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Bahnunglück in Brandenburg: Tod zwischen zwei Zügen

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Caroline aus Berlin wartet am Bahnhof Wünsdorf auf ihren Regionalexpress. Als sich zwei Züge an dem schmalen Bahnsteig kreuzen, erschrickt die 15-Jährige offenbar, schwankt, stürzt - und kommt ums Leben. Ihre Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn.

Caroline P.: Tod am Bahnhof Wünsdorf Fotos

Hamburg - Cathrin P. ist beunruhigt, als Carolines Vater am Nikolaustag im vergangenen Dezember bei ihr anruft. Er ist aufgebracht, beschwert sich, warum die gemeinsame Tochter nicht wie vereinbart in dem Zug saß, der um 19.25 Uhr am Bahnhof Berlin-Südkreuz ankam.

Ihre ersten Gedanken sind: Um diese Uhrzeit kann einem 15-jährigen Mädchen nichts zustoßen. An der Zuverlässigkeit der Schülerin zweifelt die Mutter jedoch auch nicht. Was ist also passiert?

Die Eltern, die getrennt leben - er in Berlin, sie in Wünsdorf, einem Ortsteil von Zossen in Brandenburg - begeben sich auf Spurensuche. Beide sehen parallel im Internet nach, ob es bei der Deutschen Bahn Verspätungen oder Komplikationen gab. Sie versuchen es immer wieder auf Carolines Handy. "Der Teilnehmer ist nicht erreichbar", sagt eine Computerstimme.

Vater und Mutter telefonieren, bis bei Cathrin P. die Kriminalpolizei samt Seelsorger klingelt.

Caroline ist tot. Sie kam zwischen Gleis 1 und 2 am Bahnhof Wünsdorf ums Leben, einem uralten Gelände in desolatem Zustand.

Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt nun unter anderem:

  • Inwieweit tragen Angestellte der Bahn Verantwortung für den Vorfall?
  • War die Beschilderung ausreichend?
  • Warum können Fahrgäste auf das Gleis gelangen, wenn es laut Bauordnung zu schmal ist?
  • Inwieweit sind Reisende auf dem Teil des Bahnhofs in Gefahr?
  • Hätte etwa ein Zaun den Unfall verhindern können?

Das Tor zum Bahnsteig hätte verschlossen sein müssen

Cathrin P. hatte ihre Tochter gegen halb zwei am Nikolaustag am Bahnhof abgeholt und den Nachmittag mit ihr verbracht. Kurz nach halb sieben lieferte sie das Mädchen in Wünsdorf am Bahnhof ab, so wie sie es immer tat. Caroline kannte das morsche Gelände dort gut. Ihre Mutter begleitete sie bis zu einem Tor, das Fahrgäste passieren müssen, um auf die Bahnsteige zu gelangen.

Inzwischen weiß Cathrin P., dass ihre Tochter auf dem exakt 1,90 Meter breiten Bahnsteig gar nicht hätte stehen dürfen, weil er erst nach Aufforderung des Bahnhofpersonals betreten werden darf. Die Bahnhofsaufsicht darf Reisende zudem nur auf den Bahnsteig lassen, wenn ein Zug nach Berlin einfährt oder bereits hält und keiner auf dem gegenüberliegenden Gleis einfährt.

Grund hierfür ist, dass dieses Gleis von den Fahrgästen auf einer Art Trampelpfad überquert werden muss. Eine Unterführung oder eine Brücke gibt es nicht.

Caroline wartete auf dem schmalen Bahnsteig auf ihren Regionalexpress, der um 18.44 Uhr nach Berlin starten sollte. Dieser hatte jedoch Verspätung.

Stattdessen kreuzten sich zwei Züge: Um 18.45 Uhr brauste ein anderer Regionalexpress ohne Halt durch den Bahnhof - mit Tempo 120. Polizei und Eltern sind davon überzeugt, dass Caroline derart erschrak, dass sie reflexartig einen Schritt rückwärts machte - und gegen den auf der anderen Bahnsteigseite, ebenfalls mit Tempo 120, durchfahrenden Vogtland-Express fiel, erfasst und mitgeschleift wurde. Eine Augenzeugin bestätigt diese Vermutung.

"Caroline erlitt schwerste Kopfverletzungen", sagt ihre Mutter. Die 15-Jährige war sofort tot.

"Muss man sterben, nur wenn man ein Schild übersehen hat?"

