Zugunglück in Bad Aibling Richter verurteilen Fahrdienstleiter zu dreieinhalb Jahren Haft

Der Fahrdienstleiter, der das tödliche Zugunglück von Bad Aibling verschuldet hat, muss ins Gefängnis. Das Landgericht Traunstein verurteilte ihn wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung.

Urteilsverkündung vor dem Landgericht Traunstein
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Urteilsverkündung vor dem Landgericht Traunstein


Im Prozess um das tödliche Zugunglück von Bad Aibling ist der Fahrdienstleiter zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Traunstein sprach ihn wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung schuldig. Bei dem Zusammenstoß zweier Züge am 9. Februar in Oberbayern waren zwölf Menschen gestorben und 89 teils lebensgefährlich verletzt worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte vier Jahre Gefängnis beantragt. Die Verteidigung hatte für eine Bewährungsstrafe plädiert. Maximal kämen zweieinhalb Jahre Haft in Betracht. Der Bahnmitarbeiter nahm das Urteil regungslos zur Kenntnis.

Zu Prozessbeginn hatte er gestanden, bis kurz vor dem Zusammenstoß das Fantasy-Rollenspiel "Dungeon Hunter 5" auf seinem Handy gespielt zu haben - obwohl die Deutsche Bahn Fahrdienstleitern die private Nutzung von Smartphones im Dienst verbietet.

Serie von Fehlern

Der 40-Jährige setzte im Stellwerk mehrere Signale falsch, wie die fünftägige Beweisaufnahme im Prozess ergab. Beim Absetzen eines Notrufes drückte er eine falsche Taste. Der Alarm erreichte die Lokführer nicht. Dadurch kam es zum Frontalzusammenstoß auf eingleisiger Strecke.

Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs sagte in der Urteilsbegründung, der Angeklagte habe sich durch die Spielerei von seinen Pflichten ablenken lassen. Er sei allein verantwortlich für den Unfall.

"Der Angeklagte hat seine ganze Konzentration auf das Spiel auf dem Smartphone verwendet." Das Gericht sei überzeugt, dass es nicht zu dem Unfall gekommen wäre, wenn der Fahrdienstleiter nicht gespielt hätte.

Als gravierend wertete das Gericht auch, dass der Fahrdienstleiter schon in den Wochen vor dem Unfall das Spiel während der Arbeit gespielt hatte, mit steigender Intensität und obwohl er eine große Verantwortung für Züge und Fahrgäste getragen habe. In dieser Zeit sei zwar nichts passiert, trotzdem habe er die Reisenden einem hohen Risiko ausgesetzt.

Zugleich legte der Richter Wert auf die Feststellung, dass der Verurteilte kein schlechter Mensch sei. Er leide unter dem Geschehen. "Aber er ist in erster Linie Opfer seiner eigenen Spielleidenschaft geworden." Nach dem Urteil könne er "in absehbarer Zeit" zu seiner Familie zurückkehren. "Den Familien der Todesopfer ist so ein Zusammenleben nicht mehr möglich."

Abweichend von der Anklage verurteilte das Gericht den Fahrdienstleiter bei den Fällen der fahrlässigen Körperverletzung wegen 85 Taten und nicht wie angeklagt wegen 89 Taten.

Klagen gegen Deutsche Bahn erwartet

Bekannt wurde in dem Prozess, dass die Bahn auf der Unglücksstrecke seit mehr als 30 Jahren veraltete Signaltechnik einsetzt. Eine Vorschrift von 1984, zusätzliche Anzeigen zu installieren, war nicht umgesetzt worden, wie ein Experte des Eisenbahn-Bundesamtes aussagte. Die Bahn muss dies aber nur im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten tun.

Die Bahn muss sich nun auf Klagen einstellen, mit denen Opfer und Hinterbliebene Schadenersatz erstreiten wollen. "Wir werden jetzt anfangen, die zivilrechtlichen Ansprüche durchzusetzen", sagte einer der Nebenklageanwälte nach dem Urteil. Dabei werde es vor allem um technische Fragen gehen. Außerdem wünschten sich alle, dass die Deutsche Bahn Fehler eingestehe und sich entschuldige. "Das ist den Hinterbliebenen und Opfern sogar sehr wichtig."

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Zugunglück: Der Unfall bei Bad Aibling

sms/dpa/AFP

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