Musiker in Mexikos Drogenkrieg: Spiel mir das Lied vom Tod

Von , Mexiko-Stadt

Mexikos Musiker im Drogenkrieg: Von Bands und Banden Fotos
REUTERS

Es ist die wohl gefährlichste Kultur-Errungenschaft Mexikos: Die sogenannten Narcocorridos sind Balladen, Hohelieder auf die Drogenbosse. Die Interpreten stehen mit einem Bein auf der Bühne - und mit dem anderen im Grab.

Am Tatort blieb nicht viel mehr zurück als die Zeichen des überstürzten Endes einer Party. Halbvolle Bierflaschen auf den Tischen, zerbrochene Gläser auf dem Boden; dazwischen Patronenhülsen und Blätter aus dem Liederbuch. Ein paar Instrumente standen noch auf der Bühne. Es sei ein fröhliches Fest gewesen, sagten Gäste später über diesen Abend Ende Januar in der Bar La Carreta, 40 Kilometer nördlich der mexikanischen Wirtschaftsmetropole Monterrey. Ein fröhliches Fest, das tragisch endete.

Die Band Kombo Kolombia unterhielt 50 Gäste mit schwungvollen Vallenato- und Cumbia-Rhythmen. Kurz nach Mitternacht, so rekonstruieren die Ermittler, fährt ein bewaffnetes Kommando in mehreren Geländewagen vor, unterbricht die Party mit Schüssen in die Luft, nimmt den Gästen Wertgegenstände ab und zerrt 14 Musiker und drei Helfer aus dem Lokal. Sie zwingen ihre Opfer in die Fahrzeuge und rasen davon. Nur ein Band-Mitglied kann fliehen. Drei Tage später findet die Polizei die Entführten tot im Brunnen einer verlassenen Ranch am Rande einer Landstraße.

Die Straße gilt als Kampfzone der beiden rivalisierenden Drogenmafias "Zetas" und "Golf-Kartell", die im Nordosten Mexikos um die Rauschgiftrouten ringen. Die Mörder folterten ihre Opfer und töteten sie dann mit einem aufgesetzten Schuss in die Schläfe, einem Gnadenschuss.

Mafia und Musik

Die Mexikaner haben sich daran gewöhnen müssen, dass im Drogenkrieg nicht mehr nur Polizisten, Soldaten oder Pistoleros sterben. Auf der Strecke bleiben Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Seit 2006 sind 20 Künstler von mutmaßlichen Killern der Kartelle getötet worden - die Band Kombo Kolombia nicht mitgezählt. Die meisten Opfer waren Interpreten sogenannter Narcocorridos, der wohl gefährlichsten Kultur-Errungenschaft Mexikos.

Narcocorridos sind Balladen, Hohelieder auf die Drogenbosse. Moritaten über den Alltag des Schmuggels, in denen Verbrecher zu Heroen aufsteigen und weggeblasene Köpfe gefeiert werden. Die Interpreten, oft Milchbubis mit Paillettenhemd und Cowboy-Hut, stehen immer mit einem Bein auf der Bühne und mit dem anderen im Grab. Zunehmend trifft es auch Künstler anderer Stilrichtungen.

Das Massaker an Kombo Kolombia wirft ein Licht auf die Verbindung von Musik und Mafia. Denn für Bands wird es zunehmend schwer, im Schatten der Kartelle Musik zu machen. Die Kneipen, in denen sie auftreten, werden von Banden kontrolliert. "Du hast als Künstler keine Chance", sagt ein Agent. "Oft wissen die Musiker gar nicht, wer sie unter Vertrag nimmt. Ein Nein gibt es im Vokabular der Narcos nicht."

Kombo Kolombia sangen keine Narcocorridos, aber sie waren vor allem im "Zeta"-Land unterwegs. Sie spielten in Clubs, in denen das Kartell Drogen verkauft, und Presseberichten zufolge wurden die Musiker auch für private Veranstaltungen von Gangstergrößen angeheuert. Die Folge waren Drohungen.

Unheilvolle Allianz

Die Verbindung zwischen Kartellen und Kunst ist in Mexiko so alt wie der Drogenhandel. Die Narcocorridos begleiten das Leben der großen Drogenhändler seit mehr als 30 Jahren. Sie sind ein Hybrid aus urmexikanischen Zutaten und dem Erbe europäischer Einwanderer. "Narco" ist im Spanischen Chiffre für alles, was mit Drogen zu tun hat. Corridos sind traditionelle mexikanische Balladen, die ihren Ursprung in spanischen Romanzen aus dem 18. Jahrhundert haben. Musikalisch unterlegt wird alles mit Tuba- und Akkordeon-lastigen Melodien der Polka.

