Bandidos und Hells Angels: Friedensschluss der Kuschelrocker

Von , Hannover

Messerstechereien, Morde, Angriffe mit Handgranaten - das soll vorbei sein: In einer hannoverschen Anwaltskanzlei schließen die verfeindeten Rockerbanden Hells Angels und Bandidos Frieden - und geben sich plötzlich ganz zahm: "Wir müssen mehr miteinander reden."

DPA

Der Frieden kommt zu früh, er kann nicht warten. Die Journalisten drängeln. "Komm her, Peter", röhrt Hannovers mächtiger Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth um Viertel vor vier und greift nach der Hand des Mannes, der bis vor kurzem noch so etwas wie sein Todfeind war: Peter Maczollek, Vizepräsident der Bandidos in Europa, Statthalter in Deutschland.

Es bricht ein Blitzlichtgewitter los, als begegneten sich Staatsmänner. Kameraleute drängeln um den besten Platz in dem viel zu kleinen Raum, sie rufen: "Hierher Peter, hierher Frank!" Die Rockerbosse schauen verkniffen, streng, die Presse ist ihnen ein lästiges Übel, aber an diesem Mittwochnachmittag darf es, bitteschön, durchaus etwas Öffentlichkeit sein. Sie wollen ihre Botschaft verkünden.

Und so verliest der hannoversche Anwalt Götz von Fromberg, der Hanebuth seit Jahren vertritt, im Konferenzraum seiner Kanzlei die gemeinsame "Presseerklärung" der Hells Angels und Bandidos: "Beide Parteien haben vereinbart, zukünftig in friedlicher Koexistenz miteinander zu leben und sich gegenseitig zu respektieren und zu achten, ohne dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt."

Die Rocker-Rivalen hätten eingesehen, trägt Fromberg weiter vor, "dass das Verhalten einzelner Mitglieder in der Vergangenheit zur starken Verunsicherung der Bevölkerung und auch der ganzen Biker-Szene geführt hat". Es bestehe "berechtigte Hoffnung", dass der Konflikt nun beigelegt werden könne. Jeder Club wolle seine Mitglieder disziplinieren und Verstöße gegen den geltenden Frieden sanktionieren.

Bislang hatten sich die mächtigen Rockerbosse im Streitfalle zumeist auf die Position zurückgezogen, jeder Ortsverein agiere eigenständig. Das soll nun anders sein.

Schusswaffen, Messer, Handgranaten - damit soll jetzt Schluss sein

Man habe sich in den Verhandlungen in den vergangenen Wochen auf folgende Punkte verständigen können, verkündet Fromberg und lehnt sich genüsslich zurück. Abwechselnd tragen jetzt vier der insgesamt sechs Rocker-Repräsentanten vor, und es klingt ein bisschen wie Harte-Kerle-"Dingsda", als Hanebuth, Maczollek, Rudolf "Django" Triller und Leslav Hause verkünden:

• "Hells Angels gehen nicht in die Städte der Bandidos und umgekehrt."

• "Beide Clubs nehmen keine Member oder Ex-Member des jeweiligen anderen Clubs auf."

• Innerhalb eines Jahres würden die Clubs keine neuen Ableger gründen.

• "Nach Ablauf dieses Jahres werden Neugründungen nur nach Absprache beider Clubs durchgeführt. Es ist geplant, regelmäßige Gespräche zu führen, um Probleme zu verhindern. Probleme sollen regional gelöst werden."

Überhaupt: Die Rocker wollen sich jetzt angeblich viel intensiver austauschen, wie Hanebuth später noch einmal betont: "Wir müssen mehr miteinander reden." Ausgerechnet sie, die verbale Konfliktbewältigung bislang gerne als "Quatschi-Quatschi" abtaten und sich in den vergangenen Jahren einen ebenso blutigen wie erbarmungslosen Kampf geliefert hatten - ohne viele Worte.

