Von Jörg Diehl, Düsseldorf
"Das könnte einer dieser Fälle sein", seufzt der Kriminalist und fügt nach einer Kunstpause hinzu: "Einer dieser Fälle, die nie geklärt werden."
Vor anderthalb Wochen starb der Bandido Hans B. im nordrhein-westfälischen Bottrop einen gewaltsamen Tod. Er hatte seine schwere Harley Davidson auf dem Seitenstreifen einer Landstraße "ordnungsgemäß abgestellt", wie ein Polizist später sagen wird, als gegen 7.45 Uhr ein Schuss durch die morgendliche Ruhe krachte. Das Projektil traf den 49-Jährigen, der eine Kutte des Chapters Dinslaken trug, in die Brust. Er starb wenig später an inneren Blutungen.
Bislang aber tappen die Ermittler im Dunkeln, sie können noch nicht einmal ausschließen, dass sich der Rocker selbst das Leben genommen hat. Wie aus vertraulichen Polizeiunterlagen ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") hervorgeht, fanden die Kriminaltechniker unmittelbar neben der Leiche einen Gasrevolver vom Typ Colt Single Action, dessen Lauf aufgebohrt worden war, um damit scharf schießen zu können. Darüber hinaus entdeckten die Beamten am Tatort vier Patronenhülsen, die aber nicht aus dieser Waffe abgefeuert worden waren.
Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen konnten die Fachleute der Spurensicherung zudem eine DNA-Spur des Getöteten an der Waffe feststellen. Auch fanden sie dort einen Fingerabdruck, der aber nicht ausgewertet werden konnte, weil er zu undeutlich war.
Telefonierte er mit seinem Mörder?
"Nach gegenwärtigem Stand der Ermittlungen", heißt es in dem Bericht der Polizei, "wurde der Getötete vor der Tat telefonierend im unmittelbaren Fundortbereich beobachtet." Ist das eine heiße Spur? Der zuständige Staatsanwalt teilt dazu auf Anfrage mit: "Bislang haben wir nicht rekonstruieren können, ob das Opfer tatsächlich noch mit dem Handy telefoniert hat."
Der verwitwete Hans B. war Elektriker bei einem großen Stromkonzern in Gelsenkirchen. Als sogenannter Road Captain des Bandido-Charters Dinslaken hatte er zwar eine gewisse Führungsfunktion in der Motorradgang inne - er war als solcher unter anderem für die Tourplanung des Clubs zuständig. Doch üblicherweise ist das kein Posten, den Schwerkriminelle anstreben, weil er bei ihren Geschäften hilfreich sein könnte. B. war nicht einmal vorbestraft.
"Ein ganz ruhiger Typ. Kein Zuhälter, keine große Nummer" sei "Hannes" gewesen, so formuliert es ein Bandidos-Sprecher: "Auch wir tappen im Dunkeln."
Die Ermittler spekulieren daher darüber, wer Grund gehabt haben könnte, den 49-Jährigen zu erschießen. Wie aus dem Polizeibericht hervorgeht, hatte B. sich eine Woche vor seinem Tod ein Motorrad angesehen, das er kaufen wollte. Angeblich für 20.000 Euro. Doch Hans B. entschied sich dagegen, weil er "der namentlich nicht bekannten, osteuropäischen Verkäuferseite nicht traute", wie ein Beamter notierte.
Es bleibt also nur der grundsätzliche Verdacht, auf den es bislang allerdings keinen konkreten Hinweis gibt. "Es ist davon auszugehen, dass Rivalitäten innerhalb der Szene als Ursache anzusehen sind", schreibt der Beamte und setzt in amtlich-nüchternen Worten hinzu: "Sollte sich dies bewahrheiten, sind gewalttätige Vergeltungsmaßnahmen nicht auszuschließen."
Zugleich teilten die Hells Angels am Freitag mit, dass sich ihr Bremer Ableger aufgelöst hat. Das Charter an der Weser war eines der größten in Europa, einer der Anführer des dortigen Clubs, Rudolf "Django" T., trat zugleich als Sprecher der Gang in Deutschland auf. Möglicherweise wollen die Rocker damit einem drohenden Verbotsverfahren zuvorkommen. Doch davon weiß T. angeblich nichts. "Wir haben einfach keinen Bock mehr auf das, was gerade abgeht", sagt er auf Anfrage.
"Django" gehört zu den dienstältesten Hells Angels in Deutschland - und war schon dabei, als Anfang der achtziger Jahre die Hamburger Höllenengel geschlossen wurden. Insofern verfügt er durchaus über eine gewisse Routine im Umgang mit Sanktionen des Rechtsstaats. Und natürlich kündigt er an: "Ich bleibe Hells Angel."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Justiz | RSS |
| alles zum Thema Bandidos | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH