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Bad Reichenhall: Prozess um Eishallen-Einsturz wird neu aufgerollt

Ein Baugutachter muss sich wegen des Einsturzes der Eishalle in Bad Reichenhall erneut vor Gericht verantworten. Der Bundesgerichtshof hatte einen Freispruch für den Mann aufgehoben - manche Prozessbeteiligte sehen in dem Ingenieur einen Sündenbock für Verfehlungen der Gemeinde.

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Eingestürzte Eishalle: Gutachter erneut vor Gericht

Traunstein - Fünf Jahre und acht Monate nach dem Einsturz der Eissporthalle von Bad Reichenhall mit 15 Toten muss sich erneut ein Gutachter vor dem Landgericht Traunstein verantworten. Seine Verteidiger erklärten zum Prozessauftakt am Donnerstag, ihr Mandant sei unschuldig. Der heute 58 Jahre alte Angeklagte hatte die Dachkonstruktion drei Jahre vor der Katastrophe untersucht und ihr einen "guten" Zustand bescheinigt.

Am 2. Januar 2006 waren beim Einsturz der Halle zwölf Kinder und Jugendliche sowie drei Mütter von herabstürzenden Trümmern erschlagen worden. Dem Bauingenieur wird vorgeworfen, durch sein Gutachten den Tod der Opfer mitverschuldet zu haben.

Das Gericht entschied 2008, der Angeklagte Rüdiger S. habe zwar Sorgfaltspflichten verletzt, es sei aber nicht erwiesen, dass sein Fehlverhalten ursächlich für das Unglück war. Der Bundesgerichtshof (BGH) hob den Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung im vergangenen Jahr auf. Hätte der Statiker sein Gutachten pflichtgemäß ausgeführt, hätte er die Stadt ernsthaft darauf hinweisen müssen, dass die Tragfähigkeit des Hallendaches gefährdet war.

"Die Begutachtung wurde nicht mit der erforderlichen Sorgfalt durchgeführt", sagte Staatsanwalt Andreas Miller in der neuen Verhandlung am Donnerstag. Es hätte dem Ingenieur auffallen müssen, dass ein ungeeigneter Leim verwendet wurde und die Klebeverbindungen schon nicht mehr hielten.

Nebenkläger werfen der Staatsanwaltschaft "Sündenbockstrategie" vor

Anwalt Rolf Krüger, einer der drei Verteidiger, sagte: "Unser Mandant hatte keine Pflicht zu so einer genauen Untersuchung." Er habe nur die Sanierungskosten schätzen sollen. Die Katastrophe beruhe vielmehr auf Fehlern in der Bauausführung und vor allem auf der jahrzehntelangen Untätigkeit der Verantwortlichen in der Gemeinde.

Krüger wies auch den Verdacht zurück, Rüdiger S. habe ein "Gefälligkeitsgutachten" erstellt. In diesem Fall müssten auch die Angestellten der Stadt unter Verdacht stehen, argumentierte er. Die Strafverfolgung der Verantwortlichen der Gemeinde sei jedoch vernachlässigt worden. Die Staatsanwaltschaft verfolge eine "Sündenbockstrategie".

Auch Nebenkläger Robert Schromm, dessen Frau bei dem Einsturz ums Leben kam, sagte, der Gutachter müsse nur auf der Anklagebank sitzen, damit "andere von Strafverfolgung verschont bleiben". Er stelle daher Strafanzeige gegen Oberstaatsanwalt Günther Hammerdinger wegen Strafvereitelung im Amt. Denn schuld seien "konsequente Schlamperei und Misswirtschaft in Bad Reichenhall" gewesen.

Im ersten Verfahren war gegen drei Angeklagte verhandelt worden. Neben dem Gutachter wurde auch ein Architekt freigesprochen. Der Hallenkonstrukteur wurde zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Das Urteil im neuen Verfahren wird Ende Oktober erwartet.

ulz/dapd/dpa

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