In Mexiko werden die Kartelle nicht nur geächtet, sondern auch geachtet. Die arme Bevölkerung sieht in den Gesetzlosen Vorbilder; ihre Karrieren sind für viele das einzige Modell sozialen Aufstiegs. "Sie nehmen sich, was sie wollen. Geld, Frauen, Macht und eben auch Musik", sagt der Schriftsteller Élmer Mendoza.

In den achtziger Jahren trugen die rivalisierenden Kartelle von Juárez und Tijuana ihre Kämpfe auch über die Musik aus. Corridos verherrlichten ihre Schlachten. Amado Carillo Fuentes, Gründer des Juárez-Kartells, ließ die Musiker auf seinen Partys auftreten und zahlte mit Geld, Autos, Drogen. So entstanden Abhängigkeiten zwischen Bands und Banditen.

In den neunziger Jahren wurden die Narcocorridos zu einem Lebensgefühl, wie es Élmer Mendoza nennt. Die Bands füllten Konzertsäle, Corridos zu hören war hip, die Lieder liefen im Radio. 8000 Bands soll es mittlerweile geben, die Sänger wurden reich. Die Namen der Großen im Business kennt fast jeder.

Der erste, der Narcocorridos gesungen und es mit dem Leben bezahlt hat, war Rosalino "Chalino" Sánchez. Seine Stimme klang wie eine Kreissäge, kein Konzert bestritt er ohne Waffe im Halfter. Chalino war der erste, der die Heldentaten der lebenden Narcos besang und nicht nur die der Toten. Während eines Konzerts in Culiacán erhielt er eine schriftliche Todesdrohung. Am übernächsten Morgen, dem 16. Mai 1992, endete Chalinos Karriere mit zwei Löchern im Hinterkopf in einem Abwasserkanal. Er wurde 31 Jahre alt.

Die Mörder wurden nie gefasst. Dabei weiß jeder, wo sie zu suchen sind: im Milieu, über das in den Narcocorridos gesungen wird. Es genügt, die Eitelkeiten eines rivalisierenden Kartells zu verletzen; ein Drogenboss, dem eine Textzeile oder eine Melodie nicht gefällt.

Erste Hinweise auf die Ursache des Massakers an den Musikern von Kombo Kolombia präsentierten die Ermittler zwei Wochen nach der Tat: "Es waren wohl die Zetas selbst", sagte der Sicherheitssprecher vom Bundesstaat Nuevo León, Jorge Domene. Das Kartell störte sich offenbar daran, dass die Band immer mal wieder auf Privatpartys spielte, die von Ex-Mitgliedern der Zetas veranstaltet wurden. Ausrichter des Festes in der Bar "La Carreta" war angeblich ein Ex-Zeta, der zu den Todfeinden des Golf-Kartells übergelaufen war.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Freigabe jetzt!
Alex Monthy 26.02.2013
Wieder ein gutes Argument mehr für die Freigabe des Drogenkonsums. Diese Bürgerkriege und Massenmorde sind nur möglich, weil sie mit den wahnwitzigen Gewinnspannen der Branche finanziert werden, die sich bei einer Freigabe des Handels in Luft auflösen würden.
2. .
frubi 26.02.2013
Zitat von sysopREUTERSEs ist die wohl gefährlichste Kultur-Errungenschaft Mexikos: Die sogenannten Narcocorridos sind Balladen, Hohelieder auf die Drogenbosse. Die Interpreten stehen mit einem Bein auf der Bühne - und mit dem anderen im Grab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bands-und-banden-in-mexikos-drogenkrieg-spiel-mir-das-lied-vom-tod-a-881654.html
Es mag pervers klingen aber nach dem SOng "Negro y azul" aus Breaking Bad bin ich Fan dieser Musikrichtung. Natürlich sehe ich, dass die mexikanische Gesellschaft ein heftiges Problem mit Morden und Ganggewalt hat aber die Musik ist 1ste Sahne.
3. Welche von den Bands ...
sltgroove 26.02.2013
... spielten beim HSBC, Barclays, Citi oder Bank Of America parties ?
4. USA größter "Waffenlieferant" für Drogenkartelle
winni1234 26.02.2013
Zitat von sysopREUTERSEs ist die wohl gefährlichste Kultur-Errungenschaft Mexikos: Die sogenannten Narcocorridos sind Balladen, Hohelieder auf die Drogenbosse. Die Interpreten stehen mit einem Bein auf der Bühne - und mit dem anderen im Grab. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/bands-und-banden-in-mexikos-drogenkrieg-spiel-mir-das-lied-vom-tod-a-881654.html
Gemäß einem Bericht der NZZ versorgen sich die mexikanischen Drogenkartelle und andere Kriminelle in Mexiko vor allem mit Waffen aus den USA: Mexikanische Kriminelle bedienen sich weiterhin mit Vorliebe im "Waffen-Supermarkt" USA. Die Behörden stellten in fünf Jahren fast 70 000 Schusswaffen amerikanischer Herkunft sicher. Seit Jahren beklagen sich die Mexikaner beim großen Nachbarn darüber, dass ihre Kriminellen - unter ihnen die gefürchteten Drogenkartelle - die Vereinigten Staaten mit ihren laschen Waffengesetzen gleichsam als Selbstbedienungs-Supermarkt für ihren Waffennachschub benutzen. Die USA grösster «Waffenlieferant» für Kartelle in Mexiko - NZZ.ch, 28.04.2012 (http://www.nzz.ch/aktuell/international/die-usa-groesster-waffenlieferant-fuer-kartelle-in-mexiko-1.16659706)
5. legalize it!
mangelaerkel 26.02.2013
aber bisher gibt es keine Wählermehrheiten dafür und so lange trauen sich Politiker nicht auf dieses schmale Brett und außerdem verdienen viel zu viele der Oberen mit!
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Bevölkerung: 113,423 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