Da wurden ihre "Brüder" auf offener Straße erschossen, da schlugen sie sich gegenseitig Beile oder Macheten in die Körper, stachen immer wieder mit Messern zu, warfen Handgranaten in feindliche Clubheime. "Turbulenzen" nennt Anwalt Fromberg das nun, "Revierkämpfe" hieß es die Polizei, und von "Krieg" sprachen Outlaws, wenn man ihnen versicherte, ihre Namen nicht zu veröffentlichen - und natürlich auch immer mehr Journalisten. Mancher Rocker bekannte deshalb freimütig, dass ihm die schlechte Presse der vergangenen Monate zunehmend auf die Nerven ging.

Mit ein bisschen Frieden soll auch die Polizei abgeblockt werden

"Wir haben keine Lust mehr, ständig und grundsätzlich als Kriminelle dargestellt zu werden", sagte Micha von den Bandidos vor einigen Wochen SPIEGEL ONLINE. "Das muss aufhören." Und so wollten die Gangs mit dem Friedensschluss nicht nur ihr Image aufpolieren, sondern sich wohl auch die bei schweren Gewaltdelikten anrückende Polizei vom Leib schaffen. Ein Kriminalist, seit Jahren mit der Szene befasst, sagte SPIEGEL ONLINE über die Verständigungsbereitschaft: "Die Rocker scheinen erkannt zu haben, dass sie sich in den fortwährenden Auseinandersetzungen aufzureiben drohten und ihnen immer weniger Gelegenheit blieb, Geld zu verdienen."

Jetzt also ist Frieden, vor geschätzt 40 Journalisten verkündet und per Handschlag besiegelt, ausgerechnet einen Tag bevor in Hamburg die Innenminister zusammenkommen, um unter anderem auch über ein bundesweites Verbot der Clubs zu diskutieren. "Das ist rein zufällig", behauptet Fromberg. In den Vereinen hört man jedoch Gegenteiliges: Man habe keine Angst, vor nichts und niemandem, sagen sie da, aber Sorge, ja schon.

Ohne seine Kutte, ohne seine Armee im Rücken wäre mancher Outlaw nur noch halb so bedrohlich - insofern ist Ruhe nun erste Rockerpflicht.

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann bezeichnete das Abkommen dennoch als "reines Medienspektakel". "Dies wird keine Auswirkungen haben auf polizeiliche und politische Maßnahmen", so der CDU-Politiker. Der Sprecher des Landeskriminalamts in Hannover, Falco Schleier, sagte SPIEGEL ONLINE, die Rocker wollten mit dem öffentlichen verkündeten Frieden die öffentliche Diskussion über ein Verbot beeinflussen. "Das nehmen wir zur Kenntnis."

Und die Harley-Liebhaber und Kuttenträger, wie ernst nehmen sie ihren Friedensschwur, den sie juristisch genau als "Abkommen zur Beilegung eines Konflikts" bezeichnen? "Wir haben früher schon zusammen gefeiert und kennen uns seit Jahren, warum sollte da wieder Stress entstehen?", fragt Hells Angel Hanebuth zurück. Und Bandido-Boss Maczollek sagt, vielleicht etwas weniger optimistisch als sein Ex-Rivale: "Ja, es wird wieder rappeln irgendwo, aber dann muss der Club denjenigen entsorgen."

Entsorgen?

"Ruhigstellen."

Ruhigstellen?

