wenn auch da einmal der Ermittlungsaufwand deutlich erhöht würde.
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