Marseille: Bandenkrieg in der Kulturhauptstadt

Marseille: Blutige Rache in der Hafenmetropole Fotos
AFP

Marseille will als europäische Kulturhauptstadt Touristen anlocken. Doch ein Bandenkrieg stört die erhoffte Idylle: Immer wieder erschüttern Angriffe und Schießereien die Hafenmetropole. Vier Menschen sind in zwei Wochen gestorben, jetzt ist eine verkohlte Leiche gefunden worden.

Paris - Drogen, Gewalt und Armut sollten kein Thema mehr sein. Als europäische Kulturhauptstadt 2013 wollte Marseille sein Image aufpolieren. Die Metropole am Mittelmeer preist spektakuläre Neubauten, spannende Kunst-Ausstellungen und Theater-Projekte und brüstet sich damit, "eine der ältesten aber auch dynamischsten" Städte Frankreichs zu sein.

Doch schwerbewaffnete Banden haben in den vergangenen Tagen immer wieder die Region um Marseille terrorisiert. Am Samstag wurde eine verkohlte Leiche auf dem Beifahrersitz eines ausgebrannten Autos gefunden. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft war das Opfer zunächst erschossen worden, bevor der Wagen angezündet wurde.

Immer wieder erschüttern Anschläge und Schießereien auf offener Straße den Großraum. Der jüngste Fall ist bereits die vierte Abrechnung in rund zwei Wochen - vermutlich ein Krieg unter Drogenbanden. Die europäische Kulturhauptstadt ist noch immer Gangsterhochburg. "Marseille scheint immer stärker in eine Spirale der Gewalt gesogen zu werden", schreibt die regionale Zeitung "La Provence".

Erst am Morgen des 13. März eröffneten vermummte Täter das Feuer auf drei 21-jährige Männer: zwei von ihnen wurden erschossen, ein weiterer kam mit Schüssen in Hals und Unterleib schwer verletzt ins Krankenhaus. In der Woche zuvor wurde in der Stadt ein Mann erschossen, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Regionale Medien berichten von "Schießereien à la Kalaschnikow". Das russische Sturmgewehr ist beliebt bei den Marseiller Banden. Eine AK-47 soll es in einschlägigen Kreisen schon für ein paar hundert Euro geben.

Betroffen von der Kriminalität sind vor allem ärmere, von Arbeitslosigkeit geprägte Viertel. "Wir tappen im Dunklen, es ist beängstigend", sagt Bezirksbürgermeister Garo Hovsepian. In seinen Arrondissements, dem 13. und 14. Bezirk von Marseille, konzentriert sich die jüngste Serie von Anschlägen. Erstmals, so Hovsepian, werde er von Einwohnern angesprochen, ob Polizeiwagen im Quartier stehen könnten.

"Retten wir unsere Kinder"

Die Mütter in den Vierteln organisieren sich nun. Sie wollen laut "La Provence" in den kommenden Tagen gegen die Gewalt demonstrieren. "Retten wir unsere Kinder!", fordern sie.

Denn die Einwohner - und die Behörden - glauben, dass es weitere blutige Vergeltungsakte geben wird. Frankreichs Innenminister Manuel Valls nannte die Taten nach dem jüngsten Fall "unerträglich". Es gebe Verbrecher, die im Kampf um Einfluss und Drogenhandel nicht zögerten zu töten.

Die Regierung hatte erst in der vergangenen Woche nach einem Anschlag erneut 240 Polizisten zur Verstärkung nach Marseille geschickt. Bereits 2012 waren die Sicherheitskräfte wegen der Anschläge verstärkt worden. Im vergangenen Jahr kamen in der Region 24 Menschen ums Leben.

Auch verkohlte Leichen wurden in den vergangenen Jahren immer wieder in Marseille gefunden. Der inzwischen ebenfalls getötete Gangsterboss Farid Berrhama war für solche Taten bekannt, so sollte die Identifizierung von Opfern erschwert werden. Das grausame Vorgehen brachte ihm den Beinamen "der Röster" ein.

kgp/dpa/AFP

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