"Rausschmeißen!"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
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1. Beeindruckt
marvinw 27.05.2010
Ich bin ziemlich beeindruckt, denn ich kenne einige Leute von Hells Angels und so etwas habe ich nicht für möglich gehalten. Es gibt vielleicht nur 2 Foristen die eine Vorstellung davon haben was da läuft: der Unterschied zwischen einem Büro-Weichei mit Internetzugang und einem harten Jungen der es mal einfach so mit 5 Polizisten aufnimmt ist gewaltigt, glaubt mir.
2. Absurdistan
hook123 27.05.2010
Ein schönes Beispiel dafür wie abgeritten Deutschland ist. Während der normale Durchschnittsbürger sich fortlaufend steigender Überwachung gegenübersieht, gerieren sich offenkundig kriminelle Vereinigungen pressewirksam als Staaten im Staat und stecken in aller Öffentlichkeit ihre Einflußbereiche ab. Kritische Berichterstattung in der Presse? Fehlanzeige. Aktivitäten der Strafverfolgungsbehörden und der Polizei? Fehlanzeige. Offensichtlich ist der Staat schon soweit geschwächt, dass er das organisierte Verbrechen so unverblümt auftreten läßt. Auch aus der Politik, die sich sonst über jeden Überfall auf einem S-Bahn-Bahnhof öffentlichkeitswirksam empört ist in Anbetracht von massiver organisierter Kriminalität auffallend nichts zu hören. Man stelle sich vor, zwei Mafiafamilien würden derartig öffentlich ihre Claims abstecken und in der Öffentlichkeit würde dies dargestellt, als verhandeln zwei Länder ein bilaterales Abkommen. Es wird höchste Zeit, dass Staat und Politik im Zusammenhang mit diesem Kuttenabschaum endlich aktiv werden und mal für klare Verhältnisse sorgen, wenn das nicht möglich sein sollte, dann werden wir uns wohl daran gewöhnen müssen, das asoziale Subjekte wie die HA zukünftig schalten und walten wie sie wollen, da sie ja von niemandem in die Schranken gewiesen werden. Diesen abgewrackten Typen unter dem Deckmäntelchen des motorradfahrenden Dickenmachers muß endlich der Hahn abgedreht werden. Allein das Vereinrecht böte hierfür genug Möglichkeiten.
3. Eine gute Entscheidung
Pnin_ 27.05.2010
Dies ist eine gute Entscheidung. Rocker, Prostitution und Drogenhandel wird es immer geben. Deswegen ist ein Verbot der Vereine Unsinn. Mir ist es in dem Fall lieber, wenn die Kriminalitaet in vorwiegend deutscher Rockerhand bleibt, als dass menschenverachtende albanische Kriminelle unser Land komplett uebernehmen.
4. Immer derselbe Ablauf bei diesen Themen:
Currywurst 27.05.2010
Zitat von marvinw...einem harten Jungen der es mal einfach so mit 5 Polizisten aufnimmt ist gewaltigt...
Asoziale Kriminelle werden in diesem Forum von einigen Teilnehmern zunächst heroisiert... ...und anschließend noch ausländerfeindlicher Blödsinn dahergelabert.
5. Patriot ;-)
hook123 27.05.2010
Zitat von Pnin_Mir ist es in dem Fall lieber, wenn die Kriminalitaet in vorwiegend deutscher Rockerhand bleibt, als dass menschenverachtende albanische Kriminelle unser Land komplett uebernehmen.
Was daran an der Kriminalität von dicken deutschen Motorradfahrern besser sein soll müssen Sie mal näher erläutern. Kriminalität ist Kriminalität. Ob ein Albaner jemanden umbringt oder ein steroidgeschwängerter Lederwestenträger dürfte dem Opfer wohl ziemlich schnuppe sein. Entsprechendes gilt auch für die Nutten, der ist es auch egal, ob sich ihr Zuhälter von dem ihr abgenommenen Geld eine tiefergelegte S-Klasse oder ein hässliches amerikanisches Motorrad kauft. Und auch für den Drogenabhängigen dürften andere Parameter ausschlaggebend sein, als die Nationalität des Dealers. Das Gesetz macht da Gott sei Dank keinen Unterschied. Wichtig ist in jedem Fall, dass diesen Pennern der Saft abgeklemmt wird und sie bei ihren Geschäften massiv behindert werden.
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Rocker in Deutschland: Hart und wenig herzlich

Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.