Bandenkrieg in Deutschland Das brutale Geschäft der Rocker

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2. Teil: "Geld, Gebiete, Macht"


In einem Mordprozess vor dem Landgericht Münster enthüllte ein Aussteiger Anfang des Jahres Details aus dem Innenleben der Bandidos. Rolf D. zeichnete in seiner Aussage das Bild einer kriminellen Bande mit kleinbürgerlichen Zügen. Demnach zahlten die Rocker aus Münster eine monatliche Mitgliedsgebühr von 110 Euro, die teilweise sogar per Lastschriftverfahren auf ein Gemeinschaftskonto bei der Sparkasse Greven ging.

Daneben gab es laut D. jedoch eine sogenannte "Tomatenkasse" des "Chapters", in die "sämtliche Gelder aus den Geschäften mit Koks, Waffen und Frauen" eingezahlt worden seien. Im Mai 2007 hätten sich darin etwa 65.000 Euro befunden.

Freimütig plauderte D. auch über die Maschinenpistolen, Handgranaten und abgesägten Schrotflinten der Bandidos. "Ich kannte keinen, der keine Waffe hatte", so D. Einmal sei den Rockern sogar eine Panzerfaust zum Kauf angeboten worden, doch "es gab hier niemanden, der sich damit auskennt".

In den ständigen Auseinandersetzungen mit den Hells Angels, die im Mai 2007 schließlich in den Mord an dem Ibbenbürener Motorradhändler und "Höllenengel" Robert K., 47, mündeten, sei es um "Geld, Gebiete und Macht" gegangen, wie Zeuge D. sagte. Die Clubchefs hätten ihre Männer aus Gewinnsucht in erbarmungslose Auseinandersetzungen auf Leben und Tod getrieben. "Sie haben da mitzumachen. Da können sie nicht 'Nein' sagen", erklärte D. dem Gericht das unerbittliche Rockerprinzip von Befehl und Gehorsam: Widerspruch wird nicht geduldet.

Gesetz des Schweigens

Rolf D. ist ein seltener Fall, "ein Verräter", wie er selbst sagt, einer, der aus persönlicher Verzweiflung mit dem ehernen Rockergesetz gebrochen hat, niemals mit der Polizei zu sprechen. Zumeist aber haben selbst die Opfer der Banden noch so viel zu verlieren, dass sie lieber schweigen, als über ihre Peiniger auszupacken. "Es ist unheimlich schwer für uns, in der Szene zu ermitteln. Man kommt nur ganz langsam weiter", sagt ein Beamter.

Dabei markieren die Rocker ihre Reviere sehr unverhohlen: So erschien etwa in der August-Ausgabe 2007 des Szenemagazins "Biker News" folgende "Bekanntmachung": "In Oldenburg gibt es nur einen Club, der das Sagen hat und das ist der Bandidos MC Oldenburg! Alle Absprachen erfolgen nur über uns." Eine "Biker News"-Nummer später hatte die Konkurrenz kapituliert - und teilte das schriftlich mit. So viel Ordnung muss sein.

Besonders eindrucksvoll ist es auch dem Hannoverschen Angels-Anführer Frank H. in den vergangenen Jahren gelungen, nicht nur die Konkurrenz weg-, sondern sich auch in die besten Kreise vorzubeißen. Wenn der 1,96 Meter große glatzköpfige Hüne, vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung, etwa anlässlich seines Geburtstags einlädt, folgen einflussreiche Männer wie Staranwalt und Gerhard-Schröder-Intimus Götz von Fromberg dem Ruf des "Langen".

Auch andere Honoratioren zeigen sich öffentlich mit dem "Höllenengel", während bürgerliche Geschäftsleute die Durchsetzungsstärke des Ex-Boxers preisen, der den Kiez an der Leine, das Steintorviertel, angeblich befriedet habe.

Die großen Rockerklubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradklubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradklub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

Hannovers "Höllenengel"

Sogar die Lokalblätter setzen sich mit den Rockern ins Boot, eines entblödet sich nicht, ausgerechnet auch denjenigen Redakteur die "erstaunliche Resozialisierung" und "erfolgreiche Wiedereingliederung" des Frank H. preisen zu lassen, der nach Recherchen des Bremer "Weser-Kuriers" einem Kiezmagazin mit erheblicher Hells-Angels-Nähe zugearbeitet hat.

Die Rocker haben sich geschäftlich in Hannover gut eingerichtet. Angehörige der Hells Angels sind in unterschiedlichen Konstellationen nicht nur an Bordellen und Bars, sondern auch an einem Immobilienunternehmen, einer Getränkevertriebsgesellschaft und mehreren Sicherheitsfirmen beteiligt.

Bei Großveranstaltungen in Hannover sorgen daher nicht selten polizeibekannte Schläger für die "Sicherheit" der Besucher. Auch einer der Hooligans von Lens, die bei der Fußball-WM 1998 den französischen Polizisten Daniel Nivel zum Krüppel schlugen, hat nach dem Ende seiner Haft bei den Angels neue Aufgaben gefunden.

"Das geht zu weit"

Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts gehen Rockergruppierungen in Niedersachsen inzwischen "arbeitsteilig, gezielt und systematisch vor". Sie seien zum Teil wie Unternehmen aufgestellt und verfügten über "hochkarätige Anwälte, PR-Profis und weitere Spezialisten". Es liege die Vermutung nahe, dass "illegale Einnahmequellen durch legale Aktivitäten überdeckt werden".

Doch mit ihrem betriebswirtschaftlichen Erfolg geben sich die Rocker offenbar nicht zufrieden. Inzwischen beanspruchten die Angels quasi-staatliche Rechte für sich, berichtet ein örtlicher Unternehmer mit unverhohlenem Ärger in der Stimme.

Der Geschäftsmann wollte zu einem Fest im Steintorviertel einen Delikatessenstand aufbauen. Man habe ihm jedoch sehr klargemacht, dass er dazu nicht nur die Genehmigung der zuständigen Behörden brauche, sondern auch das Plazet des Rockerkönigs Frank H.

"Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich das hörte", so der Unternehmer. "Das geht endgültig zu weit."



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