Erst nach dem Unfall erfährt Cathrin P., dass an dem Tor, das man auf dem Weg zu dem Gleis passieren muss, ein Schild hängt, das darauf hinweist, dass der dahinterliegende Abschnitt nicht ohne Erlaubnis betreten werden darf. Doch dieses Tor habe offen gestanden, sagt Cathrin P. "Und wenn es offen steht, ist das Schild gar nicht wahrzunehmen." Und selbst wenn, müsse "es doch möglich sein, ein Schild zu übersehen, ohne dass man dafür gleich mit dem Leben bezahlt, oder etwa nicht?"

Detlef Schwarzer, Reporter des ARD-Magazins "Kontraste", sprach mit anderen Fahrgästen. Sie bestätigten, dass das Tor vor Carolines Tod immer offen stand, der Schnee nicht geräumt wurde, was für zusätzliche Hindernisse auf dem Bahnsteig sorgt, und es selten Durchsagen auf dem maroden Bahnhof gebe.

Auch an jenem Tag habe es keine Durchsagen gegeben, behauptet Cathrin P. Warum wurde die Verspätung von Carolines Zug nicht durch Lautsprecher bekannt gegeben? Woher hätte das Mädchen wissen sollen, dass der heranrasende Regionalexpress nicht ihrer ist, sondern mit voller Geschwindigkeit durchrast? Hätte Caroline überlebt, wenn auf dem Bahnsteig Schnee und Eis geräumt worden wären?

Bislang gibt es keinerlei Hinweise, dass sich Caroline falsch verhalten hat. Das Mädchen hatte nicht mal die Kopfhörer seines MP3-Players auf. "Die steckten ordentlich ineinandergerollt in einem Seitenfach ihrer Tasche", sagt Cathrin P., die Sorge hat, dass die Bahn den Sachverhalt so darstellen wird, als ob Caroline eine Mitschuld am Unfall trägt.

Dürfen sich an solch einem Bahnhof Züge kreuzen?

Das Mädchen habe weder Alkohol noch Drogen konsumiert. "Und sie hat sich auch sicher nicht das Leben nehmen wollen und ist freiwillig vor den einfahrenden Zug gesprungen", betont Cathrin P. "Bis heute habe ich nichts von der Bahn gehört, kein Brief, kein Anruf - nichts. Auch nicht, dass sie sich um die Aufklärung des Falles bemühen."

Cathrin P. ist davon überzeugt: "Meine Tochter könnte heute noch leben, wenn die Missstände auf diesem Bahnhof nicht existiert hätten. Ich will, dass der Schuldige vor Gericht kommt und Verantwortung dafür übernimmt, was geschehen ist - auch um vielleicht anderen Menschen das Leben zu retten."

Carolines Eltern haben viele Fragen, zum Beispiel:

  • Ist es überhaupt erlaubt, dass sich zwei Züge mit solcher Geschwindigkeit an einem Bahnhof kreuzen?
  • Warum gibt die Bahn Milliarden für Projekte wie "Stuttgart 21" aus, spart aber an baufälligen Bahnstationen in der Provinz?

Die Deutsche Bahn wollte sich wegen der laufenden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen nicht zu dem Fall äußern. Die Eisenbahnunfalluntersuchungsstelle des Bundes sei eingeschaltet, hieß es. Viele Bahnhöfe in Deutschland seien in baufälligem, unzumutbarem Zustand, sagt ein Sprecher vom Fahrgastverband "Pro Bahn". "Wir brauchen eine deutliche Verbesserung der Bahnhofssituation in Deutschland."

Seit Carolines Tod ist das Tor am Bahnhof Wünsdorf vorschriftsmäßig verschlossen. Bahnmitarbeiter begleiten die Fahrgäste persönlich bis zum Zug, Durchsagen erfolgen nun im Minutentakt.

