Bandenkrieg: Berliner Polizei befürchtet Rocker-Racheakt

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Michael B. verblutete auf offener Straße: Der 33-Jährige gehörte zur Berliner Rockerszene - und fiel womöglich dem Bandenkrieg zwischen Hells Angels und Bandidos zum Opfer. Er soll versucht haben, die Seiten zu wechseln. Die Polizei wappnet sich jetzt gegen einen Racheakt aus dem Milieu.

Hamburg - Blut klebt noch immer auf dem Asphalt der Ernst-Barlach-Straße im Berliner Bezirk Lichtenberg. Über diese von Plattenbauten gesäumte Straße im östlichen Ortsteil Hohenschönhausen schleppte sich Michael B. schwer verletzt 200 Meter weit, dann brach er zusammen - angeschossen von Unbekannten in der Nacht zum Freitag.

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Tod auf offener Straße: Michael B. verblutete nach einem Anschlag

Ermittler des Landeskriminalamtes schließen nicht aus, dass auf den 33-Jährigen aus einem fahrenden Auto heraus geschossen wurde. Eine Kugel traf den kräftigen, tätowierten Mann in die Brust. Zudem wies er einen tiefen Stich im Oberschenkel auf, der eine Arterie verletzte. Beide Wunden waren tödlich.

Passanten wollen auf der Straße zuerst einen lautstarken Streit gehört und zudem einen dunklen Lieferwagen beobachtet haben, aus dem kurz vor Mitternacht mehrmals geschossen wurde. Um 23.58 Uhr gingen bei Polizei und Feuerwehr Notrufe ein.

Beamte des Polizeiabschnitts 61 fanden kurze Zeit später den schwerverletzten Michael B. in der Egon-Erwin-Kisch-Straße bewusstlos auf dem Bürgersteig vor dem Wohnhaus, in dem er gemeldet war. "Der Mann ist verblutet", sagt Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, SPIEGEL ONLINE. Trotz sofortiger Reanimationsversuche erlag Michael B. noch im Notarztwagen seinen schweren Verletzungen.

"Der 33-Jährige ist der Polizei seit vielen Jahren aus dem Umfeld des Rockermilieus bekannt", sagte Berit Königsmann, Sprecherin der Berliner Polizei, SPIEGEL ONLINE. Ob der Mord auf eine Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Rockerbanden zurückzuführen ist, sei daher Gegenstand der Ermittlungen. Es werde "umfangreich in der Rockerszene" ermittelt.

"Eine Mordkommission sowie Spezialisten für Organisierte Kriminalität des Landeskriminalamts haben die Untersuchung übernommen. Konkrete Hinweise auf den oder die Täter oder etwaige Tatmotive liegen derzeit noch nicht vor." Wie viele Schüsse abgefeuert wurden und ob die Täter eine Pistole oder ein Gewehr benutzten, wollten die Ermittler nicht sagen.

Michael B. sei wegen Nötigung vor wenigen Monaten vom Amtsgericht Tiergarten in erster Instanz zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden, so Justizsprecher Steltner. Grund dafür waren Streitigkeiten im Mai 2007, als B. noch aktives Mitglied der Hells Angels war. Möglicherweise seien die Hintergründe des aktuellen Falls erneut in diesem Milieu zu finden, wo es zwischen rivalisierenden Banden immer wieder zu blutigen Attacken kommt.

Wurde Michael B. getötet, weil er die Fronten wechselte?

Michael B. soll sich aus seinem alten Rockerclub gelöst und die Fronten gewechselt haben. "Es gibt Hinweise darauf, dass er zuletzt bei den Bandidos Anschluss gefunden haben soll", kommentierte ein Ermittler einen entsprechenden Bericht der "Berliner Morgenpost". Bei B. handele es sich "um eine Person, die sich in den letzten Wochen zwischen den Welten der Rockerorganisationen hin- und herbewegte", sagte Kriminaldirektor Bernd Finger, beim LKA Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität.

War der tödliche Anschlag also ein Racheakt? Eine Art Bestrafung eines Verräters? Etwa ein Auftragsmord? "Bisher wäre jede Äußerung unsererseits dazu reine Spekulation", sagte Polizeisprecherin Königsmann. Zur Rekonstruktion des genauen Tathergangs und der Spurensicherung sei der Bereich noch immer weiträumig abgesperrt worden.

Zudem habe sich die Polizei für den Fall von Racheakten gerüstet. Es werde in den kommenden Tagen und Nächten vor Vereinsheimen und anderen Treffpunkten der Rockerbanden Kontrollen geben.

In der Vergangenheit war es in Berlin und Brandenburg immer wieder zu blutigen Fehden zwischen den konkurrierenden Clubs Hells Angels und Bandidos gekommen, die beide der Organisierten Kriminalität zugerechnet werden. Michael B. ist der erste Tote in dieser Auseinandersetzung in der Region. Dem Konflikt zwischen den weltweit agierenden Motorradgangs liegen massive Expansionsbestrebungen beider Vereinigungen in Ostdeutschland zugrunde. Es geht vor allem um die Vorherrschaft beim illegalen Handel mit Drogen und Waffen sowie um Prostitution.

Kriminaldirektor Finger sprach von einer "Zuspitzung der Rockerkriminalität in den letzten Monaten" - gerade im Raum Berlin, wo es der Polizei zufolge 30 Rockerclubs mit rund 650 Mitgliedern gibt. So war es vor rund zwei Wochen in Potsdam zu einer Schießerei mit drei Verletzten zwischen Anhängern der Hells Angels und des verfeindeten Gremium Motorrad-Clubs (MC) gekommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit wegen versuchten Totschlags.

Die Sicherheitsbehörden in Brandenburg kündigten nun an, ihren Kampf gegen diese Art von Milieukriminalität zu verstärken.

Vor allem die Hells Angels und die Bandidos schreckten vor Schusswaffengebrauch nicht zurück, sagte der Vorsitzende des BDK in Brandenburg und Berlin, Rolf Kaßauer. "Es war nur eine Frage der Zeit, wann es einen Toten in Berlin geben wird, denn auch Berlin ist eine Hochburg für Rockergruppierungen beworden."

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