Bagatellmorde in den USA Wut im Bauch, Kugel im Kopf

Der Tod des New Yorkers Sean Bell im Kugelhagel der Cops ist Symptom eines landesweiten Problems. Experten verweisen auf steigende Mordraten und erhöhte Aggressivität auf den Straßen Amerikas - bei Verbrechern wie Polizisten. Unschuldige wie Bell geraten in die Schusslinie.

Von , New York


New York - Sie kommt im Morgengrauen, noch vor Sonnenaufgang. In Jeans und rosa Jacke nähert sich Nicole Paultre der provisorischen Gedenkstätte an einer Mauer im New Yorker Stadtteil Queens. Ein paar Minuten lang kniet die 22-jährige Schwarze vor einem Foto nieder, das sie lachend mit ihrem Verlobten Sean Bell zeigt - der Mann, den sie am vergangenen Samstag hätte heiraten sollen. Zitternd zündet sie eine Kerze an. Sie weint. Sie spricht kein einziges Wort.

New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg: "gründliche Ermittlungen" nach der Erschießung Sean Bells
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New Yorks Bürgermeister Mike Bloomberg: "gründliche Ermittlungen" nach der Erschießung Sean Bells

Der Bräutigam starb nur Stunden vor der Hochzeit, im nächtlichen Kugelhagel von fünf New Yorker Undercover-Cops. Sie feuerten 50 Schüsse auf den unbewaffneten Bell, 23, und zwei Freunde, in der Nähe des Strip-Clubs "Kalua", in dem sie Bells Junggesellenabschied gefeiert hatten. Ein Beamter gab allein 31 Schüsse ab, lud seine halbautomatische Dienstpistole also nach. Bell war sofort tot. Die beiden anderen wurden schwer verletzt.

Ursache und Ablauf der Schießerei sind unklar. Fest steht, dass die Cops an jenem Abend auf der Lauer nach Verbrechern lagen. Rassismus dürfte kaum eine Rolle spielen: Zwei der beteiligten Polizisten sind schwarz, einer ist Latino. Trotzdem forderten Hunderte Demonstranten den Rücktritt von Polizeichef Ray Kelly. Die fünf Beamten wurden vorerst beurlaubt.

Lockeres Mundwerk, lockere Waffe

Selbst Bürgermeister Mike Bloomberg nannte den Vorfall gestern "exzessiv und inakzeptabel" und versprach "gründliche Ermittlungen". Damit vermied er einen Fehler seines Vorgängers Rudy Giuliani, der sich nach der Erschießung des Immigranten Amadou Diallo durch Beamte des New York Police Departments (NYPD) 1999 vorschnell auf Seiten der Cops gestellt und damit Rassenunruhen provoziert hatte.

So oder so: Sean Bells Tod ist Symptom eines dramatischen Klimawechsels, nicht nur auf den Straßen New York Citys, sondern im ganzen Land. Es ist ein Klimawechsel, der alle Seiten gleichermaßen betrifft: Kriminelle, Polizisten - und offenbar Unbeteiligte wie Bell, die in die Schusslinie zwischen den Fronten geraten.


Seit Wochen schon schlagen Experten Alarm, dass die Mordraten in vielen Regionen der USA erstmals seit über einem Jahrzehnt plötzlich wieder ansteigen. Und dass es dabei vor allem immer mehr wahllose, willkürliche Morde gibt, mit den nichtigsten Auslösern wie Wut, Ärger oder Kränkung: Vielen sitze die Waffe inzwischen ebenso locker wie das Mundwerk.

Schießwütige Polizisten

"Wir sehen den Beginn einer Epidemie von Gewalt, die weite Teile des Landes ergreift", sagt Chuck Wexler, der Direktor des Police Executive Research Forums (PERF), einer Interessenvereinigung von Polizeichefs, die das Wutmord-Phänomen jetzt in einer frappierenden Studie belegt hat.

"Brutale Kriminalität erlebt ein Comeback", heißt es darin. Jerry Abramson, der Bürgermeister von Louisville in Kentucky, das mit ganz ähnlichen Sorgen ringt, formuliert es krasser: "Mir scheint, dass das menschliche Leben heute weniger wert ist."

Doch gilt das auch für die Cops? Jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass auch bei den Polizeibeamten inzwischen die Nerven blank liegen. In Atlanta stürmten vorige Woche acht Drogenfahnder ohne Warnung ein angeblich verdächtiges Haus - und erschossen dessen 88-jährige Bewohnerin.

In New York sinkt die allgemeine Kriminalitätsquote zwar weiter. Doch die Zahl der Gewaltverbrechen hat rapide angezogen. Und auffallend oft ist dabei auch von allzu schießwütigen Polizisten zu hören.

Erstochen in der Badewanne

Von 1. Januar bis Mitte November 2006 ereigneten sich in der Stadt 512 Morde, 36 (7,5 Prozent) mehr als im Vergleichszeitraum 2005. Noch eklatanter ist die Todesstatistik der letzten vier Wochen: Da stieg die Mordzahl zu 2005 um satte 40 Prozent, von 35 auf 49. Jeder siebte Verdächtige ist unter 18 Jahren - doppelt so viele wie in den drei Jahren zuvor.