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Mexikos Kartelle
Sinaloa-Kartell
Das Sinaloa-Kartell ist eine der mächtigsten Organisationen in Mexiko und Lateinamerika. Sie kämpft erbittert gegen das Juárez-Kartell, um die Kontrolle über die Grenzstadt Ciudad Juárez zu den USA zu übernehmen. Legendäre Führungsfigur ist Joaquín Guzmán, genannt "El Chapo", dem 2001 die Flucht aus einem Hochsicherheitsgefängnis gelang und der es vergangenes Jahr mit seinem Milliardenvermögen auf Platz 41 der 67 "mächtigsten Menschen der Welt" des US-Magazins "Forbes" schaffte. Nachdem er 13 Jahre im Untergrund lebte, konnte "El Chapo" im Februar 2014 von der mexikanischen Polizei geschnappt werden.
Golf-Kartell
Das berüchtigte Golf-Kartell aus dem Bundesstaat Tamaulipas war einst die mächtigste kriminelle Organisation Mexikos, ist nun durch die Abspaltung der Zeta-Bande geschwächt. Außerdem wurden zahlreiche Mitglieder festgenommen.
Los Zetas
Los Zetas ist eine der mächtigsten und brutalsten Organisationen. Sie ist an der mexikanischen Golfküste aktiv und soll für viele Hunderte Tote verantwortlich sein. Sie besteht aus ehemaligen Drogenbekämpfern der Polizei und des Militärs, die zunächst zum Golf-Kartell überliefen und dann ihr eigenes Kartell gründeten. Sie befinden sich in einem blutigen Machtkampf gegen das Golf- und Sinaloa-Kartell und La Familia.
Juárez-Kartell
Das Juárez-Kartell aus der gleichnamigen Stadt im Bundesstaat Chihuahua firmiert auch unter dem Namen "Allianz des goldenen Dreiecks". Es wurde 1997 gegründet und hat wegen der andauernden Kämpfe gegen das Sinaloa-Kartell in den vergangenen Jahren stark an Einfluss verloren.
Tijuana-Kartell
Das Tijuana-Kartell im äußersten Nordwesten Mexikos ist dafür bekannt, ausgezeichnete Kontakte zu hochrangigen Vertretern von Sicherheitskräften und Justiz zu pflegen. Es wurde 1989 von der Familie Arellano Felix gegründet. Nun kämpft die Organisation um die Kontrolle in Tijuana. Die Führung ist geschwächt, 2008 spaltete sich die Organisation in zwei Flügel. Einer der Chefs, Eduardo Teodoro García Simental alias "El Teo", wurde im Januar gefasst.
Beltrán-Leyva-Organisation
Das Einflussgebiet der Beltrán-Leyva-Organisation erstreckt sich vor allem an der Pazifikküste. Die Gruppe hat sich 2008 von dem Sinaloa-Kartell abgespalten, ihre Macht wuchs. Doch seit Ende 2009 ist die Organisation geschwächt durch die Ermordung von zwei der fünf Beltrán-Leyva-Brüder. So starb Arturo Beltrán-Leyva (genannt "Boss der Bosse") in einem Gefecht mit Sicherheitskräften.
La Familia Michoacana
La Familia stammt aus dem Bundesstaat Michoacán, operiert aber in vielen weiteren Regionen. 2006 spaltete sich La Familie von Golf-Kartell und Los Zetas ab, mit denen es heute konkurriert und sich heftig bekämpft. La Familia ist bekannt für Enthauptungen und ihre quasi-religiöse Ideologie. Eine Führungsfigur heißt "El Más Loco" - der Verrückteste. (Quelle: World Drug Report 2010, Stratfor)
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Grafiken: Fakten zum globalen Drogenkrieg