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1. Ice
Bre-Men, 14.01.2011
Wahrscheinlich kommt jetzt erstmal von der Bahn, dass der Bahnsteig ja noch von Honecker gebaut worden ist.
2. Wer das Thema Schneeräumen auf Bahnsteigen gesehen hat
jocurt1 14.01.2011
Zitat von sysopCaroline aus Berlin wartet am Bahnhof Wünsdorf auf ihren Regionalexpress. Als sich zwei Züge an dem schmalen Bahnsteig kreuzen, erschrickt die 15-Jährige offenbar, schwankt, stürzt - und kommt ums Leben. Ihre Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,739525,00.html
[QUOTE=sysop;6965173]Caroline aus Berlin wartet am Bahnhof Wünsdorf auf ihren Regionalexpress. Als sich zwei Züge an dem schmalen Bahnsteig kreuzen, erschrickt die 15-Jährige offenbar, schwankt, stürzt - und kommt ums Leben. Ihre Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,739525,00.html[/QUOTE das von irgendwelchen Sub-Sub-Sub Firmen eher nicht ausgführt wird, kann nur den Lebenserhaltungstrieb der Fahrgäste bewundern. Antwort des Abfertigungspersonals: das geht nich nichts an, dafür bin ich nicht zuständig, das habe ich gemeldet. Ich "bewundere" diese Damen und Herren, denn der Staatsanwalt greift sich erfahrungsgemäß immer erst die Kleinen.
3. Zweifel
Rübezahl 14.01.2011
Zitat von sysopCaroline aus Berlin wartet am Bahnhof Wünsdorf auf ihren Regionalexpress. Als sich zwei Züge an dem schmalen Bahnsteig kreuzen, erschrickt die 15-Jährige offenbar, schwankt, stürzt - und kommt ums Leben. Ihre Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,739525,00.html
Ob das Thema ob seiner Schrecklichkeit und dem damit verbundenen Leid der Eltern geeignet ist es öffentlich abzuhandeln ?
4. Noch ein paar Fakten
Robert Rostock, 14.01.2011
Zitat von sysopCaroline aus Berlin wartet am Bahnhof Wünsdorf auf ihren Regionalexpress. Als sich zwei Züge an dem schmalen Bahnsteig kreuzen, erschrickt die 15-Jährige offenbar, schwankt, stürzt - und kommt ums Leben. Ihre Mutter erhebt nun schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Bahn. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,739525,00.html
Die Gefahrenstelle hätte schon lange beseitigt sein können. Für den Bahnhof Wünsdorf gibt es seit Jahren fertige Umbaupläne, mit denen diese Gefahrenstelle beseitigt würde. Nur wurden diese von der Bahn und dem Bund zurückgestellt. Der Bahnhof liegt an der Strecke Berlin-Dresden, die auf 160 bis 200 km/h ausgebaut werden soll und zum Teil schon ist. Aber im Jahr 2003 wurde mit dem "Koch-Steinbrück-Paket" der Ausbau erst einmal gestoppt. Und eine andere Geschichte, die ich mindestens ebenso skandalös finde (ein Tipp an den SPON zu recherchieren): Im Jahr 2009 wurde das Konjunkturpaket II beschlossen, in dem auch Investitionen bei der Bahn enthalten waren. Diese sollten explizit in die Modernisierung von Bahnhöfen fließen. Und was macht die DB (konkret die DB Station & Service): Sie steckt das Geld nicht etwa in solche maroden und gefährlichen Bahnhöfe wie Wünsdorf, sondern in durchaus vorzeigbare, in gutem Zustand befindliche Bahnhöfe wie Berlin-Ostbahnhof und Berlin-Friedrichstraße (letzter großer Umbau jeweils Mitte der 90er), die mit den Umbauten eher verschlimmbessert wurde (z.B. neue Anzeigetafeln an Stellen, wo sie niemand findet). Unfassbar. Und deshalb musste nun ein Mädchen sterben. Mal ganz abgesehen davon, dass die auch schon zum Unfallzeitpunkt gültigen Sicherheitsmaßnahmen (Tür zum Bahnsteig erst öffnen, wenn der Zug da ist) auch bitteschön eingehalten und durchgesetzt werden müssen.
5. Tragisch und traurig
mats123 14.01.2011
Die Suche nach einem Schuldigen ist nur allzu menschlich. Ein so schmaler Bahnsteig, wo auf beiden Seiten jeweils ein Zug mit 120 km/h durchrast, ist schon heftig. Da muss man erwarten können, dass die Bahn das absichert. Aber: Selbst wenn es abgesichert gewesen wäre: Es laufen so viele Idioten herum, die Schilder zerstören, Zäune eintreten, alles beschmieren, ihren Müll überall hinschmeißen usw. usw. Eine 100%ige Sicherheit kann es daher heute gar nicht mehr geben. Und das gefährlichste am Bahnfahren ist wohl weiterhin der Weg zum Bahnhof, sei es durch Raser oder durch krebserregende Diesel-Fahrer.
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