Das offenbart eine immer gereiztere Stimmung - als machten sich aufgestaute Ressentiments plötzlich Luft. "Wir beobachten neue Gesetze der Straße", sagt David Kennedy, der Direktor des Centers for Crime Prevention and Control am John Jay College of Criminal Justice, an dem New Yorker Cops ausgebildet werden. "Wenn du dich beleidigt oder herabgesetzt fühlst, musst du reagieren. Und was als Beleidigung gilt, wird immer geringfügiger."

Ein Bagatellmord jagt den anderen. Ebenfalls am Wochenende wurde ein 19-Jähriger in der Bronx auf offener Straße erschossen, am selben Tag ein Brooklyner Pärchen schwer verletzt. In Sunset Park erlag ein 22-Jähriger einem Kopfschuss. In Queens wurde ein Einwanderer auf dem Gehweg erschossen. Ein anderer starb bei einem Ladenüberfall, fünf weitere kamen in verschiedenen Nächten bei willkürlichen Schießereien ums Leben. Eine 24-jährige Barfrau wurde in ihrer Badewanne erstochen gefunden. Neben ihr lag ihr getöteter Hund.

In den tödlichen Autobahnverkehr gejagt

Manche Fälle sind besonders tragisch. Der Ex-Drogendealer Hykiem Coney, der sich nach der Haftentlassung gegen Gang-Gewalt engagiert hatte und zum Symbol der Versöhung geworden war, wurde im Oktober erschossen, als er aus einer Kneipe auf Long Island trat.

Anfang Oktober lockten vier Jugendliche einen Schwulen über einen Online-Chatroom zu einem Autobahnparkplatz in Brooklyn, raubten ihn aus und jagten ihn dann auf die Fahrbahn. Der 29-Jährige wurde von Autos überrollt und erlag fünf Tage später seinen Verletzungen.

Viele dieser Bluttaten resultierten aus oft banalen Streitigkeiten. Drogendealer killen Drogensüchtige. Ehepartner bringen sich gegenseitig um. Vermieter bezahlen Zwiste mit ihren Mietern mit dem Leben. Ein 53-jähriger Schwarzer war so empört darüber, wie eine Gruppe Weißer seinen Sohn verspottet hatte, dass er ihnen nachstellte und einen von ihnen erschoss. Das Opfer war 17 Jahre jung.

Kampfsport zur Selbstverteidigung

Die Filmschauspielerin Adrienne Shelly kam im eher idyllischen Greenwich Village ums Leben, nachdem sie sich über die lauten Bauarbeiten in einer Nachbarwohnung beschwert hatte. Der Handwerker, ein illegaler Einwanderer aus Ecuador, schlug sie bewusstlos. Aus Angst, er habe sie umgebracht, hängte er sie dann in ihrem Badezimmer an der Duschstange auf, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Shelly, die zu dem Zeitpunkt noch lebte, erstickte.

Und auch die Cops sind gereizt. Anfang November erschossen zwei Zivilbeamte einen 32-Jährigen in der Bronx. Der Mann habe jemanden überfallen und dann, so das NYPD, das Feuer auf die Polizisten eröffnet. Kurz darauf erschoss ein Beamter einen Autofahrer in Brooklyn, den er angehalten hatte.

"Irgendwas hat sich geändert in unserer Stadt", beklagt Karl Scott, ein Fitnesstrainer im ansonsten recht friedlichen Viertel Hell's Kitchen. "Viele scheinen das Leben anderer nicht mehr zu respektieren. Viele sind schnell mit der Knarre dabei." Scott, ein schwarzer Zwei-Meter-Hüne, hat jetzt selbst einen Kampfsportkurs belegt, um sich bei Bedarf besser wehren zu können. "Sicher ist sicher."

Ein "Kriminalitäts-Unwetter"

"Es braut sich ein Kriminalitäts-Unwetter zusammen", sagt auch der frühere NYPD-Chef William Bratton, der jetzt der Polizei von Los Angeles vorsteht. Die Zahlen geben ihm Recht: Für 2005 wiesen die FBI-Statistiken den größten Anstieg von US-Schwerverbrechen seit 14 Jahren aus, um insgesamt 2,5 Prozent, darunter Morde (3,4 Prozent), Diebstähle (3,9 Prozent) und Überfälle (1,8 Prozent). Für 2006 befürchten Kriminologen noch Schlimmeres.

Sean Bell in Queens wurde es zum Verhängnis, dass er einen Strip-Club besuchte, der der Polizei schon länger wegen Drogenhandels, Prostitution und Schlägereien aufgefallen war. Darum hatten die Undercover-Cops dort auf der Lauer gelegen: Bell stolperte ahnungslos in eine verdeckte NYPD-Operation hinein. Was folgte, nennen Fachleute eine "ansteckende Schießerei" - ein erster Cop feuert, und dann pflanzt sich die Ballerei von einem zum anderen fort, ähnlich wie Gelächter.

Sean Bell wurde zweimal getroffen, sein Freund Trent Benefield dreimal, sein Freund Joseph Guzman elfmal. Einschusslöcher fanden sich außerdem an angrenzenden Häusern, an Fenstern und einem nahen Hochbahnhof. Der ganze Spuk dauerte nicht mal eine Minute.



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